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„Der Mama war kalt, ich musste sie wärmen!"

29/01/2016 12:19 CET | Aktualisiert 29/01/2017 11:12 CET
Chris Black via Getty Images

Sex, Nacktheit und verborgene Körperteile: Welche Ausreden zur Anwendung kommen können, damit das Kind nicht frühzeitig traumatisiert wird.

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„Was macht ihr denn da, warum seid ihr nackich!?" Sebastian ist lautlos aus seinem Bett geglitten und unbemerkt in unser Zimmer geschlichen.

Katastrophe! Eine der Urängste aller Eltern wird Wahrheit: Wir haben Sex und werden erwischt. Von unserem Sohn. Nun steht er in der Tür, Teddy in der Hand, fragender Blick im Gesicht, und reibt sich die Augen. Shitshitshit. Dabei hat der Abend doch so romantisch begonnen.

Es ist 20:30 Uhr. Die Kinder im Bett, die Knetreste vom Sofa gepult, die Spülmaschine gurgelt leise. In spätestens einer halben Stunde werde ich in einen komatösen Schlaf fallen. Seit ich Mutter bin, gehe ich noch zeitiger ins Bett als früher. Irgendwoher müssen die acht Stunden ja kommen. Also fange ich in der Regel weit vor Mitternacht an, sie anzusammeln.

Das Schlafdefizit, das man an einem unvernünftigen Abend mit Freunden oder dem Ehemann auftürmt, baut sich erst nach Tagen wieder ab. Daher: Lieber früh in die Kiste, denn spätestens um vier Uhr morgens wandelt sich das Elternbett in ein Familienlager.

Meine Tochter Constanze besetzt unsere Schlafstatt, und vorbei ist es mit der verdienten Nachtruhe

Meine Tochter Constanze besetzt unsere Schlafstatt, und vorbei ist es mit der verdienten Nachtruhe. Sie kreiselt im Schlaf durchs Bett, und wenn ich wegen ihrer zahlreichen Fußtritte keine blauen Flecken bekomme, habe ich Glück gehabt.

Wir spielen dann immer „Familie H.", denn irgendwann liegt unsere Tochter als Querbalken über unseren Bäuchen, und wir müssen uns dann am äußersten Rand des Bettes festkrallen. Halb neun abends ist also der Zeitpunkt, wo die Kinder bereits schlummern und ich noch halbwegs etwas mitbekomme.

Wir sitzen an jenem Abend also auf der Couch und schauen fern, klassische Abendgestaltung ermatteter Eltern. Denke ich zumindest. Wenn nicht Benedikt mir bereits seit einer halben Stunde vielsagende Blicke zuwerfen würde.

„Schatz, hast du was im Auge, es ist doch noch gar nicht Heuschnupfenzeit", sage ich. Er deutet in Richtung Schlafzimmer. „Also, 20:15 Uhr ist doch ein bisschen früh, oder? Willst du schon schlafen?

Lass uns doch heute mal so richtig einen drauf machen und den Tatort bis ganz zum Ende angucken. Ohne zu bügeln, einfach so. Ich hab noch Nüsschen irgendwo", schlage ich vor. Mein Mann: enttäuscht. Nach zehn Jahren Ehe und zwei Kindern verstehe ich seine subtilen Andeutungen einfach nicht mehr. „Komm! Zu! Mir!", sagt er mit Emphase. Aaaah, jetzt begreife ich. Hach, ist das schön, so viel Liebe und Begehren bei einem „alten Ehepaar".

Das ist doch auch ein netter Mann, den ich da habe. Hat einen Job, bringt die Kinder jeden Abend ins Bett und manchmal auch den Müll raus, und einen Bauch hat er auch nicht. Ich bin auch noch ganz passabel. Wische durchaus Staub, füttere die Kinder gelegentlich mit Gemüse und wasche mir noch immer regelmäßig die Haare.

Eigentlich sind wir doch ein schönes Paar! Und nicht nur eine Wohngemeinschaft mit zwei sehr, sehr jungen Hausbesetzern, die ständig die Wände mit Wachsstiften vollkritzeln und niemals aufräumen.

Ach, Sex, jaa, stimmt! Ich erinnere mich, so kamen wir ja erst in diese Kinder-Situation hier.

Vielleicht können wir ja wirklich mal wieder ... Wie heißt das noch mal, was Leute ohne Kinder als Hobby haben? Golfen? Nee ... frühstücken gehen? Auch nicht. Was, wie ...? Ach, Sex, jaa, stimmt! Ich erinnere mich, so kamen wir ja erst in diese Kinder-Situation hier.

Das Zeitfenster ist günstig, wenn auch knapp, also los jetzt! Wir spurten vom Wohnbereich ins Schlafzimmer - kurzer Check der Kinderatmung: gut, tief, ruhig. Keine Gefahr droht, und wir entledigen uns geschwind und gar nicht so ungelenkig unserer Bekleidung (das habe ich mir neulich in einer Deo-Werbung abgeschaut).

Doch kaum geht es zur Sache, steht Sebastian in der Tür. Hatte er sich nur schlafend gestellt? Egal, jetzt ist es sowieso zu spät. „Warum macht ihr so Geräusche? Ist euch schlecht?"

Erwischt! In flagranti! Vom eigenen Kind! Dabei machen wir doch nur das, was Kinderlose so oft und ungestört tun können. Hätten wir uns doch nur für Golf entschieden, das könnte man dem Kind jetzt viel leichter erklären.

Mein Mann wirft sich hektisch die Bettdecke über, und ich drehe mich schnell auf den Bauch. Als ob jemand eine Handgranate in unser Zimmer geworfen hat, liegen wir da und warten auf den Knall. Wir spielen jetzt so Verstecken wie unsere dreijährige Tochter Constanze, die sich die Hände vor die Augen legt und meint, unsichtbar zu sein. Lächerlich!

Ich fühle mich so ertappt wie damals beim Knutschen mit meinem ersten Freund

Ich fühle mich so ertappt wie damals beim Knutschen mit meinem ersten Freund, als meine Mutter ins Zimmer hereingeplatzt kam. Seinen eigenen Eltern und Kindern möchte man ja möglichst lange verheimlichen, dass man ein Mensch mit natürlichen Regungen ist.

Es hilft alles nichts. Wenn Sebastian jetzt kein Trauma davon tragen soll oder wir auch nicht als großes Gesprächsthema für den Pausenhof herhalten wollen, muss gelogen werden - und zwar so richtig!

„Jaaa, Sebastian, mir ist ganz schlecht. Der Papa tröstet mich jetzt. Mach dir keine Sorgen, du kannst wieder ins Bett gehen."

Mein Sohn schaut ungläubig. Der erste Versuch geht schon mal schief. Wir verstricken uns weiter. „Also, mir war nicht nur schlecht, sondern auch warm, und da musste ich mich ausziehen!" Ich fächere mir Luft zu, als wäre im Schlafzimmer kurzfristig eine Hitzewelle ausgebrochen.

Mein Mann kommt mir zu Hilfe: „Das war so, die Mama hatte Bauchweh, ich habe ihr also eine Wärmflasche besorgt, und da ist mir das ganze Wasser auf die Hose gelaufen, und dann habe ich mich ausgezogen, aber die Mama hat so doll geweint, dass ich schnell nackt hochgerannt bin und ..."

„Wo ist denn die Wärmflasche?" Warum muss unser Sohn auch immer so genau nachfragen! „Die ... habe ich ... aufgegessen. Ist so eine neue Flasche, die ist aus Kaugummi, und wenn man das Wasser rauslässt, kann man die essen. Die hier war Himbeer. Echt lecker."

Das Lügengebäude gerät ins Wanken

Was für ein super Einfall, unser Sohn ist doch kein Volldepp! Langsam komme auch ich nicht mehr mit bei unserer Lügengeschichte. Was ist wann passiert? Habe ich sonst noch irgendwelche Beschwerden? Das Lügengebäude gerät ins Wanken. Sebastian: völlig verwirrt.

„Hä, Mama hat doch gesagt, ihr wäre warm. Warum will sie dann noch eine Wärmflasche?" „Als ich die Flasche aufgegessen habe, wollte sie halt von mir gewärmt werden. Weil ich bin so ein toller ... Wärmer", sagt mein Mann.

„Und warum bist du auch nackich, Papa?" „Ich musste die Mama wärmen, der wurde ja dann kalt, nachdem ihr warm war ... und sie brechen musste." Igitt, wie eklig. Brechen. Musste das sein? „Das war bestimmt Sex, das hat mir der Leon erklärt", ist Sebastians Urteil nach der letzten Flunkerei.

„Der Leon hat doch gar keine Ahnung davon." Ein letzter, hoffnungsloser Versuch meinerseits. Die Rollen haben sich in diesem Moment umgekehrt. Unser Sohn, der strenge Richter, und wir zwei kleine Kinder, die mit Schokolade um den Mund herum behaupten, sie hätten wirklich nichts genascht.

„Doch, das machen Leons Eltern genauso. Wenn Leon im Bett ist, machen die sich nackich, und dann KNUTSCHEN die, und dann kriegt man Geschwister, sagt der Leon. Iiiiigitt!"

Genau. Igitt. Knutschen, Kinderkriegen. Von alldem will ich doch meinen unschuldigen Sohn noch fernhalten. Morgen weiß es bestimmt jeder. Was werden die Nachbarn sagen, die Freunde, die gesamte Schule? Schrecklich, schrecklich. „Sebastians Eltern tun es. Immer kurz nach der Tagesschau. Und dann so komische Wasserspiele!"

Na bravo, das wird sicher lustig. „Schatz, jetzt ist wirklich Schlafenszeit. Geh bitte wieder in dein Bett." Sebastian lächelt schief, schüttelt den Kopf und räumt das Feld. Keine Frage, er hat uns kein einziges Wort geglaubt. Vollkommen ermattet fallen wir in die zerwühlten Kissen. Das wird ein Nachspiel haben, und zwar für uns, so viel steht fest.

Der Mann in meinem Bett ist beleidigt.

„Liebster, bis morgen muss uns wirklich was Besseres einfallen als Brechen und Wärmen, das war ja wirklich erbärmlich", sage ich zu Benedikt. Der Mann in meinem Bett: beleidigt. Erst wurde sein mühsam eingefädeltes Liebesspiel unterbrochen. Und jetzt muss er sich auch noch Vorwürfe anhören.

„Du hast das doch angefangen mit den Lügengeschichten, da musste ich das auch zu Ende bringen", verteidigt er sich. Stimmt auch wieder, das hatte ich schon ganz verdrängt. Aber wenn man sich schon auf moralisches Glatteis begibt, sollte man eislaufen können. „Liebling, auch Constanze wird uns vielleicht noch einmal in flagranti erwischen. Wir sollten uns eine Lüge überlegen, die noch oft funktionieren kann."

In der kommenden halben Stunde reift in uns ein Plan. Dass wir Sebastian die Wahrheit sagen, kommt jedenfalls nicht in Frage. Dafür ist er einfach noch nicht bereit. Und wir schon gar nicht. Aufklärung, um Gottes willen, sind wir denn wirklich schon so weit? Sebastian ist sieben! Und außerdem: Das machen Kinder doch heute sowieso unter sich aus. Dazu brauchen die doch keine Greise, die ihnen kichernd und mit hochrotem Gesicht irgendein Märchen erzählen.

Über Fortpflanzung zu sprechen, fiel mir sowieso schon immer sehr schwer. Als Sebastian fünf war, führte ich mit ihm notgedrungen die von Eltern so geliebte Unterhaltung über die Bienchen und die Blümchen.

„Mama, wie war das eigentlich, als ich als Baby aus deinem Bein herausgekommen bin?" Ok. Das traf den Kern der Sache zwar nicht ganz, immerhin wusste ich jetzt aber, dass der Junge schon etwas erfahren hatte und die richtige Körperregion ungefähr orten konnte. Nun, da musste man dann ja nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Ich fasste mir ein Herz und sprach sie aus, die nackte Wahrheit.

Ja, also, ein Baby kommt aus der Vagina der Mama raus, zwischen den Beinen sozusagen

„Weißt du, ein Baby kommt zwischen den Beinen der Mutter raus!" „Häääää?" „Ja, also, ein Baby kommt aus der Vagina der Mama raus, zwischen den Beinen sozusagen." Raus war es. Und ich hatte sogar „Vagina" gesagt. Oh Gott, hatte ich jetzt meinen armen Jungen für immer traumatisiert?„Das DARF das Baby nicht! Außerdem hat Papa ja deinen Bauchnabel aufgemacht und dann ist das Baby da rein gesaust."

Aha. Ich merkte: Die anatomischen Kenntnisse beim Junior ließen auf weitere Nachfrage doch deutlich zu wünschen übrig. Aber wenn man einmal angefangen hatte mit dem Biologieunterricht, musste man ja auch weitermachen.

„Mhh, also, ja, äh ... Weißt du, so ein Baby entsteht aus dem Ei der Mama und dem Samen des Papa. Beide kommen zusammen, und dann entsteht ein Baby." Na, wenn das mal nicht eine kindgerechte und trotzdem wahrhaftige Erklärung des Zeugungsaktes war!

„Wie kommen die denn zusammen?" Mist. Ich konnte doch jetzt nicht erklären, wie das in Wirklichkeit vor sich geht ... Vielleicht doch etwas vom Wettlauf der Spermien erzählen? Nein, ich hab's!

„Also, das ist ein Wunder, das weiß nur der liebe Gott." Wenn man gar nicht mehr weiter wusste, half der liebe Gott im Himmel, so ist es doch. Ich fragte mich, ob der sich eigentlich freute, so oft wie ich ihn in der Kindererziehung erwähnte.

„Wo wohnt der Samen eigentlich?" Hiiilfe. Woher sollte ich das denn wissen? Keine Ahnung, wo der liebe Gott ihn hingesteckt hat ... Moment mal! Wozu hatte ich ein Smartphone? Ein Klick, und Wikipedia hatte die Antwort. Ich las und übersetzte quasi simultan.

„Der wohnt ... im Pipimann. Also, da in der Nähe. Rechts ... äh ... also, hinter dem Pipimann im ... Nebenhoden, glaube ich." „Und wo wohnt das Ei?" „Im Bauch von Mama, sozusagen." Nun wollte ich das Thema aber mal beenden. So viel Anatomie an einem Tag, das hat mich doch schon früher im Biologieunterricht überfordert.

„Der Pipimann wohnt in der Unterhose, das weiß ich!" „Richtig, da hat er es sich gemütlich eingerichtet, und jetzt darfst du ein bisschen KIKA schauen!" Das Angebot, fernzusehen klappte IMMER. An diesem Tag nicht. Mein Sohn blieb hartnäckig.

Wie kommt der Samen aus der Unterhose in den Bauch von der Mama?

„Wie kommt der Samen aus der Unterhose in den Bauch von der Mama?" „Äh ... also, das schafft der schon, also ... mhh ... der bahnt sich schon seinen Weg ... der ist sehr, sehr schlau." „Und dann isst das Baby im Bauch den Blutkuchen auf!"

„Den MUTTERkuchen." „Sind da Smarties drauf?" „Nein, natürlich nicht!" „Da ist das Baby bestimmt traurig!"

Hier habe ich die Konversation abgebrochen und noch lange darüber nachgedacht, warum der liebe Gott es nicht so einrichten konnte, dass die Plazenta ein Muffin mit vielen bunten Streuseln ist.

Aber heute Abend, da müssen wir uns einen Schlachtplan zurechtlegen, denn morgen werden wir noch einige Fragen beantworten müssen, das steht fest. „Die Idee mit der Wärmflasche ist doch eine gute Basis, die können wir ausbauen", sagt mein Mann.

„Also, mein Vorschlag: Wir haben ausprobiert, wer sich am schnellsten mit der Wärmflasche nass machen kann und dann nackig unter der Bettdecke liegt, als Spiel sozusagen." Mir fällt auch nichts Besseres ein, also willige ich ein. Der Morgen wird schrecklich, das ist klar.

Wie erwartet, nimmt am Frühstückstisch mein Sohn das unangenehme Gespräch nahtlos wieder auf. „Also warum wart ihr jetzt in echt nackich und der Papa hat so über der Mama gelegen?" „Das ist ein neues Spiel, das wir ausprobiert haben", lügt mein Mann drauflos. Sebastian schaut skeptisch.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Eine Mama am Rande des Nervenzusammenbruchs von Nina Massek. Die Autorin betreibt außerdem den Blog Frau Mutter.

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