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"Ich habe nie frei." Interview mit einer alleinerziehenden Mutter

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MUTTER SOHN
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Wenn ich schon manchmal total erschöpft bin von meinem Alltag mit Kindern, Job und Haushalt, wie muss es dann erst einer alleinerziehenden Mutter gehen? Wie meistern Alleinerziehende den Alltag? Fühlt man sich als alleinerziehende Mutter (und Vater) von Staat und Gesellschaft allein gelassen oder gibt es genug Unterstützung? Wird man vom Umfeld immer noch stigmatisiert und gibt es sogar positive Aspekte? Christine Finke ist Mama-Bloggerin und hat mit mir sehr offen und ungeschminkt über das Alleinerziehen gesprochen.

Welche Unterstützung erfährst Du im Alltag von Deinem Umfeld?

Die professionellen Begleiter meiner Kinder, wie die Kinderärztin, Erzieher und Lehrer reagieren sehr verständnisvoll, wenn ich ihnen unsere Lage schildere. So viel zum Positiven. Ansonsten steht meine Familie, die leider weiter weg wohnt, voll hinter mir, und auch die Familie des Kindsvaters, zu der ich den Kontakt halte. Die wohnen noch weiter weg.

Mehr Unterstützung gibt es nicht, weder moralisch noch praktisch oder finanziell, staatliche Hilfen wie Wohngeld und Kita-Zuschüsse mal ausgenommen.

Ist der Vater noch in die Erziehung/Verantwortung für die Kinder eingebunden?

Das hätte ich mir gewünscht. Oder andersherum: Ich konnte mir nie vorstellen, dass der Mann, mit dem ich elf Jahre gelebt habe, und mit dem ich drei Kinder bekam, sich nicht mehr für diese Kinder interessieren würde, wenn wir uns trennen. Leider nein, und es erfüllt mich mit Ohnmacht, Wut und Selbstvorwürfen (warum musste ich ausgerechnet den erwählen!?).

Das Sorgerecht teilen wir allerdings noch, das wird in Deutschland nur unter ganz extremen Umständen entzogen.


Was ist das Schlimmste am Alleinerziehen? Gibt es vielleicht sogar Positives?

Die Verantwortung, die man als Alleinerziehender trägt, rund um die Uhr, rund ums Jahr, für ein Kind, oder eben drei Kinder, ist das Schlimmste. Es ist wie bei einem Arzt, der immer in Bereitschaft ist. Das schlaucht unglaublich. Ich habe nie frei. Ich bin immer im Dienst, seit vier Jahren. Und es gibt keinen, an dessen Schulter ich mich mal ausheulen oder anlehnen kann.

Allerdings gibt es auch keinen, der zusätzlich zu den Kindern noch weitere Dinge von mir fordert. Ich muss keinen Sex haben, wenn ich nicht will, ich gehe ins Bett, wenn ich will, und gucke im Fernsehen das an, was mir gefällt. Niemand redet mir in die Erziehung oder mein Leben rein.

"Mein Mann ist ja die ganze Woche unterwegs, ich bin ja praktisch alleinerziehend." Was hast Du dazu zu sagen?

Siehe oben. Die Wochenenden sind übrigens der anstrengendste Teil der Woche für mich. Da bin ich von Freitag 16 Uhr, wenn die Kita schlieβt, bis Montag 8:30 Uhr pausenlos gefordert. Die beiden jüngeren Kinder streiten viel, das ist normal. Und ich hocke dann mit ihnen zuhause, weil wir kein Geld für schöne Ausflüge haben, und muss die Zeit irgendwie rum bringen. Ohne einen zweiten Erwachsenen, mit dem ich mal jenseits des Kinderniveaus reden könnte. Das kann sehr zäh sein.

Gibt es noch ein gesellschaftliches Stigma oder ist alleine erziehen mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert?

Ich erlebe es immer noch so, dass Alleinerziehende stigmatisiert werden. Speziell verheiratete Menschen geben einem zu verstehen, dass man sich doch hätte zusammenraufen müssen, oder eine Paartherapie machen, oder bestimmt beide Schuld hätten an der Misere. Als hätte man nicht alles versucht. Da wir aber immer mehr Alleinerziehende werden, wird sich auch das irgendwann geben.

Fühlst Du Dich als Alleinerziehende vom Staat ausreichend unterstützt? Welche konkreten Forderungen hast Du an die Politik?

Hahaha. Ausreichend unterstützt? Ich fühle mich nahezu komplett alleingelassen, angefangen beim Steuerrecht bis hin zu den Pflichten des Vaters, der Umgangsregelung und dem Recht auf Arbeit. Von Freizeit und Erholungsmöglichkeiten mal ganz zu schweigen.

Ich wünsche mir:

- Bevorzugung von Alleinerziehenden bei Bewerbungen (Recht auf Arbeit!)

- Pflichten für den Kindsvater, also dass er das Sorgerecht teilt (z.B. sich auch um kranke Kinder kümmern, den Umgang wahrnehmen, Interesse am Leben der Kinder zeigen)

- Dass Alleinerziehende nicht mehr wie Singles besteuert und mit einem lächerlichen Entlastungsbetrag, der sich nicht einmal nach der Zahl der Kinder richtet, abgespeist werden (1308 € pro Jahr!)

- Keine Steuervorteile für den Vater (hälftiges Kindergeld, Kinder hälftig auf Steuerkarte), wenn der Vater sich nicht um sie kümmert, keinen oder nur minimal Unterhalt zahlt

- Viele Generationen oder familienübergreifende, staatlich geförderte Wohnprojekte

- Mehr Rentenpunkte für Alleinerziehende, wenn sie die Erziehungsleistung ganz alleine erbringen

- Staatlich bezahlte Babysitter für Elternabende oder einfach ein Mal pro Monat einen Abend Ausgang. Letzteres ist undenkbarer Luxus für viele Alleinerziehende.

Mehr von Christine erfahrt Ihr auf ihrem Blog www.mama-arbeitet.de

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