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Karl Kraus und das stille Dulden

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Viel zu oft bleibt die künstlerische Auseinandersetzung mit dem ersten Weltkrieg oberflächlich. Ein Museumsbesuch zeigt, wozu das führen kann.

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Karl Kraus ist wieder en vogue. Sein viel zitiertes aber wenig gelesenes Antikriegsepos "Die letzten Tage der Menschheit" wird mit dem sich rasch nähernden 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges aus seinem literarischen Dornröschenschlaf erweckt und durch künstlerische Neuinterpretationen dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts angepasst.

Eine dieser Neuauslegungen ist bis April im Essl Museum in Klosterneuburg in Niederösterreich zu begutachten: Die Ausstellung illustriert ungewollt ein Grundproblem in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik Krieg in Europa: Moderne Kunst besticht durch ein oberflächliches Bekenntnis zum Pazifismus - dem stillen Dulden - ohne sich der tieferen Komplexität von Konflikt und Krieg anzunehmen.

Ratten als Kriegstreiber

In der von der österreichischen Künstlerin Deborah Sengl inszenierten Ausstellung werden die Akteure der einzelnen Szenen aus Kraus' Werk provokativ als weiße Futterratten gezeigt. Dies soll, laut Sengl und augenscheinlich getreu der Literaturvorlage, die Gesamtschuld aller europäischen Gesellschaftsschichten am Ersten Weltkrieg illustrieren.

Im Stück selbst wird jedoch sehr wohl auf die vermeintlichen Hauptschuldigen des Krieges hingewiesen: Journalisten ("Nicht, dass die Presse die Maschinen des Todes in Bewegung setzte - aber dass sie unser Herz ausgehöhlt hat, um uns nicht mehr vorstellen zu können, wie das wäre: das ist ihre Kriegsschuld!"), Kriegsgewinner, Offiziere, hohe Politiker und das Herrscherhaus der Habsburger ("Wissen Sie, wofür wir jetzt büßen? Für die Ehrfurcht, zu der uns solche Gestalten herausgefordert haben!"). Kraus selbst legt im Vorwort zum Stück "ein restloses Schuldbekenntnis, dieser Menschheit anzugehören" ab. Sein Alter Ego in der Figur des Nörglers ist in Folge auch die einzige Ratte, die in der Ausstellung mit einem schwarzen Fell versehen wurde.

Die vorgeblich tiefgründige künstlerische Auseinandersetzung im Essl Museum birgt jedoch die große Gefahr der Entpolitisierung des Krieges. Durch die farblich einheitliche Darstellung der Ratten, die eine geistige Gleichschaltung suggeriert, wird ihnen die Verantwortung für den Krieg entzogen: Wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig. Die Protagonisten sind zu passiven, nicht denkenden Akteuren degradiert. Der Krieg selbst wird so zur unbeeinflussbare Naturkatastrophe, ausgelöst von "anonymen [...] nicht fassbaren Massenmächte", so Kraus.

Die fehlende Differenzierung der übrigen Figuren macht aus der homogenen Masse der Ratten eine Armee der Mitläufer oder der "stillen Dulder" des Krieges, wie Erzherzog Karl Franz Joseph die Bevölkerung der Monarchie - freilich in einem anderen Kontext - in einer Ansprache 1916 bezeichnete.

Dieses "stille Dulden" ist unweigerlich mit einem Fatalismus verbunden: Eine Naturkatastrophe ist per Definition nicht zu verhindern, sondern nur einzudämmen, nach deren Ende die große Anstrengung des Aufräumens beginnt. So ist es gewiss kein Zufall, dass das österreichische Bundesheer auch heute noch vielerorts allem voran in seiner Rolle des Katastrophenhelfers wahrgenommen wird. Die wesentlich komplexere/vielschichtigere Frage der Kriegsschuld und der Sinnhaftigkeit des Krieges wird durch die fehlende Differenzierung der Figuren jedoch ausgespart.

Natürlich ist es nicht das Ziel einer Kunstausstellung diese Fragen zu beantworten, jedoch können Kunst und Politik nicht unabhängig von der Gesellschaft, in der sie eingebettet sind, entstehen. Es überrascht daher nicht, dass der europäischen und österreichische Außen- und Sicherheitspolitik oft ein "stilles Dulden" attestiert wird.

So manifestierte sich das "stille Dulden" in der jüngsten Geschichte nirgendwo mehr als in Österreichs (und Europas) Hilfslosigkeit während der Zeit der Balkankriege in den 1990er Jahren. Ganz im gesellschaftlichen Zeitgeist liegend beschränkte sich die österreichische Sicherheitspolitik auf das "Aufräumen" (die SFOR-, und KFOR-Einsätze des Bundesheeres), und das "Eindämmen" (Nachbar in Not, die Aufnahme von Flüchtlingen etc.), als das große Morden bereits mehr oder weniger vorbei war. Der Konflikt wurde lange geduldet, weil er gleich einer Naturkatastrophe schien, der man fatalistisch nichts entgegenzusetzen hatte.

Kein Krieg ist unvermeidbar

Kein Krieg ist jedoch unvermeidbar. Jeder Konflikt hat Schuldige und Unschuldige, Täter und Opfer. Mord und Totschlag kann, im Gegensatz zu einem natürlichen Desaster, durch energisches Handeln jedoch mitunter verhindert werden, wie es etwa im August und September 1995 in Bosnien-Herzegowina durch das Eingreifen der NATO der Fall war. Kraus selbst rief nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in seiner Zeitschrift "Die Fackel" "die europäische Staatsmanschaft" dazu auf, präventiv in Deutschland einzumarschieren.

Es ist daher zu einseitig und fatalistisch den Krieg auf die gleiche Stufe einer unausweichlichen Naturkatastrophe zu stellen, die Augen zu schließen, und ihn still und leise zu "dulden" was - wohl von der Künstlerin unbeabsichtigt - die Empfindung ist, mit der man die Ausstellung im Essl Museum verlässt.

Der Artikel ist Teil eines Specials zur Europawahl im Debatten-Magazin The European.

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