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Aktive Neutralität: Die Völkerschlacht von Leipzig und Österreich

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Zum 200ten Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig: Das zum Gründungsmythos der 2-ten Republik verklärte Konzept der Neutralität, bescherte dem Kaiserreich Österreich 1813 ihren vielleicht grössten diplomatischen Triumph.

schwarzenberg

Es ist der 23. Oktober 1813. Müde steigt der österreichische Feldzeugmeister Hieronymus von Colloredo vom Pferd. Seit Tagen verfolgt er und sein österreichisches Korps die geschlagenen Franzosen, die sich nach der verlorenen Schlacht von Leipzig über Weimar gegen Westen absetzen. Colloredo betritt das Haus am Frauenplan, welches seine Vorhut für ihn hier in Weimar als Unterkunft requiriert hat. Er wird vom Hausherren am Eingang empfangen. Ohne Rücksicht auf dessen Berühmtheit, fiel Colloredos Blick sofort auf den Orden, den der Hausherr stolz auf der Brust trug und meinte dazu schroff: "Pfui Teufel, wie kann man So-etwas tragen!" Johann Wolfgang Goethe hatte mit dem Tragen, des an ihn von Napoleon Bonaparte verliehenen Ehrenkreuzes der französischen Ehrenlegion, einen Skandal verursacht.

Festgehalten wurde diese Geschichte von Wilhelm von Humboldt, der zu dieser Zeit auch bei Goethe einquartiert war, in einem Brief an seine Frau. Der Brief war mit dem 26. Oktober 1813 datiert - jenem Tag, an dem genau 142 Jahre später die 'immerwährende Neutralität' Österreichs in einem Verfassungsgesetz verankert wurde. Eine Ironie der Geschichte: Denn ohne die konsequente österreichische Neutralitätspolitik von 1813, wäre Goethe, der selbst während der gesamten napoleonischen Zeit sich durchwegs neutral - manch einer würde es opportunistisch bezeichnen- gegenüber den verschiedenen Grossmächten verhielt, an jenem Tag wohl kaum von einem österreichischen Offizier zwangsbeglückt worden.

Anno 1813, war die österreichische Aussenpolitik ein gefährliches Doppelspiel, die einige als 'aktive Neutralität' bezeichneten, andere inoffiziell als typisches österreichisches 'Herumwurschteln' sahen - die Schwierigkeit sich für die eine oder andere Sache zu entscheiden. Letztendlich sicherte diese augenscheinliche Unentschlossenheit, das Überleben Österreichs in einer ihrer schwersten Krisen. Durch die aktive Neutralität gelang es Österreich, die Teilnahme am letzten Krieg gegen Napoleon solange hinauszuzögern, bis das Habsburgerreich, widerwillig aber doch, als führende Kraft in den Konflikt eintrat und massgeblich zur Niederlage von Napoleon Bonaparte beitrug. Als Konsequenz drückte Österreich, während des Wiener Kongresses, Nachkriegseuropa massgeblich seinen Stempel auf und ermöglichte das Überleben des Vielvölkerreichs für weitere 100 Jahre. Die Neutralität gilt selbst heute im demokratischen Österreich als heilige Kuh. Sie ist Teil der österreichischen Seele. 1813 war sie im Vorspiel zum Krieg das wichtigste diplomatischen Instrument im Arsenal Wiens.

Die Lage 1813

Im Jahre 1813 war das Kaiserreich Österreich am Tiefpunkt seiner politischen Existenz angelangt. 20 Jahre Krieg, mehrere verlorene Feldzüge, der Verlust wichtiger Gebiete - darunter die Illyrischen Provinzen und damit dem Zugang zur See - sowie hohe Staatsschulden (1811 musste das Land den Staatsbankrott erklären), und eine auf 150 000 Mann zusammengeschrumpfte Armee, machten aus der einstigen Grossmacht einen zweitklassigen Akteur auf dem diplomatischen Parkett Europas. Zusätzlich stand der österreichische Kaiser Franz I , durch die Heirat seiner Tochter Marie Luise mit dem Kaiser der Franzosen, in einer Personalunion. Durch einen Bündnisvertrag, der das Habsburgerreich zu einem de-facto französischen Vasallenstaat machte, musste Österreich für Napoleons Russlandfeldzug von 1812 sogar ein Kontingent von 30 000 Mann stellen. Österreichs Finanzkraft war so schwach, dass es wegen dieser Hilfeleistung beinahe erneut den Staatsbankrott erklären musste. Österreich drohte zwischen den Grossmächten Russland und Frankreich - seit dem 24. Juni herrschte Krieg zwischen beiden Nationen - zermalmt zu werden.

Das alte österreichische Diktum "nichts über das Knie zu brechen" und abzuwarten erwies sich hier als die beste Strategie. Das Habsburgerreich fürchtete zwei Dinge: "Erstens den Sieg Frankreichs, zweitens den Sieg der Feinde Frankreichs", so der Historiker Albert Sorel. Der seit 1809 amtierende Aussenminister Klemens von Metternich, war sich der prekären Situation Österreichs bewusst. In den 2 Jahrzehnten zuvor, bot das Kaiserreich wiederholt die meisten Soldaten gegen Frankreich auf, und immer wieder wurde es, nach einer Niederlage, von seinen Verbündeten, den Engländern, Preussen und Russen, fallengelassen. Metternich wusste, dass Österreich nur mehr Ressourcen hatte für ein Letztes aufbäumen, sollte sich Krieg nicht vermeiden lassen.

Aktive Neutralität

Obwohl Österreich als Verbündeter Napoleons in den Russlandkrieg von 1812 zog, teilte Metternich dem Zaren Alexander mit, dass Österreich sich mit seinem Kontingent nur in der Bukowina, abseits des Hauptheeres, bewegen werde. Die diplomatischen Beziehungen sollten trotz des Kriegszustandes aufrechterhalten bleiben. Österreich zog seinen Botschafter nicht von St. Petersburg ab. Der russische Botschafter verlegte seinen Sitz von Wien nach Graz. Friedrich von Gentz nannte diese Art der Diplomatie: 'Aktive Neutralität'.

Das erste Ziel dieser aktiven Neutralitätspolitik, musste das Beenden des offiziellen Kriegszustandes zwischen St. Petersburg und Wien sein. Als Metternich von der Niederlage Napoleons in Russland erfuhr, bat er sich als Vermittler zwischen den beiden Kriegsparteien, Russland und Frankreich, an. Napoleon willigte im Jänner 1813 ein. "Ich werde tun, was der Kaiser von Österreich will. Er ist mein Vater, mein Verbündeter, unsere Allianz ist für die Ewigkeit." so Bonaparte.

Die Niederlage der Grande Armée überlebte das österreichische Korps unter dem Kommando des Fürsten von Schwarzenberg beinahe unbeschadet. Durch die Vollmacht Napoleons als Vermittler zu agieren, verhandelt Österreich nun direkt mit Russland einen Waffenstillstand aus und verlegt sein Korps, von Warschau nach Krakau. Dies entblösst die Hauptstadt des Großherzogtum Warschau - einen wichtigen Verbündeten der Franzosen - und ist freilich nicht im Sinne Napoleons der diesen Zug als "übles Stück" bezeichnet, aber nichts weiteres unternimmt.

Metternich spielt ein bewusstes Doppelspiel der glaubhaften Abstreitbarkeit. Keiner seiner diplomatischen Winkelzüge kann eindeutig interpretiert werden. Als Bündnispartner hat er die Pflicht, Russland zu bekämpften. Vermitteln kann er gleichzeitig nur, wenn er sich mit keinem der beiden Länder im Kriegszustand befindet. Eine Logik die auch Napoleon einsehen muss.

Im Februar 1813 gehen Preussen - bis dato ebenfalls verbündet mit Frankreich - und Russland ein Bündnis gegen Napoleon ein, in dem sie schwören "Frieden oder Waffenstillstand nur einvernehmlich" zu schliessen. Schweden und England stossen bald hinzu. Im Artikel 7 dieses Vertrags von Kalisch, wird Österreich offiziell eingeladen, der Koalition beizutreten.

Obwohl Metternich im geheimen den Preussen das Bündnis mit Russland nahegelegt hat, bleibt das Angebot der Koalition zunächst unbeantwortet. Metternich liegt im Maerz 1813 mehrere Wochen krank im Bett. Kaiser Franz I zögert ebenfalls, einen Entschluss zu fassen. Sein persönliches Ehrverständnis untersagt ihm den offenen Bündnisbruch mit Frankreich. Es bleibt bei der 'aktiven Neutralität'.

Österreich sieht sich offiziell noch immer als Chefvermittler. Metternich entsendet Emissäre in das Lager der Allierten und zu den Franzosen. Er will den Franzosenkaiser in Sicherheit wiegen, den Russen und Preussen versichert er aber gleichzeitig, sollten die Verhandlungen mit den Franzosen platzen, Österreich sich anschickt, in "grösstmöglicher Übereinstimmung mit den allierten Mächten zu kooperieren."

Metternichs Doppelspiel fliegt im April 1813 beinahe auf, als er versucht, im geheimen Bayern und Sachsen, beide Staaten sind mit Napoleon alliiert, zum Seitenwechsel zu bewegen. Er will sie als Verbündete Österreichs gewinnen um nicht nur Frankreich, sondern auch Preussen, welches sich Sachsen einverleiben will, zu trotzen. Napoleon erfährt davon. Er weiß, daß dies Hochverrat ist, doch ist er längst auf dem Weg nach Deutschland mit einer neuen Armee, um die Russen und Preussen abzustrafen. Mit Österreich würde er sich dannach beschäftigen.

Der Krieg bricht aus

Der Krieg bricht also aus und Österreich sieht zu. Bei Lützen kommt es am 2. Mai zur ersten Schlacht. Die vereinten preussischen und russischen Armeen werden geschlagen. Am 20. und 21. Mai kommt es zu einen weiteren Gemetzel bei Bautzen in Sachsen. Es sind schwer erkämpfte Siege für Napoleon. Zusammen kosten diese beiden Schlachten den Kriegsparteien fast 70.000 Mann an Toten und Verwundeten. Wegen der in Russland zugrunde gegangen franzoesischen Kavallerie, kann Napoleon seine Siege aber nicht ausnützen.

Als sich die geschlagenen Allierten Armeen von Sachsen nach Schlesien zurückziehen, schlägt Metternich einen Waffenstillstand vor, der am 4. Juni von beiden Seiten angenommen wird. Kryptisch schreibt er seiner Frau: "Der erste grosse Schritt wurde gesetzt, liebe Freundin!" Napoleon zählt nüchtern die zwei Hauptgründe für seine Einwilligung gegenüber dem französischen Kriegsminister Clarke auf:" Mein Kavalleriemangel und die feindliche Position Österreichs."

Der russische Zar, impulsiv und volatil, schreibt verzweifelt an den österreichischen Kaiser: "Mit einem Wort können sie über das Los Europas entscheiden - noch einmal, die Zeit drängt!" Napoleon befiehlt seiner Frau Marie Louise, der Tochter Franz I., den österreichischen Kaiser mit Briefen zum beibehalten der Allianz mit Frankreich zu überzeugen. Sie soll an die Familienbande appelieren.

In Böhmen arbeitet in der Zwischenzeit Fürst von Schwarzenberg fieberhaft am Aufbau einer neuen österreichischen Armee. Er schreibt an Metternich, dass sie erst frühestens in der 2. Augustwoche kampfbereit sein wird. Aus der Aktiven, soll nun auch eine bewaffnete Neutralität werden. Es sind die letzten Tage des Mai. Der österreichische Kaiser begibt sich nach Gitschin in Böhmen. Symbolisch liegt er nun den allierten Armeen in Schlesien und Sachsen näher.

Der Seitenwechsel

Am 10. Juni werden erstmals in einem geheimen Treffen, Operationspläne, die Österreich einbeziehen, von den Allierten in Wurschen ausgearbeitet. Der Seitenwechsel steht kurz bevor. Metternich fährt nach Dresden. Vordergründig um mit Napoleon über eine Friedenskonferenz zu verhandeln und die Forderungen der Allierten zu übermitteln. Im geheimen jedoch, ist seine Mission, auch Napoleon zu überzeugen, Österreich aus dem Bündniss mit Frankreich zu entlassen.

Die Zusammenkunft am 28. Juni, die der Historiker Guenter Müchler "Das weltgeschichtliche Duell von Dresden" nennt, dauert 8 ½ Stunden und ist Stoff von Legenden. Napoleon soll rasend seinen Hut durch das Zimmer geschmissen haben. Er wollte Metternich und Österreich einschüchtern. Gleichzeitig war er erbost über die Dreistigkeit, des in seinen Augen anachronistischen morschen Staatgebildes, welches sich einbildete, durch Diplomatie den Feldherren in die Schranken zu weisen: "Da schmeichelt sich Österreich, ohne einen Schuss abzugeben, ohne den Degen zu ziehen, mich überrreden zu können, solche Bedingungen zu unterschreiben...!" In Summe würden die Forderungen der Allierten, das Ende des Napoleonischen Reiches in Mitteleuropa bedeuten. Metternich weiss, dass Napoleon dem nie zustimmen würde.

Klemens von Metternich will dennoch ernsthaft versuchen, einen Frieden ohne Kriegseintritts Österreichs zu erreichen. Vor allem die österreichische Niederlage von 1809, hat in ihm tiefe Spuren hinterlassen. Der Krieg war zu unberechenbar, um ein sicheres Instrument der Aussenpolitik zu sein. Ausserdem hätte dem eitlen Aussenminister, ein Krieg temporaer in die 2. Reihe degradiert - Diplomaten werden auf dem Schlachtfeld nicht gebraucht.

Napoleon kündigt das Bündnis mit Österreich am 30. Juni, ein wichtige Formalität, vor allem für Kaiser Franz I.. Metternichs Gedanken waren präziser: Napoleon, nicht Österreich sollte als Aggressor dastehen, falls der Krieg ausbricht. Gleichzeitig willigt Napoleon für einen Friedenskongress in Prag ein, der im Juli und August, unter der Federführung Österreichs, stattfinden soll. Um sich beidseitig abzusichern, hatte Österreich bereits am 27. Juni, heimlich die Konvention von Reichenbach unterzeichnet, die besagt, dass das Kaisereich auf allierter Seite in den Krieg eintreten wird, sollten die Verhandlungen nichts erreichen.

In Prag glaubt keiner der Delegierten mehr an den Frieden. Zu den Verhandlungen erscheinen keine Minister, sondern, mit der Ausnahme der Delegation Frankreichs, Diplomaten niederen Ranges. Die französische Delegation besitzt jedoch keine Vollmacht irgendeinen Entschluss zuzustimmen. Ein letzter Briefwechsel zwischen dem französischen Chefverhandler Caulaincourt und Metternich, resultierte nur in einer Wiederholung der allierten Forderungen an Napoleon, welches einem Ultimatum Österreichs an Frankreich gleichkommt: Aufgabe des französischen Empires in Mitteleuropa - oder Krieg!

Vom 10. auf den 11. August verstreicht Österreichs Ultimatum. In jener Nacht signalisieren Leuchtfeuer auf den Hügeln um Prag, den Eintritt Österreichs in den Krieg auf Seiten der Allierten. "Der grosse Moment ist endlich gekommen!" schreibt Metternich an seine Frau. Am 12. August erreichte die französchische Delegation noch ein Kurier Napoleons, mit der verzweifelten Instruktion "unter allen Umständen Frieden zu schliessen". Es war ein letzter Versuch Napoleons, die sich gegen ihn formierende Koalition zu spalten.

Österreich stellt mit 300.000 Kampftruppen das grösste Kontingent an Soldaten und konsequenterweise den neuen Oberbefehlshaber, der Vereinten allierten Armeen: Fürst Schwarzenberg, jener General, der vor einigen Monaten noch die Österreicher gegen Russland geführt hatte. Am 16. bis 19. Oktober wird die Völkerschlacht von Leipzig geschlagen, die blutigste Schlacht die je auf deutschem Boden stattfand. Napoleon wird besiegt. Der Wiener Kongress im darauffolgenden Jahr, ordnet Europa komplett neu. Österreich steigt wieder zur Grossmacht auf.

Trotz ihrer Schwäche hatte sich die Habsburgermonarchie, durch ihre Neutralitätspolitik, fast unbemerkt, eine strategisch und politisch günstige Position gesichert. Metternich meinte später in seinen Memoiren, als er über sein delikates Doppelspiel und Österreichs aktive Neutralitaet sinnierte: "Eine ähnlich exzentrische politische Stellung hat die Geschichte aller Zeiten nicht aufzuweisen, und wird ein zweites Beispiel dieser Art, wohl nie mehr zu verzeichnen haben."

Literaturhinweise:

1813: Die Völkerschlacht von Leipzig und das Ende der alten Welt, Andreas Platthaus
1813: Napoleon und Metternich und das Weltgeschichtliche Duell von Dresden, Günter Müchler

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