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Digitale Innovationen in Südafrika: Motivierte Jugend, kein Geld

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Südafrika ist eine der leistungsstärksten Wirtschaftsmächte auf dem afrikanischen Kontinent. Der BRICS-Staat hegt große Hoffnungen, bald auch zu den wichtigen Global Playern zu gehören. Doch der Weg ist noch weit: Mehr als zwanzig Jahre nach Ende der Apartheid und Gründung der neuen Republik hat das Land mit vielen innergesellschaftlichen Problemen zu kämpfen.

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Traumhafte Kulisse Kapstadt: Hier sind die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Landes am wenigsten zu spüren.

Auch wenn die ökonomische und soziale Entwicklung insgesamt viel fortgeschrittener ist als in den Nachbarstaaten Südafrikas, scheint sich das Land weiterhin in einem einzigartigem Zwischenzustand zwischen 1. und 3. Welt zu befinden.

Die schicken Strandpromenaden Kapstadts, entlang derer sich die Geschäfte großer Namen wie Aston Martin, Louis Vitton oder Gucci aufreihen, hinterlassen einen fahlen Beigeschmack angesichts der notdürftig zusammengebastelten Hütten in den Townships an den Rändern der großen Metropolen.

Der hohe Gini-Koeffizient (verwendet für das Maß der Ungleichheit oder Gleichheit der Verteilung von Einkommen in einem Land) macht es deutlich: Südafrika rangiert auf Platz 118 von 187. Viele Südafrikaner leben unterhalb der Armutsgrenze, ein Viertel ist arbeitslos. Die hohe Unzufriedenheit der Bevölkerung eskalierte bei den jüngsten xenophobischen Attacken gegen Immigranten in Durban und Umgebung.

Die Gesellschaft ist jung und ohne Perspektive

Die Vielfältigkeit der Probleme spiegelt sich wider in den verschiedenen Themenschwerpunkten, der von mir besuchten Projekte in Johannesburg und Kapstadt: diese erstrecken sich von HIV-Beratung, politische Awareness-Kampagnen, Geburtsberatung, Bildungsprogramme, über Gewaltprävention, Jobvermittlung, Computerkurse und Gemeindearbeit.

So unterschiedlich die Problembereiche jedoch scheinen, zielen sie fast alle auf die selbe Zielgruppe ab: junge Südafrikaner im Alter zwischen 15-25 Jahren. Immerhin ein Viertel der Gesamtbevölkerung Südafrikas. Über die Hälfte unter ihnen ist arbeitslos und besucht auch keine weiterführenden Schul- oder Ausbildungsprogramme. Ohne Geld und unter Umständen schon einer eigenen kleinen Familie schlagen sie sich durchs Leben, perspektiv- und hoffnungslos.

Die Formel ist demnach ziemlich einfach: Wenn sich in Südafrika wirklich etwas bewegen soll, Veränderungsprozesse angestoßen, Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig gestärkt werden sollen, dann nur unter Einbeziehung der Jugend.

Die Motivation etwas zu verändern ist hoch...

Besonders beeindruckt war ich zum Beispiel von der Gesundheitsorganisation HIVSA, die gleich ein ganzes Repertoire an Technologien nutzt, um jungen Mädchen kostenlose Beratung in allen wichtigen Lebensfragen anzubieten: eine Website, ein partizipatives Online-Magazin, eine Telefonhotline, ein Online-Game und alle möglichen Social-Media Kanäle.

Voller Enthusiasmus sind auch die Mitarbeiter der VIP-Campaign, die mit ihren youtube-Videos und Online-Debatten Jugendliche in Südafrika zu mehr politischer Teilhabe motivieren wollen.

Tracey vom Westbury Youth Center hat mich ganze drei Stunden mit leuchtenden Augen durch die neuen Räumlichkeiten geführt, die sie erst vor wenigen Wochen bezogen haben: Neben einem Computer-Lab, einer Bibliothek, Kochkursen und Gartenanlage betreibt das Zentrum sogar einen eigenen Radio-Sender bei Soundcloud, wo jeder, der Lust und eine interessante Story zu erzählen hat, mitmachen kann. Einzige Kriterien sind Toleranz und Akzeptanz, es gibt keine Tabu-Themen und niemand wird verurteilt.

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Die Radiostation im Westbury Youth Center mag sehr klein sein, die Podcasts haben inzwischen aber eine große Zuhörerschaft.

So hoch das Engagement der Menschen, die ich im Rahmen unserer Forschungsreise lab around the world treffen durfte, vielleicht sein mag, so niedrig sind leider die Finanzmittel, die ihnen für die Realisierung ihrer Projekte zur Verfügung stehen. Die Frage "Wovon finanzieren wir uns nächstes Jahr?" schwebt wie ein Damoklesschwert über allen von ihnen und verstärkt die Sorgenfalten in ihren Gesichtern.

Internationale Organisationen, die lange Zeit wichtige Geldgeber für kleine lokale NGOs darstellten, verlagern ihre Schwerpunkte in andere afrikanische Länder, ziehen Büros, Personal und damit auch ihre Förderprogramme ab. Jeder Strohhalm wird deswegen ergriffen - einer meiner Interviewpartnerinnen hatte den Antrag für einen neuen Fonds mit enger Deadline sogar während unseres Gesprächs ausgefüllt.

... doch die knappen Geldmittel verhindern den Aufbau eines Netzwerks

Natürlich nimmt damit auch die Konkurrenz zwischen den Projekten um die verbliebenen Geldmittel zu. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, warum die Vernetzung unter den Projekten so schlecht ist. Aus Angst, andere könnten gute Ideen (und damit Gebermittel) klauen, findet wenig Austausch zwischen den einzelnen Organisationen statt - kein Raum für Synergien, voneinander lernen, neuen Ideen.

Stattdessen existieren viele Projekte im selben Themenbereich still nebeneinander - und entwickeln dann wie im Fall von Choma und girlztalk (beide übrigens in Johannesburg) den gleichen Lösungsansatz, eine Online-Beratung für junge Mädchen, inklusive Moderatoren-Team, Jobberatung, Gesundheitstipps usw. Auf Nachfrage haben beide angeblich nie voneinander gehört - wenige Tage später treffe ich eine aktive Netzwerkerin, die bereits vergeblich versucht hatte, die beiden miteinander in Kontakt zu setzen. Der Kuchen ist einfach zu klein.

Warum For-Profit das neue Non-Profit wird

Einige lösen das Problem auf andere Weise. Weil der zunehmende Druck durch die Finanzierungsprobleme wenig Raum für Innovation, Kreativität (und vor allem: Scheitern) lässt, entschied sich Andy Hadfield sein Zeitspenden-Portal forgood, zu einem profitorientierten Unternehmen auszubauen.

Ganz nach dem Motto: Auch wenn ich Gewinne erzielen will, kann ich trotzdem etwas Gutes tun. forgood verbindet Freiwillige mit Projekten: Man meldet sich an, gibt an, worin man gut ist und kostenlos Hilfe anbieten kann. Das Programm verbindet dann das Angebot mit der Nachfrage, in diesem Fall der Organisation.

Während der Service bis hierhin noch kostenlos ist, bietet forgood darüber hinaus großen Firmen gegen Bezahlung an, ihre Mitarbeiter im Rahmen bestimmter Zeitspenden-Tage wie zum Beispiel dem Nelson Mandela International Day an Projekte zu vermitteln. Das ist gut fürs CSR und spielt auf die immer strengeren Vorlagen ein, die inzwischen aus der südafrikanischen Politik kommen.

Dieser neue Wohlfahrtsgedanke wird zugleich deutlich an der zunehmenden Spendenbereitschaft der Südafrikaner. In der letzten Ausgabe des World Giving Index ist Südafrika nach Kenia das wachstumsstärkste Land was das Spendenvolumen angeht: 4,5 Mio. Südafrikaner hatten im Vergleich zum vorangegangenen Jahr zusätzlich gespendet!

Und der Bedarf ist groß - immerhin existieren rund 160.000 kleine und große, nationale und lokale Organisation, die sich engagieren und Unterstützung brauchen. Online wird leider noch wenig gespendet. Plattformen wie zum Beispiel Given Gain existieren zwar, werden aber noch nicht von der breiten Masse angenommen.

Welche Rolle spielen digitale Technologien?

Überhaupt scheint das "digitale" bei den meisten sozialen Projekten eher im Hintergrund zu stehen. Tech-Tools werden dort angewendet, wo sie nutzbringend sind und zur Skalierung beitragen können. Das ist an sich nicht zu kritisieren. Allerdings gibt es auch wenig Freiraum für Kreativität und Innovation, in dem sich talentierte Köpfe zusammensetzen und an neuen Ideen arbeiten können.

Marlon Parker, bekannt in Südafrika als Gründer von rlabs, einer Organisation, die kostenlose Workshops für Computer-Skills, Unternehmertum und Management anbietet, kritisiert in unserem Gespräch die mangelnde Bereitschaft der Politik, in diesem Problembereich nach zu steuern: "We could be driving change and innovation".

Doch wer Zeit und Geld in eine entsprechende Ausbildung investiert, verläuft sich selten im unterbezahlten sozialen Sektor. Öffentliche Förderprogramme könnten hier entgegenwirken und Tech for Good, also Technologien, die für einen gemeinnützigen Zweck entwickelt werden, vorantreiben. Doch die Notwendigkeit solcher Unterstützung wurde bisher noch nicht erkannt. Bei rlabs steuert man deshalb einfach selbst dagegen und bietet entsprechende Programme und Fördermöglichkeiten für junge Sozialunternehmer an.

Labs und Hubs scheinen für diesen Zweck insgesamt eine wichtige, wenn nicht die einzige Anlaufstelle zu sein. Sie wirken als Motor und Antrieb für viele Innovationen und bieten Raum für Austausch zwischen Menschen, die mit ähnlichen Ideen, allerdings völlig unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinandertreffen.

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Im Innovation Hub in Pretoria tummeln sich die Büros vieler Startups, die zum Teil landesweit bekannt sind.

In diesem Raum entstehen wunderbare Projekte, digital oder nicht, vor allem aber sozial, die sich der Probleme in dem Land annehmen wollen. Sie variieren zwar in Größe und Reichweite, Budget und Mitarbeiteranzahl - sie alle aber vereint der Glaube in eine bessere Gesellschaft, in der zukünftig alle Bürger unter den selben Voraussetzungen leben und ihr Land Mitgestaltung können.

Für viele Projekte, die ich den Wochen meiner Recherche getroffen habe, mag der Weg noch lang und steinig sein - an Motivation und Ideen mangelt es jedoch nicht.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe "lab around the World".
Weitere Informationen finden Sie hier.

Soziales Engagement: Der betterplace lab Jahresfilm 2014

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