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"Die ständige Angst, einen Fehler zu machen" - Wie der Perfektionismus mein Leben zerstört

07/06/2017 14:19 CEST | Aktualisiert 08/06/2017 18:49 CEST
Tara Moore via Getty Images

Perfektion. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Nicht etwa weil mein Leben so perfekt ist, sondern vielmehr, weil ich seitdem ich denken kann, danach suche.

Selbst wenn ich mir immer wieder vor Augen halte, dass das kein Mensch jemals erreichen kann - bei allem was ich tue, möchte ich unbedingt die perfekteste Version meiner selbst sein.

Sei es mein Charakter, mein Aussehen, meine Leistung in der Arbeit oder meine Noten in der Uni - läuft etwas nicht so, wie ich mir das vorstelle, dann beginne ich, meine Persönlichkeit und meine Fähigkeiten zu hinterfragen.

Ich gestand mir nicht zu, einen Fehler zu machen

Angefangen hat das schon in der Schule. Seit der Grundschule war ich gesegnet mit guten Noten und habe mein Abitur mit einer 1,3 abgelegt. Das alles fiel mir noch relativ leicht - obwohl ich immer fleißig war.

Ohne hart zu arbeiten, fühlte ich mich bereits damals nicht gut. Ich war der Streber, der bis kurz vor der Prüfung noch die Lernzettel in der Hand hatte. Nicht weil es mich besonders glücklich machte, gute Noten zu schreiben. Sondern weil ich wusste, wenn es nicht gut werden würde, wäre ich enttäuscht von mir selbst.

Einen Fehler zu machen, eine schlechte Note zu schreiben, das gestand ich mir nicht zu.

Der einzige Unterschied zu heute: Damals hat es mir noch nicht viel ausgemacht.

Heute bin ich 20 Jahre alt. Ich studiere Kommunikationswissenschaft und Jura, arbeite 20 Stunden die Woche und finanziere mein Leben völlig eigenständig.

Und plötzlich macht es mir etwas aus. Es ist mein selbst auferlegter Druck, perfekt sein zu wollen. Ich merke, wie er mein Glück zerstört, wie er mich selbst dauerhaft runterzieht, wenn ich mit all meinen Kräften versuche, alles richtig zu machen.

Ist jemand enttäuscht von mir, halte ich das nicht aus

Ich möchte meine Arbeit perfekt erledigen, gute Noten in der Uni schreiben, einen tollen Lebenslauf in der Tasche haben, meine Freundschaften pflegen und eine gute Freundin für meinen Freund sein.

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Ich quetsche Praktika in meine Semesterferien. Ich zwinge mich abends um 10 Uhr noch dazu, Sport zu machen, damit ich bei all dem auch noch gut aussehen kann. Und ich versuche, zwischen Arbeit, Vorlesungen und Lerngruppen meine Familie zu besuchen - wie es eine perfekte Tochter eben tut.

Schaffe ich nicht alles, kann ich nicht aufhören, mich über mich selbst zu ärgern.

Ist jemand enttäuscht von mir, halte ich das nicht aus.

Am Ende versuchen wir alle nur, glücklich zu sein

Immer wieder frage ich mich, warum das so ist. Warum strebe ich, wie so viele andere Menschen in meinem Alter, auf so ungesunde Weise nach der Perfektion meiner eigenen Person?

Vielleicht ist die Antwort darauf ganz einfach. Wir versuchen doch am Ende alle, glücklich zu sein. Glücklich mit uns selbst, mit unseren Beziehungen und unserem Beruf.

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Dass dieses Glück nur durch harte Arbeit zu erreichen ist, das hat sich wohl irgendwann bei mir eingebrannt.

Einige Experten sind sich sicher, dass das schon in der Kindheit passiert. Zum Beispiel wenn Eltern nur Lob aussprechen, wenn das Kind etwas in ihren Augen "Richtiges" getan hat - oder, wenn sie den Perfektionismus vorleben.

Irgendwann schaffe ich alles, was ich möchte

Ich bekam den Ehrgeiz und den Drang, ein immer höheres Ziel erreichen zu wollen, wohl von meinem Vater mit in die Wiege gelegt. Er arbeitet hart und achtet dabei selten auf seine Gesundheit. Er war immer erfolgreich in seinem Beruf und hat es bis ganz nach oben geschafft.

Mein Vater ist in dieser Hinsicht mein Vorbild. Er hat mir gezeigt, dass man mit einem eisernen Willen alles schaffen kann, was man möchte. Aber ich habe für mich erkannt, dass es einen Punkt gibt, an dem Ehrgeiz selbstzerstörerisch wird.

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Fleiß ist eine gute Sache, harte Arbeit ist wichtig und Selbstreflexion auch. Vielleicht ist das für mich alles ein kleiner Bestandteil meines Glücks. Schließlich möchte ich zufrieden mit mir sein und - wie mein Vater - irgendwann alles schaffen, was ich möchte.

Irgendwann heißt aber nicht sofort.

Ich bekomme einige Dinge noch nicht so perfekt hin, wie ich das gerne hätte. Aber ich weiß, dass das meine Freude am Leben nicht bremsen darf. Ich weiß, dass ich trotzdem hin und wieder einen Gang zurückschalten muss.

Denn vor allem weiß ich, dass ich jetzt schon glücklich und zufrieden sein will. Nicht erst, wenn ich es irgendwann eventuell schaffe, die perfekte Version meiner selbst zu sein.

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