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Kinderwunsch Coach: Warum kein Strafbeitrag für Kinderlose gefordert werden darf

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Ich lese Artikel über die Forderungen der Jungen Union Deutschlands hinsichtlich ihrer Vorstellungen zur Rentenpolitik. Und als Kinderwunsch Coach muss ich der Jungen Union, und insbesondere dem JU-Chef Paul Ziemiak, doch deutlich widersprechen.

Ich fordere mehr Ausgewogenheit - sowohl in der politischen Betrachtung als auch in der Positionierung der - der Union angehörigen - JU.

Ich bin etablierter Kinderwunsch Coach. Das heißt, ich unterstütze diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ein Kind zu bekommen - und bei denen es trotz vieler (oftmals reproduktionsmedizinischer) Bemühungen nicht klappt.

Die Forderungen der Jungen Union Deutschlands erscheinen mir wie Hohn. Denn die JU fordert, das Rentensystem dahingehend anzupassen, dass diejenigen, die kinderlos sind, eine 'Strafabgabe' von 1% ihres Bruttoeinkommens entrichten sollen, um diejenigen, die Kinder bekommen, letztlich zu unterstützen.

Ja, mir ist durchaus bewusst, dass wir - schon alleine ob des Fachkräftemangels und damit aus der ökonomischen Perspektive heraus - zu wenige Kinder in unserem schönen Land bekommen.

Ja, es gibt auch Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen ganz bewusst gegen Kinder entscheiden. Aber v.a. gibt es in Deutschland ca. sechs Millionen (ich wiederhole: ca. sechs Millionen) Menschen, die ungewollt kinderlos sind; ca. vier Millionen davon kann durch den hohen Standard der Reproduktionsmedizin nach oftmals langen Jahren starker Belastungen in allen Lebensbereichen doch noch zu dem gewünschten Kind verholfen werden.

Das heißt aber auch, dass ca. zwei Millionen Menschen in unserem Land keine Kinder bekommen KÖNNEN. Und das Wort „können" ist dabei das Entscheidende.

Das heißt: Wir sprechen über zwei Millionen Menschen, die gerne ein Kind haben würden - und trotz aller Bemühungen keines bekommen KÖNNEN. Diesen Menschen möchte Herr Ziemiak und die Junge Union nun nochmals belasten.

Was halte ich also aus der Perspektive des Kinderwunsch Coaches von den Ideen des JU-Chefs?

Ich sage: Ja bravo! Ein weiterer 'Strafbeitrag'! Nicht nur, dass Kinderlose heute schon in der Pflegeversicherung einen solchen ‚Strafbeitrag' zahlen müssen - nun schlägt die Junge Union Deutschlands auch noch vor, dass Kinderlose künftig 1% ihres Bruttoeinkommens (!) abführen müssen.

Um es mal ganz klar zu sagen: Ja, unser Renten-System in Deutschland basiert, vereinfacht gesagt, darauf, dass „junge" arbeitende Menschen die Renten derjenigen bezahlen, die eine arbeitende Lebensleistung erbracht haben und jetzt im Alter, zu Recht, Früchte ernten sollen.

Und aus demographischen Gründen ist es, gelinde gesagt, hilfreich, möglichst viele solcher „jungen arbeitenden Menschen" zu haben, weil die Rentenbezieher immer mehr werden. Also brauchen wir auch immer mehr Kinder, die später unsere Renten bezahlen.

Glauben Sie bitte nicht, dass mir das nicht klar ist. Aber ich frage mich schon, ob es wirklich fair ist, denjenigen, die gerne zu diesem demographischen Renten-System (mal ganz nüchtern formuliert) mit einem Kind beitragen wollen - aber es schlicht nicht können -, einen solchen Strafbeitrag aufzubrummen.

Oder will die Politik demnächst Nachweise einfordern, bspw. in Form von medizinischen Belegen, die einer noch zu definierenden Behörde vorgelegt werden müssen, ob man theoretisch ein Kind haben könnte oder nicht?!

Ungewollte Kinderlosigkeit sollte nicht bestraft werden. Ich bin ein Freund davon, Familien mit Kindern in unserer Gesellschaft zu fördern - auch finanziell.

Wir können uns schlicht eine Gesellschaft mit wenigen oder gar sehr wenigen Kindern nicht leisten. Aber ich finde: Fördert die Familien - am liebsten mehr Förderung je mehr Kinder eine Familie hat.

Aber lassen wir es doch nicht alles beim Alten und erhöhen einfach mal nur die Beiträge für Kinderlose! Am Ende ist es für uns Kinderlose die gleiche finanzielle Bilanz - aber wir fühlen uns weniger ausgegrenzt, wenn wir keinen (weiteren) ‚Strafbeitrag' zahlen müssen.

Belohnung statt Bestrafung - der Ton trägt auch viel zu Musik bei.

Dazu kommt noch eine ganz anderen Perspektive: Ich glaube, dass der absolute Großteil aller Menschen in unserem Land nicht nach rein finanziellen Gesichtspunkten entscheidet, ob sie ein Kind bekommen - oder nicht.

Um es zugespitzt zu sagen: Ich möchte nicht, dass Menschen, die eigentlich das Gefühl haben, dass sie nicht oder noch nicht für ein Kind bereit sind, sich für ein solches entscheiden, bloß um einer ‚Strafzahlung' zu entgehen, der laut JU-Vorschlag ja bereits ab einem Alter von 25 Jahren greifen soll.

Ich finde: Wir sollten in unserer Gesellschaft für die Wahlfreit des Familienmodells stehen und nicht für die Wahl (oder aus Sicht der ungewollt Kinderlosen: durch medizinisches Faktum) eines bestimmten Modells bestraft werden.

Die Union steht für Eigenverantwortung und gegen einen Staat mit erhobenem Zeigefinger. Das sollte so bleiben. Und das gilt insbesondere auch dann, wenn Menschen gar nicht die Wahl haben, ein Kind zu bekommen, weil er oder sie schlicht kein Kind bekommen KANN.

Wir brauchen vielmehr eine öffentliche Debatte darüber, was zur niedrigen Geburtenrate in unserem Land beiträgt und sollten alles dafür tun, die Rahmenbedingungen dafür zu verbessern. Weil wir als Gesellschaft uns das selbst schulden.

Was wir nicht brauchen, ist eine Stigmatisierung und Verurteilung der Menschen, die kein Kind haben. Denn wir wissen nicht, was ihre Gründe dafür sind.

In meinem täglichen Erleben als Kinderwunsch Coach ist ein hohes Leid damit verbunden, kinderlos zu sein. Hier kann ein Strafbeitrag nicht die richtige Antwort sein. Vielmehr wäre es richtig
1. Diejenigen, die Kinder bekommen bzw. haben, stärker zu fördern und zu unterstützen,

2. ein Bewusstsein für Diejenigen zu schaffen, die ungewollt kinderlos sind (ja, es sind nicht alles nur karriere-fokussierte, egomanische Menschen!),

3. Unterstützungsmaßnahmen zu ergreifen, dass die sechs Millionen Menschen, die hiervon betroffen sind, nicht mehr psychisch un-unterstützt ihrem stillen Leid ausgeliefert sind (ja, psycho-soziale Begleitung und Unterstützung ist in dieser, Jahre dauernden Lebensphase oftmals existentiell wichtig und muss aber meistens zu 100% privat bezahlt werden. Und das in einer Phase, in der bei Vielen jeder verfügbare Cent in die teure Reproduktionsmedizin fließt!) und

4. dürfen wir uns als Gesellschaft schon auch fragen, ob wir genug tun, um diese Menschen finanziell bei reproduktionsmedizinischen Maßnahmen zu unterstützen, die, wenn sie Erfolg haben, ja zu mehr geborenen Kindern führen und damit auch das Rentensystem sichern.

Ich biete Herrn Ziemiak gerne ein Praktikum bei mir in meinem Kinderwunsch Büro an.
Vielleicht entstehen dann neue Einsichten, die ihm das christliche Menschenbild, das die Union ja auszeichnet - aber hier höchst nachrangig zu sein scheint - vielleicht auch in diesem Aspekt näher bringt. Gerade die Junge Union, in der man bis zum Alter von 36 Mitglied sein kann, sollte nicht nur ein Interesse an der Sicherung der Rente haben sondern auch ein Auge auf die anderen Fragestellungen der Altersklasse haben: Wie viele JU Mitglieder sind denn gerade mit Kinderwunsch-Fragen beschäftigt? Ich behaupte: Sehr viele!

Mit den Ideen rund um den ‚Strafbeitrag für Kinderlose' tut er sich, der JU und der Union keinen Gefallen.

Eine kinderfreundliche Gesellschaft, und eine solche wünsche ich uns allen, ist keine, die Kinderlose ausgrenzt. Ich sage laut und deutlich: Wenn wir ausgrenzen statt das Gewünschte zu fördern, stehen wir am Rande des Abgrunds unserer Gesellschaft. #thinkaboutit



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