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Mein Körper ist die Geburtsexpertin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PREGNANT WOMAN
Michael Poehlman via Getty Images
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Wie bereite ich mich auf die Geburt vor, von der ich glaube, dass sie einfach, sanft und schmerzfrei ablaufen kann? Und warum ist es mir so wichtig, eine kleine Expertin auf diesem Gebiet zu sein?

Für mich war es wichtig in einem ersten Schritt zu verstehen, wie eine Geburt eigentlich abläuft, wenn man sie in der ganz ursprünglichen Form betrachtet. Wenn ich das wirklich verstanden habe, dann kann ich sehen, wie ich meinen Körper bestmöglich auf die Geburt vorbereiten und während des Verlaufs unterstützen kann.

Wenn wir einen Beruf ausüben wollen, dann machen wir in der Regel eine Ausbildung oder besuchen die Universität. Wenn wir bei der Arbeit unsere berufliche Rolle erweitern oder verändern wollen, dann stehen meistens Weiterbildungen oder Workshops auf dem Plan.

Eine ganz neue Herausforderung

Das kennt jeder und das scheint auch für jeden halbwegs normal zu sein. Für mich persönlich bedeutet "Mami werden" eine ganz neue Rolle in meinem Leben zu schaffen. Durch die Elternzeit wirkt es zusätzlich auch fast so, als würde man für mehrere Monate einen ganz neuen Beruf ausüben.

Warum also nicht all die wichtigen Themen, die das Mami-Sein so mit sich bringt, studieren und richtig lernen?

Das klingt jetzt schlimmer als es ist. Am Ende reicht es meiner Meinung nach vollkommen aus, sich einfach über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder mit dem Thema zu beschäftigen. Auf eine Art und Weise, die zu einem passt und sogar Spaß macht.

Für mich funktioniert so etwas am besten über Bücher und Videos. Ich liebe es, gemütlich zu lesen oder Videos zu schauen und dabei ein Thema komplett aufzusaugen. Neben dem Buch "Hypnobirthing - Der natürliche Weg zu einer sicheren, sanften und leichten Geburt" habe ich mir auch "Das Stillbuch" gekauft und kann dir beide Ausgaben wirklich von Herzen empfehlen.

Meine "Mami-Ausbildung" habe ich im zweiten Monat begonnen und möchte jetzt (endlich!) mit dir teilen, was ich über den Geburtsprozess für mich gelernt habe.

Ich bin keine studierte Medizinerin. Deshalb hab bitte Nachsehen mit mir, dass ich es einfach auf meine Art und Weise erkläre. Ich bin mir sicher, dass dies ausreicht, um dir einen ersten Überblick zu geben.

Zusätzlich würde ich dir empfehlen (falls es sich richtig für dich anfühlt), einfach mal für dich zu recherchieren und in Büchern zu stöbern. Keine Angst, wenn du jetzt schon im zweiten oder dritten Trimester bist. Eine Freundin von mir hat sich erst zwei Wochen vor der Geburt mit dem Thema "schmerzfreie Geburt" intensiver beschäftigt und hat tolle Erfahrungen damit gemacht. Es ist also nie zu spät.

Der natürliche Geburtsprozess...

... beginnt eigentlich schon viel früher. Der Körper übt im dritten Trimester immer mal wieder die Wellen (Dieses Wort wird nicht nur beim Hypnobirthing, sondern auch ganz oft im Zusammenhang mit der natürlichen Geburt verwendet.

Da ich für mich immer von Wellen spreche, schreibe ich hier auch von Wellen). Diese frühen Übungswellen erkennt man daran, dass der Bauch hart wird, sich aber nach einer Weile wieder entspannt. Diese Wellen sind meistens unregelmäßig und schmerzfrei. Viele Frauen bemerken sie oft auch gar nicht.

Der Körper übt aber schon einmal - ziemlich clever, wie ich finde. Am Ende würden wir für ein großes Ereignis, sei es eine Klausur oder ein Wettkampf, ja auch üben und nicht einfach drauf los rennen oder schreiben.

... wird vom Kind eingeleitet. Wenn unser Baby im Bauch soweit ist um auf die Welt zu kommen (manchmal früher, manchmal später als errechnet), schüttet es Hormone aus die dem Körper der Mama das Startsignal für die Geburt geben. Für mich ist es total wichtig und mein großer Wunsch, diesen Punkt natürlich abzuwarten und nicht einzuleiten, wenn es nicht wirklich medizinisch notwendig ist.

... besteht im Großen und Ganzen aus zwei Phasen. Der Öffnungs- und Verkürzungsphase folgt die Geburtsphase. Für mich zählt auch noch die erste Kontakt- bzw. Verbindungsphase (also die ersten Minuten und Stunden von Mama, ggf. Papa und Kind) als dritte Phase hinzu.

... ist also schlussendlich eine Sache zwischen unserem Baby und unserem Körper. Wir können einfach noch liebevoll unterstützen und dafür sorgen, dass dem Prozess (falls medizinisch keine Notwendigkeit besteht) nichts im Wege steht. Unser Kind bestimmt gemeinsam mit unserem Körper das Tempo des Geburtsprozesses.

... wird nicht von medizinischem Personal oder Hebammen geleitet. Sie unterstützen und begleiten uns.

Die Öffnungs- und Verkürzungsphase

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Diese Phase zeigt, dass der Geburtsverlauf begonnen hat. Man erkennt ihn an den rhythmischen Geburtswellen (Wehen), welche in regelmäßigen Abständen auftreten. Der Blasensprung kann vor, während oder nach dieser Phase auftreten.

Er ist aber kein fester Bestandteil. Die rhythmischen Wellen sorgen dafür, dass der Gebärmutterhals sich verkürzt und der Muttermund öffnet. Unser Baby schiebt sich also mit Hilfe unseres Körpers in Richtung Leben. Wenn der Abstand zwischen den Wellen dreineinhalb bis viereinhalb Minuten beträgt, ist es Zeit, den gewählten Geburtsort (Krankenhaus, Geburtshaus, oder den Raum zu Hause) aufzusuchen.

Es kann passieren, dass Wellen in längeren Abständen (ab 5 Minuten) auch nach einer längeren gleichmäßgen Zeit wieder verschwinden. Geduld ist also gefragt - meine absolute Stärke;-) Diese Phase geht in die Geburtsphase über, wenn der Muttermund vollständig geöffnet ist, der Gebärmutterhals sich komplett verkürzt hat und die Wellen in ihrer Intensität stark und wirkungsvoll immer schneller hintereinander kommen.

Intuitiv merken wir, dass wir komplett geöffnet sind und es nun darum geht, das Baby hinaus zu bringen. Ich liebe Metaphern: In dieser Phase kann man sich eine Schüssel vorstellen, in die das Baby langsam hinein gleitet. Wer mit Bildern nichts anfangen kann, kann auch einfach bei den biologischen Bildern bleiben :-)

Die Geburtsphase

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In dieser Phase wird das Kind durch die Beckenöffnung hinabgeleitet. Die Wellen (Wehen) werden immer länger und intensiver (warum intensiv nicht schmerzhaft heißen muss, dazu in späteren Blogbeiträgen mehr). Unsere Körpertemperatur schwankt in dieser Phase. Mal ist uns heiß, dann auf einmal wieder kalt.

Es ist die Phase, in der wir unser Kind im wahrsten Sinne des Wortes bekommen. Der Körper pulsiert und wir werden instinktiv wissen, wann es Zeit ist unser Baby nach unten zu schieben (nicht zu pressen, aber auch dazu später mehr). Meistens ist genau in diesem Moment das Köpfchen zu sehen.

Diese gesamte Abwärtsbewegung kann vollkommen ruhig und ohne Hektik verlaufen. Der Körper weiß genau, was zu tun ist, pulsiert rhythmisch und schiebt das Baby durch die Wellen auf die Welt - der Körper schiebt von ganz allein, wir müssen nicht krampfhaft mitpressen. Das Köpfchen folgt (falls keine Beckenendlage ist) zuerst, der restliche kleine Körper schiebt sich über die Schulter drehend aus dem Becken hinaus.

Die Hebamme oder wir selbst empfangen den kleinen Körper und legen ihn direkt auf den Bauch oder Brustbereich. Zurück zu meinen Metaphern: Das passende Bild hierzu wäre eine Blütenknospe, die sich nach und nach entfaltet und ihr gesamtes Wesen zum Vorschein bringt.

Die erste Verbindungsphase

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Es scheint, als wäre der Prozess schon vorbei. Dennoch ist die erste Phase der Verbindung aus meiner Sicht ebenfalls total wichtig. Es ist der Zeitpunkt, an dem unser Baby das erste Mal Luft holt und beginnt zu atmen.

Ich habe in meinem Leben immer wieder gehört, dass die Nabelschnur direkt (am besten vom Papa) durchtrennt wird. Dann habe ich aber von einem weitaus sanfteren Start in das Leben gelesen.

Die Nabelschnur, durch die unser Baby ja die letzten zehn Monate „geatmet" hat, pulsiert direkt nach Herauskommen des Babys noch. Das kann bis zu 30 Minuten dauern und so versorgt sie den kleinen Menschen in dieser Zeitspanne noch weiterhin mit Sauerstoff über das Blut - zusätzlich zum Atmen.

Wir können uns einfach samt Baby zudecken lassen und warten, bis das Pulsieren vorbei ist und dann die Nabelschnur durchtrennen. Der natürliche Stillprozess beschreibt, dass das Baby direkt in dieser ersten Zeit intuitiv nach der Brust sucht und mit dem Saugen beginnt (Wenn die Geburt so natürlich wie möglich abgelaufen ist, sollten alle Beteiligten noch genügend Kraft hierzu haben).

Durch diesen Saugreflex wird im Körper ein Hormon ausgeschüttet, welches dabei hilft, die Nachgeburt in Gang zu bringen. Nachdem die Plazenta herausgekommen ist und das Baby von der Nabelschnur getrennt ist, endet diese Phase.

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Diesen gesamten Prozess kann man sicher noch viel detaillierter, wissenschaftlicher oder medizinischer beschreiben. Mir geht es aber darum, dass du erst einmal ein Grundverständnis zum Geburtsverlauf bekommst.

Mir hat das damals total geholfen, um zu verstehen, dass mein Körper und auch mein Baby ziemlich intelligent sind und genau wissen was zu tun ist.

Erinnerst du dich an die Tiergeburten? Die Körper der Tiere scheinen genau zu wissen, was zu tun ist. Da muss niemand mit „pressen...pressen"-Rufen anfeuern, denn das würden die Tiere nicht mal verstehen. Auch sind keine Schmerzmittel notwendig - lediglich Geduld und Zuneigung, damit die Natur ihren Lauf nehmen kann.

Ich möchte selbst Geburtsexpertin sein und die Verantwortung nicht einfach an Hebammen, Ärzten oder medizinisches Personal abgeben. Verstehe mich nicht falsch, ich möchte nicht die ganze Medizin-Welt schlecht machen.

Wenn ich mir in so einer wichtigen Situation aber nicht selbst sicher bin, dass mein eigener Körper die Geburt (im Regelfall) ganz allein schafft und ich höchstens mit Atmung und Entspannung unterstützen kann, erlebe ich schneller meine eigene Horrorgeburtsstory samt vieler unnötiger Medikamente, als mir lieb ist.

Ich glaube daran, dass Schmerzen, Leid und Qualen bei der Geburt deshalb entstehen, weil wir Frauen unseren Körper eben nicht so gut kennen, wie wir es eigentlich könnten.

Weil wir unserem Körper und unserem Baby (so wie die Tiermamis) nicht vollkommen vertrauen und dadurch schneller verkrampfen, Angst bekommen und uns hilflos fühlen. Diese Reaktionen verzögern oder behindern im schlimmsten Fall den natürlichen Geburtsprozess und wir erleben, was wir glauben und wovor wir Angst haben.

Die Autorin betreibt den Blog EinfacheGeburt.de

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