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Unser Fleisch enthält bald alles - außer Fleisch

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BUTCHER MEAT
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Für den Fleisch- und Wurstliebhaber gibt es kaum etwas Schlimmeres als einen Gammelfleischskandal, glaubt man jedenfalls.

Dennoch kaufen die meisten Konsumenten trotz aller Aufregung schon nach kurzer Zeit die gleichen Produkte. Sind wir wirklich so gleichgültig geworden? Beschäftigen wir uns wirklich nicht mehr mit dem, was wir essen?

Die Industrie schiebt die Schuld dem Verbraucher zu

Nach jedem Skandal rechtfertigt sich eine Industrie, die für ihre Unredlichkeit bekannt ist, indem sie die Schuld an den eigenen kriminellen Machenschaften elegant dem Verbraucher zuschiebt: Die Nachfrage nach Billigfleisch bestimme eben die Produktion.

Schon durch ihre Monopolstellung hat die Fleischindustrie kein Interesse daran, ihre funktionstüchtige Maschinerie zu verändern, und nutzt zusätzlich noch die Politik, um ihre Prozesse zu legalisieren. Für den Konsumenten bedeutet das einerseits noch mehr Intransparenz, andererseits gibt es ihm weiterhin das Gefühl, gar keine Wahl beim Kaufverhalten zu haben.

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Es wird Zeit, dass wir aufwachen

Seit meiner Metzgerlehre 1969 hat sich das Metzgerhandwerk selbst demontiert, indem man sich auf industriell gefertigte Gewürzmischungen eingelassen hat. Diese standardisierten Mischungen, wie zum Beispiel „Fleischwurst Gold", ersparten zwar Arbeit, aber zerstörten - zusammen mit dem Zukauf von industriell gefertigten Wurstwaren statt der Eigenproduktion - die frühere Geschmacksvielfalt.

Diese Naivität, das fehlende strategische Denken der Metzger und die Skrupellosigkeit der Großkonzerne ermöglichten es der Fleischindustrie, den Metzger über einen gnadenlosen Preiskampf als Konkurrenten auszuschalten. Der Konsument jubelte über die Billigpreise - denn Moral schmilzt schnell dahin, wenn man dafür zur Kasse gebeten wird.

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Im Anschluss enterte die Industrie die Politik, um eine Privatisierung der Schlachtanlagen zu erreichen und damit die Fleischproduktion eigenständig überwachen und unabhängige Kontrollen verhindern zu können. Für den Konsumenten bedeutete dies einen weiteren Schritt in Richtung Intransparenz.

Trotz der Rinderseuche BSE in den 90ern, die durch Fleischkonsum auch auf den Menschen übertragen werden konnte, hatte die Politik kein Interesse daran, die Probleme wirklich anzugehen, sondern beruhigte den Verbraucher floskelhaft mit einer Verschärfung der Gesetze.

Wir müssen das Schmierentheater beenden

Gleichzeitig arbeitete die Industrie daran, trotz niedriger Preise für Fleisch- und Wurstwaren große Gewinne zu erzielen, und entwickelte dafür neue Zusatzstoffe, um beispielsweise Kochschinken mit nur 42 Prozent Fleischanteil produzieren zu können.

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Durch den Aufbau einer beispiellosen Wertschöpfungskette bestimmt die Fleischindustrie von Abnahmeverträgen mit Viehhändlern über die Schlachtung bis hin zur Wurstproduktion alle Komponenten. Fallen Zulieferer beispielsweise wegen mangelnden Tierschutzes auf, weist die Industrie jede Schuld von sich und wäscht sich die Hände in Unschuld, obwohl sie eigentlich der Hauptverursacher ist.

Es wird Zeit, dass wir aus unserer Lethargie aufwachen und das Schmierentheater beenden. Sonst enthält unsere Wurst in ein paar Jahren alles, Vorstellbares und Unvorstellbares, nur kein Fleisch mehr.

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