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Warum die Welttourismusorganisation dringend reformiert werden muss

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Die UNWTO, die Welttourismusorganisation, steht vor großen Herausforderungen. Mitte Mai wird in Madrid ein neuer GeneralsekretĂ€r gewĂ€hlt. Es geht um ein „weiter so" oder um eine Neuausrichtung der Weltorganisation. Sechs MĂ€nner und eine Frau bewerben sich um das Amt des GeneralsekretĂ€rs. 

Kritiker werfen der Organisation vor, ineffizient zu sein und vor allem ihre eigentlichen Ziele zu vernachlĂ€ssigen. „Zu viel Statistik, zu wenig Aktion und wenn, dann auch noch fragwĂŒrdig", heisst es immer wieder. Kanada hat beispielsweise 2013 das UN Gremium verlassen, aus Protest, weil sich die die Organisation stark mit autoritĂ€ren FĂŒhrern arrangierte.

Damals ausgerechnet mit Simbabwes Machthaber Robert Mugabe. Der damalige und noch GeneralsekretĂ€r der Organisation, Taleb Rifai, lobte damals „die herzliche Gastfreundschaft" und fĂŒgte hinzu: "Wenn wir hierher kommen, ist es Anerkennung, eine BestĂ€tigung des Landes dass es ein sicheres Ziel ist." Menschenrechtsorganisationen aber auch Staaten waren entsetzt. Kanada verließ daraufhin die UNWTO.

Weltweit wichtigster Wirtschaftszweig

Dass der Welttourismus eine UN Dachorganisation braucht, ist unumstritten. Denn Tourismus ist neben der weltweiten Automobilindustrie die wichtigste Wirtschaftsbranche weltweit. Rund 1,23 Milliarden Menschen waren im vergangenen Jahr auf einer Reise unterwegs, sei es privat oder geschÀftlich, allein die HÀlfte aller Reisenden kamen nach Europa. In den kommenden Jahren bis 2030 wird mit starken ZuwÀchsen gerechnet, 1,8 Milliarden Menschen sollen dann jÀhrlich auf Reisen sein.

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Die UNWTO muss reformiert werden meine viele Kritiker.

ArmutsbekÀmpfung als Ziel
In der Weltdachorganisation der Tourismus sind zur Zeit neben 157 Staaten auch 400 assoziierte Mitglieder aus dem Privatsektor Mitglied zusammengeschlossen. Viele Kritiker vermissen vor allem die UnterstĂŒtzung der UN Ziele, was die ArmutsbekĂ€mpfung in vielen Teilen der Welt angeht.

Nicht die rein touristische Entwicklung könne das Ziel sein. Anstatt auf eine weitere rein zahlenmĂ€ĂŸige touristische Expansion hinzuwirken, die vor allem die bereist starken TourismuslĂ€nder begĂŒnstigt, sollte die nachhaltige Entwicklung der bisher ungenutzten Tourismuspotenziale in jenen LĂ€ndern gefördert werden, die das am nötigsten haben, wie beispielsweise in den kleinen Inselstaaten und den am wenigsten entwickelten LĂ€ndern.  

Gerade dort sei die Schwankungen im Bereich des Tourismus, beeinflusst etwa durch Naturkatastrophen, Seuchen aber auch durch internationale Finanz- und WĂ€hrungskrisen am stĂ€rksten spĂŒrbar. Dazu muss die UNWTO endlich stĂ€rker mit den dort von anderen UN-Organisationen durchgefĂŒhrten Förderprogramme zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) kooperieren und diese vom Potenzial des Tourismus ĂŒberzeugen. Denn in der UN-Familie wird die UNWTO weiterhin als eher exotische Organisation der Vielreisenden betrachtet, die meint, mit immer neuen Tourismusrekorden punkten zu können, und nicht als ernsthafter Partner fĂŒr nachhaltige Entwicklung.  

Dabei versagt die UNWTO auch hier. Denn die von ihr immer wieder prĂ€sentierten Zahlen von mehr als einer Milliarde weltweit Reisender entpuppen sich bei genauer Betrachtung als eine Milliarde Reisen ĂŒber LĂ€ndergrenzen hinweg - jeder der mehr als eine solcher Reisen jĂ€hrlich macht (und davon soll es viele geben), taucht so mehrfach in dieser Statistik auf.

Aufgaben der UNWTO
GrundsĂ€tzlich stehen auf der Agenda der UNWTO stehen zwei große strategische Ziele. Zum einen die Verbesserung der WettbewerbsfĂ€higkeit des Tourismusangebots der Mitgliedstaaten, Förderung von QualitĂ€t und ArbeitskrĂ€ftepotenzial, UnterstĂŒtzung des Marketing, Erzielung von Reiseerleichterungen, Bereitstellung von Informationen und Statistiken zu nationalen und internationalen Tourismustrends, Marktvorausschau, Analyse des wirtschaftlichen Potenzials des Tourismus.

Zum anderen die Erhöhung des Beitrags des Tourismus zu allen Aspekten von Nachhaltigkeit und Ethik, vor allem zu Armutsminderung und Umweltschutz, Klimawandel und Erhalt der biologischen Vielfalt, und die Integration des Tourismus in die nachhaltige und armutsmindernde Wirtschaftsentwicklung von touristischen Regionen.

Dabei soll sich die UNWTO, die ihren Sitz in Madrid hat,  fĂŒr die Umsetzung des Globalen Ethikkodexes fĂŒr Tourismus einsetzen, um den sozioökonomischen Beitrag des Tourismus zu erhöhen und mögliche negative Auswirkungen des Tourismus zu minimieren. 
Kritiker werfen der Organisation vor, dass man zwar von Nachhaltigkeit rede, aber nicht entsprechend handele.  So fehle an vielen Stellen die Einbeziehung der Zivilgesellschaft in Entwicklungsprozesse.

Neuwahl des GeneralsekretÀrs
Bei der bevorstehenden Wahl zum neuen GeneralsekretĂ€r geht es also auch um eine Frage der zukĂŒnftigen Ausrichtung und Politik der UN Organisation.

Sieben Kandidaten haben sich zur Wahl gestellt. Der Armenier Vahan Martirosyan, Marcio Favilla aus Brasilien, Zurab Pololikashvili, aus Georgien, Walter Mzembi aus Zimbabwe, der Kolumbianer Jaime Alberto Cabal Sanclemente, Alain St. Ange von den Seychellen und aus SĂŒdkorea Mme. Dho Young-Shim im Team mit Carlos Vogeler. Letzteren wird vorgehalten, Teil des alten Systems zu sein, doch Kenner der Materie wissen, dass die Umstrukturierung einer derartigen Organisation, mit ihren unterschiedlichen - zum Teil divergierenden Interessen der Mitgliedsstaaten - nur ĂŒber intime Kenntnisse auch der inneren AblĂ€ufe der Strukturen zu meistern ist.  

Vor allem das Team Dho Young-Shim und Carlos Vogeler versprechen eine Reform der UNWTO. Ein „weiter so" könne es nicht geben, heißt es von deren Seite. 

Beide kennen die Organisation und haben die dringende Notwendigkeit ihrer Erneuerung erkannt. Ziel ist es, vor allem, wichtige TourismuslĂ€nder fĂŒr die UN-Organisation zu gewinnen, also Kanada zurĂŒckzuholen oder GesprĂ€che mit den USA zu fĂŒhren. Auch die skandinavischen Staaten, klassische Geldgeber im Sinne von Entwicklungshilfe sind keine Mitglieder der Welttourismusorganisation.

 „Wir benötigen eine schlanke, agile und lieferorientierte Struktur mit der notwendigen Transparenz der internen Prozesse sowie eine solide HaushaltsfĂŒhrung um eine effektive Generierung freiwilliger BeitrĂ€ge zu schaffen", meint dann auch Carlos Vogeler. 

Neben zahlreichen internen ErneuerungsvorschlĂ€gen will man die Weltorganisation des Tourismus zu einer „ beispielhaften Organisation fĂŒr nachhaltige Entwicklungslösungen wandeln, die grĂŒnes Wachstum initiiert und noch stĂ€rker auf den Klimawandel eingeht. Damit einher gehen konkrete AnsĂ€tze zur Verbesserung der Umwelt- und Sozialperformance des Tourismus sowie Partnerschaften zur EindĂ€mmung des Klimawandels und fĂŒr das ĂŒberall geforderte grĂŒne Wachstum zu entwickeln. Vor allem als Werkzeug der ArmutsbekĂ€mpfung - auch im Sinne der von der UN verabschiedeten Ziele der nachhaltigen Entwicklung, (Sustainable Development Goals SDGs) - soll sich die Weltorganisation entwickeln. 

Dho Young-Shim , weiss da, wovon sie spricht. Schließlich hat sie das bisher einzige UNWTO-Programm zur Armutsminderung intiiiert „Sustainable Tourism-Eliminating Poverty" (ST-EP), und die dafĂŒr notwendige Finanzierung bei der koreanischen Regierung und anderen weltweiten Partnern akquiriert. Sie leitet dieses Programm bis heute, und hat daraus eine weitere interessante Initiative gestartet, die den Bildungsnotstand in armen lĂ€ndlichen Regionen addressiert.

Bei der „Thank You Small :Library (TYSL) Initiative finanzieren Sponsoren v.a. Privatunternehmen im Rahmen einer Private-Public-Partnership weltweit kleine Bibliotheken in Dorfschulen. Bisher wurden 180 solcher Schulbibliotheken in 20 LĂ€ndern vor allem in den Ă€rmsten LĂ€ndern Afrikas eingerichtet, in denen Kinder keinen einfachen Zugang zu Lese- und Studieneinrichtungen haben. Der Grundgedanke dabei ist, dass Bildung der SchlĂŒssel zur ArmutsbekĂ€mpfung ist.