BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Frank Tetzel Headshot

Darmkrebs: Angehörige sollten das Risiko nicht unterschätzen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DOCTOR WORRIED
Hero Images via Getty Images
Drucken

Das Darmkrebsrisiko ist immer dann besonders hoch, wenn erstgradig Verwandte, also Geschwister oder Eltern, schon einmal am Darmkrebs erkrankt waren.

Doch wie erreicht man die Verwandtschaft, und wie kann man sie dazu bewegen, eine für sie so besonders wichtige Vorsorgeuntersuchung zur Darmkrebsprävention zu machen?

Dieser Frage ging die FAMKOL Studie (Transdisziplinäre Förderung der Screening Teilnahme bei Personen für kolorektale Karzinome = FAMKOL) nach, die sich mit der Frage auseinander setzte, welche Art von Kommunikation optimal ist, die Zielgruppe zu erreichen. Die Ergebnisse wurden jetzt in Berlin präsentiert.

Mehr als 60.000 Neuerkrankungen im Jahr

Die Zahlen der Darmkrebserkrankungen sind trotz vieler Verbesserungen, die in den letzten Jahren zu verzeichnen war, immer noch Besorgnis erregend: Jedes Jahr erkranken über 63.000 Menschen in Deutschland an Darmkrebs.

Dabei kann ein jeder Darmkrebs gänzlich verhindern, wenn er rechtzeitig und regelmäßig zur Vorsorge geht. Die Darmkrebsvorsorge ist Teil der gesetzlichen Krankenversicherung und wird ab dem 55. Lebensjahr von den Kassen voll übernommen.

„Trotzdem gehen bisher nur maximal 20 von 100 Anspruchsberechtigten wirklich zur Untersuchung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von Unwissenheit von Vorsorgemöglichkeiten über Scham und Angst vor der Untersuchung bis hin zur schlicht fehlenden ausdrücklichen Empfehlung durch den Hausarzt", erläutert Professor Dr. Jürgen F. Riemann, Vorsitzender der Stiftung Lebensblicke, die diese Studie als Schirmherrin ins Leben gerufen hatte.

Wenn Darmkrebs in der Familie auftritt, steigt das eigene Risiko auf bis zu das vierfache der Normalbevölkerung an

"Die Fragen, die die Studie beantworten sollte, waren daher:

Wie lassen sich Menschen mit erhöhtem Risiko für Darmkrebs gezielt zur Vorsorge motivieren ? Kann durch ein nicht-ärztliches Informationsgespräch die Hemmschwelle zur Vorsorgekoloskopie abgebaut werden?" fragt Professor Dr. Max Reinshagen, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Braunschweig.

Die Studie war europaweit die größte Studie unter Alltagsbedingungen, die gezielt Menschen mit familiärer Vorbelastung zur Vorsorge motivierte.

Die Studie wurde in Halle am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Martin-Luther-Universität unter Leitung von Prof. Dr. Margarete Landenberger und Dr. Alexander Bauer durchgeführt und vom Bundesministerium für Gesundheit mit 580.000€ gefördert.

Die ärztliche Studienleitung übernahmen Prof. Dr. Thomas Seufferlein, Universitätsklinikum Ulm, Prof. Dr. Max Reinshagen, Klinikum Braunschweig, Prof. Dr. Stephan Hollerbach, Allgemeines Krankenhaus Celle und Prof. Dr. Jürgen F. Riemann, Stiftung LebensBlicke.

Persönliche Beratung durch geschultes Personal

Über 2.400 so genannte Index-Patientinnen und Patienten in 64 Darmzentren wurden von Dezember 2013 bis Juli 2015 auf das erhöhte Risiko ihrer Verwandten ersten Grades für Darmkrebs hingewiesen.

Sie wurden gebeten, die Einladung zur Studie an ihre Verwandten weiterzuleiten. Neu an der Studie war, dass in einer Gruppe Darmkrebspatienten und deren erstgradig Verwandte durch speziell geschultes Pflege- und ärztliches Assistenzpersonal persönlich beraten wurden.

Pflegende kennen oft den familiären Hintergrund der Patienten gut, sind in ihrer Sprache nah an den Patienten und können damit besonders gut auf individuelle Bedenken und Informationsbedarfe eingehen.

Zusätzlich wurden die Berater vorab speziell für ihre Aufgabe geschult. Bei der Beratung wurde auf Bedenken gegen die Untersuchung eingegangen und, sofern gewünscht, auch Hilfestellung bei der Vereinbarung von Terminen gegeben.

In einer zweiten Gruppe (Kontrollgruppe) wurde den erstgradig Verwandten nur schriftliches Informationsmaterial zur Verfügung gestellt.

Das Ergebnis: Nach Beratung gingen 80 von 100 Studienteilnehmern zur Vorsorge-Darmspiegelung, viermal mehr als vorher.

"Mit zusätzlicher, pflegerischer Beratung stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sich Teilnehmer für eine Vorsorgeuntersuchung entscheiden um 26,9 Prozent", berichtet der Projektleiter Dr. Alexander Bauer, Gesundheitswissenschaftler an Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Martin-Luther-Universität Wittenberg/Halle.

Und er ergänzt: „In vielen Fällen konnte so die Darmkrebs-Entstehung sogar verhindert oder zumindest früh erkannt werden." Bei fast einem Viertel der Teilnehmer (24,9 Prozent) wurden bis zu fünf Darmkrebsvorstufen (Adenome) gleichzeitig gefunden und rechtzeitig entfernt.

Bei zwei von 205 Untersuchungen sei bereits Darmkrebs festgestellt worden, der ohne die Studie wahrscheinlich gar nicht oder zu spät operiert worden wäre.

Besonders wichtig hierbei: familiärer Darmkrebs trifft nicht nur die Generation 65plus. Als erste Studie in Europa rückte hier auch die Zielgruppe der 44-55-jährigen im Blick.

Über die Hälfte der Studienteilnehmer war jünger als 55 Jahre und daher bislang von der Vorsorge ausgenommen. Darmkrebsrisiko in jüngeren Zielgruppen höher als erwartet

Darmkrebsrisko in jüngeren Zielgruppen höher als erwartet

Die Studie belegt nun, dass das Darmkrebsrisiko in dieser speziellen Risikogruppe der erstgradig Verwandten ebenfalls drastisch erhöht ist. In 48 von 100 Fällen, wurden auch in dieser Altersgruppe Darmkrebsvorstufen diagnostiziert und eines der beiden Karzinome traf einen 46-jährigen Probanden.

MdB Heiko Schmelzle, ordentliches Mitglied des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, lobt die Studie insbesondere wegen der gezielten Ansprache einer speziellen Zielgruppe auf die Vorsorgeuntersuchung.

Er glaubt, dass insbesondere die Ansprache auf Augenhöhe (durch speziell geschultes Pflegepersonal) ein Schlüssel zum Erfolg in der Krebsvorsorge sein kann. Des Deutschen „Liebstes Kind" ist das Auto, mit dem wir uns alle 2 Jahre umgangssprachlich zum „TÜV" begeben, um es auf Herz und Nieren prüfen zu lassen. Eigentlich ist die korrekte Bezeichnung hierfür nicht „TÜV" - sondern „Hauptuntersuchung".

Aus Schmelzle's Sicht sollte alles dafür getan werden, gerade Menschen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko dazu zu bewegen, mit derselben Selbstverständlichkeit entsprechende Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen.

"Die Studie hat aus meiner Sicht einen wertvollen Beitrag dafür geleistet, gerade bei Menschen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko in einem ersten Schritt gezielt ein Problembewusstsein zu schaffen. In einem zweiten Schritt wurden gerade diese Menschen (durch eine auf sie angepasste Ansprache und Beratung) motiviert, die vorhandenen Vorsorgeangebote dann auch zu nutzen", so der Gesundheitspolitiker.

Beratung zur Vorsorge ist unverzichtbar.

Fast jeder Zweite (43,2%) hatte dabei erhebliche Bedenken gegen die Koloskopie, die im Gespräch ausgeräumt werden mussten. Damit wird eindrücklich gezeigt, wie wichtig und effektiv eine verbesserte Information und persönliche Beratung bei dieser speziellen Risikogruppe ist.

„Die Einladung zur Darmkrebsvorsorge war aber nicht nur außergewöhnlich erfolgreich, sondern bleibt auch gesundheitsökonomisch konkurrenzlos. Durch die Übertragung der Beratungsaufgaben auf nicht-ärztliches Personal betrugen die durchschnittlichen Kosten lediglich 26,93 € pro erfolgreich initiierter Vorsorgekoloskopie. Darunter litt keineswegs die Qualität der Informationen"; so Professor Dr. Jürgen F. Riemann, Vorsitzender der Stiftung Lebensblicke.

Bei individueller Beratung durch Pflegende waren Studienteilnehmer signifikant zufriedener mit der fachlichen Qualität der Informationen und drei mal weniger Probanden holten vor Durchführung einer Koloskopie eine ärztliche Zweitmeinung ein.

Zukunftsweisend

Die Ergebnisse zeigen einen zukunftsweisenden Weg, wie die Darmkrebsvorsorge für Risiko-Personen mit geringen finanziellen Mitteln drastisch verbessert werden kann.

Das Modell ist aber kein Selbstläufer, wie ein Blick der hallenser Wissenschaftler auf die räumliche Verteilung der Familien zeigt: Familien in Deutschland sind oft quer über die Republik verteilt. Damit wird es schwer bis unmöglich, alle Angehörigen vom Wohnort der Indexpatienten aus zu erreichen und zur Vorsorge zu motivieren.

Ein bundesweit koordiniertes Einladungs- und Beratungssystem ist deshalb nötig. Die große Akzeptanz der Beratung durch Pflegende, der geringe Kostenaufwand und nicht zuletzt der Erfolg der Studie sprechen dafür, dass so die Zahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen mittelfristig tatsächlich gesenkt werden kann.

Lesenswert


Auch auf HuffPost:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.