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Warum anonyme Bewerbungen Ihre Chancen steigern können

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Thomas Barwick via Getty Images
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Auch erfahrene Personalleiter geben es zu: "Ich schaue auf das Foto, auf das Geburtsdatum und auf denLebenslauf und habe dann schon bestimmte Bilder im Kopf. Ich gehe durchaus nach Sympathie und wenn ich auf die Qualifikation schaue, kann ich meine eventuellen Vorurteile nicht ganz ablegen, auch wenn ich noch so sehr versuche, professionell vorzugehen", erläutert die erfahrene Personalreferentin Konstanze Sammer, die für das Personalrecruiting in einem mittelständischen Unternehmen mit 500 Mitarbeitern tätig ist.

Politik ist aufgewacht

Immer wieder wird inzwischen auch in Deutschland über den Sinn und Unsinn von sogenannten anonymen Bewerbungen diskutiert.

Doch was ist eine anonyme Bewerbung? Die Bewerber verzichten sowohl im Anschreiben als auch im Lebenslauf auf jegliche Hinweise auf Namen, Geschlecht, Nationalität und Geburtsdatum. Auch Zeugnisse und Zertifikate werden zunächst nicht beigefügt. Wer seine Bewerbung per e-Mail versendet, sollte auch beim Absender darauf achten, dass die Kennung neutral ist.

Objektive Voraussetzungen für die Bewerber

So soll aus Unternehmenssicht eine vollständig objektive Auswahl an Kandidaten erfolgen. Erst nachdem die Unterlagen gesichtet und potenzielle Kandidaten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden sind, erhalten die Verantwortlichen die persönlichen Informationen der Bewerber. In den USA sind derartige Verfahren seit langem normaler Standard.

In Europa entwickelt sich erst langsam diese Kultur. Jüngst bemerkte der inzwischen zurückgetretene britische Premierminister James Cameron, dass in seinem Land heute Menschen mit einheimisch klingenden Namen fast zweimal so häufig eine Reaktion auf ihre Bewerbung bekämen wie Menschen mit ausländisch klingenden Namen - auch, wenn sie genau die gleiche Qualifikation hätten.

Cameron nannte dafür ein Beispiel: "Ein schwarzes Mädchen musste erst ihren Namen in 'Elizabeth' ändern, bevor sie eine Einladung zum Jobinterview bekam. Das ist im Großbritannien des 21. Jahrhundert eine Schande", so der Premierminister.

Deutschlands Erfahrungen

Auch in Deutschland haben zahlreiche Bewerber und Bewerberinnen ähnliche Erfahrungen gemacht. Denn in der Tat, das ergaben die Ergebnisse einiger Projekte mit anonymisierten Bewerbungen, ein durchaus positives Ergebnis.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, unterstrich: "Die Ergebnisse der Zwischenanalyse bestärken uns in der Auffassung, dass anonymisierte Bewerbungsverfahren auch in Deutschland mit seiner sehr traditionellen Bewerbungskultur durchführbar sind. Dabei sollten anonymisierte Bewerbungsverfahren nach dem Willen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes freiwillig bleiben.

Die Befürchtungen in Teilen der Wirtschaft, das neue Verfahren sei enorm aufwändig und praktisch nicht umsetzbar, haben sich als unbegründet erwiesen. Vielmehr wird das neue Verfahren in der Tendenz sowohl von den Personalverantwortlichen als auch von den Bewerbenden als unproblematisch empfunden." 

"Wir wissen, dass die Unternehmen, gerade im Mittelstand, einen höheren Aufwand bei anonymen Bewerbungen haben, aber im Sinne der Chanchengleichheit, der auch im Allgemeinen festgeschrieben ist, können sich anonyme Bewerbungen durchaus als sinnvoll herausstellen", sagt Annette Vasquez, Geschäftsführerin der serviceline Personal-Management GmbH.

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Die Personalmanagerin verwies auf einige Pilotprojekt die gezeigt hätten, dass mit der Anonymisierung von Bewerbungsverfahren unbewusster oder bewusster Diskriminierung erfolgreich entgegengewirkt werden kann. Vielfach herrsche nach der Anonymisierung von Merkmalen wie Name, Geschlecht, Alter und Herkunft sowie dem Verzicht auf ein Bewerbungsfoto Chancengleichheit unter den Bewerbenden.

Chancengleichheit

Innerhalb der anonymisierten Bewerbungsverfahren haben also potenziell benachteiligte Gruppen die gleiche Chance auf eine Einladung zu Vorstellungsgespräch oder ein Assessement. Auch würden im Vergleich Frauen von anonymisierten Bewerbungsverfahren besonders profitieren können.

Das gilt etwa für jüngere Frauen, die bereits Berufserfahrung haben und zum Beispiel aufgrund ihres Alters einen möglichen Kinderwunsches haben könnten. Auch die Chancen für Bewerber mit Migrationshintergrund seien gestiegen.

Nur in der ersten Runde

Allerdings betrifft dies nur die erste Runde des Auswahlprozesses. "Eine Garantie für eine unvoreingenommene Auswahl eines Kandidaten ist dies noch lange nicht", gibt die Geschäftsführerin von serviceline Personal Management zu bedenken: Bewerber können im Vorstellungsgespräch nach dem persönlichen Kennenlernen letztendlich trotzdem aufgrund von Vorurteilen ausgeschlossen oder bevorteilt werden.

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