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Vom Thüringer Wald bis Toronto: Das moderne Babylon ist überall

26/01/2016 17:37 CET | Aktualisiert 26/01/2017 11:12 CET
David Freund via Getty Images

„Babylon liegt im Thüringer Wald, nicht weit vom Rennstieg bei Suhl." So beginnt ein Beitrag in der Tageszeitung „Die Welt" im August 2015 über das Zusammenleben von 1.800 Menschen aus 12 Nationen in einer Flüchtlingsunterkunft.

Babylon - dieser Name hat überall auf der Welt „Konjunktur". Der Mythos Babylon lebt weiter, auch zwei Jahrtausende, nachdem die Stadt im Wüstensand versunken ist. Heutzutage wird der Name vor allem gern verwendet, wenn es um die Folgen des Zustroms von Migranten geht.

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Die kanadische Millionenstadt Toronto hat sich den Titel Babylon dadurch erworben, dass für mehr als die Hälfte aller Einwohner der Stadt Kanada nicht ihre ursprüngliche Heimat war. Und Babylon wird inzwischen überall auf der Welt „entdeckt".

So gab zum Beispiel die österreichische Tageszeitung „Der Standard" 2013 einem Artikel die Überschrift „London: Das moderne Babylon liegt im East End". Dort sind über 300 Sprachen zu hören, ein „babylonisches Sprachengewirr", könnte man meinen. Aber das Gemeinwesen, erfahren wir in dem Artikel, ist durchaus regierbar und attraktiv auch für reiche Wohnungssuchende. Und die Migranten? „Mit der Zeit werden aus allen Londoner."

Auch im historischen Babylon lebten Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Ländern friedlich zusammen. Hätte es damals schon Zeitungen gegeben, dann hätte ein Korrespondent viellicht über die vielen Zugezogenen geschrieben: „Mit der Zeit werden aus allen Babylonier." Und wie die heutigen Neu-Londoner gaben sie ihre bisherige Identität nicht auf, sondern brachten sie in eine Großstadt voller Vielfalt ein.

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Vom Mythos Babylon wollte auch der irakische Diktator Saddam Hussein profitieren. Deshalb ließ er einige Gebäude der antiken Stadt zum eigenen Rum neu errichten, allerdings mit so unprofessionellen Methoden und Baumaterialien, dass die Archäologen entsetzt waren. Heute liegen die missratenen Nachbauten verlassen da. Foto: Helga Reisenauer

Kulturelle Vielfalt hat heute einen Namen: Babylon

Babylon ist heute ein Vorbild für ein friedliches und bereicherndes Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in einem lebendigen Gemeinwesen. An diese Tradition knüpfen hierzulande viele Initiativen an, die Bildungs-, Stadtteilkultur- und Sozialarbeit in multikulturell geprägten Kontexten betreiben.

Ein Verein, der in Berlin interkulturelle Sozialarbeit leistet, wählte als Logo einen stilisierten Wohnturm und firmiert als „Babel e. V.". Auch in Essen hat sich ein multikulturelles Bildungszentrum nach der antiken Stadt benannt.

Ein Tanzstudio in Karlsruhe wirbt auf seiner Website für die gemeinsame Sprache des Tanzes: „Tanzstudio Babylon vereint die Tänze unterschiedlicher Nationalitäten und bietet Kurse für Bauchtanz, Flamenco, Irisch, Russisch und Salsa-Karibic."

Erwähnt werden kann zum Beispiel auch das Jugendmusiktheater-Ensemble „Trying Babylon" in Solingen. An der Universität Regensburg hat sich die internationale Theatergruppe „Babylon" gebildet, und in Bremen musiziert das junge Ensemble „New Babylon" mit Mitwirkenden verschiedener Herkunft.

Über Berlin hinaus bekannt ist das Programmkino „Babylon" mit einem anspruchsvollen internationalen Filmangebot, und auch Kinos in Hagen und Fürth haben diesen Namen gewählt. Zahlreich sind die Filme und Fernsehserien, die das Wort Babylon im Titel führen, zum Beispiel die Serie „Babylon Berlin".

Zu den Hoffnungsträgern für eine Vielfalt, die bereichert, gehört der Sportverein „FC Turabdin-Babylon Pohlheim". Dem Klub gehören Fußballer an, die aus unterschiedlichsten Ländern in den Landkreis Gießen gekommen sind. Die „Gießener Zeitung" schrieb bereits 2010 über die „Babylonier", ihr Verein sei „ein Beispiel für ein erfolgreiches, sportliches Miteinander verschiedenster Kulturen vereint im Sport Fußball".

Damit die Vielsprachigkeit in der heutigen Welt nicht ins Chaos führt, bietet heute „Babylon" Abhilfe, nach eigenen Angaben „die am häufigsten heruntergeladene Übersetzungssoftware der Welt". Für eine andere Verständigung will die Zeitschrift „Babylon" sorgen, denn sie befasst sich mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis und hat sich zu einer unverzichtbaren intellektuellen jüdischen Stimme in Deutschland entwickelt. Und das Berliner RBB-„Inforadio" bietet jeden Sonntag mit der Sendung „Babylon" vielfältige Beiträge aus Kirche und Religion, Integration und Gesellschaft an.

Babylon - ein attraktiver Firmenname

Auch gastronomische Anbieter haben die Stadt am Euphrat entdeckt, zum Beispiel der „Babylon Pizza Service" in Delmenhorst. Ein ähnliches Angebot hat das Restaurant „Babylon" in Memmelsdorf mit Lieferservice.

In Itzehoe hat ein Restaurant die mesopotamische Stadt etwas verlegt und preist sich unter dem Namen „Babylon" als „Mediterranes Restaurant" an. Das „Babylon" in Köln kommt der kulturellen und geografischen Namensgeberin näher, stellt es sich doch als „Orientalisches Restaurant" vor.

Der Name der antiken Metropole löst offenbar weiterhin so viele Assoziationen aus, dass landauf, landab Firmen aller Art das Wort Babylon im Namen führen. Das reicht vom „Babylon Grill" in Bottrop über diverse Friseursalons bis zu Juweliergeschäften.

Und seit einiger Zeit trägt eine Strauchrosen-Neuzüchtung den klangvollen Namen „Babylon Eyes". Auch in anderen Ländern weiß man um die Assoziationen, die das Stichwort Babylon auslöst, und so firmiert zum Beispiel ein großes Einkaufszentrum in Moskau als „Goldenes Babylon".

Selbst die Vorstellung vom „Sündenbabel" lässt sich heute gut vermarkten und inspiriert die Besitzer von „einschlägigen" Betrieben bei der Wahl ihres Namens. „The Babylon" in Hamburg wirbt als FKK- und Nightclub. Und das „Babylon Dresden" preist sich an als „Nachtclub und Edelbordell Nr. 1 in ganz Sachsen".

Das reale Babylon muss erhalten werden

Kein Zweifel: Der Mythos Babylon lebt. Oder sollten wir besser sagen, dass die Mythen leben. Je nach Bedarf wird ein bestimmter Mythos vermarktet. Die Beschäftigung mit der tatsächlichen Geschichte des antiken Babylon würde eine solche Vermarktung nur stören.

Und während im Irak die übrig gebliebenen Lehmziegel immer stärker zerfallen, wachsen die kommerzialisierten Mythen ungehindert weiter - nicht selten ohne irgendeinen Bezug zum realen Babylon.

Umso wichtiger ist es, dieses reale Babylon vor dem weiteren Verfall zu bewahren und gleichzeitig die Tradition Babylons am Leben zu halten, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen gemeinsam eine Gesellschaft gestalten können.

Zum Weiterlesen:

Frank Kürschner-Pelkmann: Babylon - Mythos und Wirklichkeit, Steinmann Verlag, Rosengarten bei Hamburg 2015

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