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Kapitulieren Versicherungen vor der Digitalisierung?

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Alle Versicherer sprechen über Digitalisierung und Innovation. Aber woher soll Innovation kommen?

Die Vereinigung der europäischen Versicherungsverbände insurance europe fordert in ihrem Insight Briefing vom 6.2.2017 eine aktive Rolle der Regulierungsbehörden beim Innovationsmanagement: "Regulierungsbehörden sollten Tools zur Verfügung stellen, die Innovationen der Marktteilnehmer zum Wohle der Kunden unterstützen". Hierbei geht es nicht nur um die bereits in einigen Ländern eingeführten "Sandboxes", sondern man fordert aktiv die Einführung "weiterer Tools".

Warum wollen sich Versicherungsunternehmen bei ihrer innovativen Weiterentwicklung von vornherein limitieren?

Warum ruft man nach Regulierung, bevor man selbst nachhaltige Ideen entwickelt? Geht es darum, die Kunden vor InsurTechs und anderen neuen Marktteilnehmern zu "schützen"? Derartige Schutzmechanismen greifen nur kurzzeitig, wie zum Beispiel ein Blick in die Historie der Automobilindustrie zeigt: Die Eisenbahngesellschaften und die Lobby der Pferdefuhrwerksbetreiber setzten 1865 in England den "Red Flag Act" durch, der festlegte, dass bei jedem Automobil zwei Personen zum Führen des Fahrzeugs anwesend sein mussten und ein Dritter vorauszulaufen hatte, der die Bevölkerung mit einer roten Flagge (red flag) vor dem herannahenden Automobil warnen musste.

Den Siegeszug des Automobils hat es nicht verhindern können; genauso wenig werden sich Innovationen in der Versicherungsbranche, die mit Sicherheit sogar negative Implikationen auf einzelne Marktteilnehmer haben werden, verhindern lassen.

Wissen Versicherungen was ihre Kunden wirklich wollen?

Der Direktmarketing-Pioneer Murray Raphel sagte einmal: "Find out what the customers want and give it to them". Dies gilt auch für die Versicherungswirtschaft. Dominik Groenen bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass in Deutschland Versicherungsprodukte zu wenig aus der Sicht der Kunden entwickelt werden. Die Kunden interessieren nicht für die Unterschiede zwischen einer Privathaftpflichtversicherung und einer Hausratversicherung, sondern sie interessieren sich für die Absicherung bestimmter Lebensrisiken. Flypper und andere Startups werden den Kunden wieder mehr in den Fokus rücken.


Haben Versicherungsunternehmen überhaupt digitale Geschäftsmodelle?

Die Frankfurt School of Finance and Management und Q_PERIOR haben Mitte 2015 mehr als 150 Versicherungsmanager befragt, welche digitalen Geschäftsmodelle eine Bedrohung für ihr gegenwärtiges Geschäftsmodell seien. Online-Vergleichsportale (41% der Teilnehmer) und reine Online-Direktversicherungen (23% der Teilnehmer) waren die meist genannten Antworten der Studie. Die gleiche Studie stellte anschließend die Frage, wie man sich zukünftig in digitalen Geschäftsmodellen engagieren wolle: Ein Drittel der Versicherer plant demnach Eigeninvestments in Online-Direktversicherungen, ein weiteres Drittel will mit einem Online-Vergleichsportal kooperieren. Diese Maßnahmen seien nach Meinung der Studienteilnehmer dazu geeignet, um der sinkenden Ertragskraft zukünftig entgegenzuwirken. Liegt hier einfach nur wilder Aktionismus vor? Oder darf man dies als Ignoranz interpretieren? Oder Naivität? Oder Verklärung der Realität?

Digitaler Aktionismus ohne Sinn und Verstand

Acceleratoren, Inkubatoren, eigene Venture-Capital-Fonds - die Versicherungen gehen die Digitalisierung an. Man schielt auf die Konkurrenz und verfällt häufig in blinden Aktionismus. Aus unerklärlichen Gründen denken Versicherer, dass sie beispielsweise die margenschwache Kfz-Versicherung mit Hilfe der Digitalisierung revolutionieren können. Sowohl eigens gegründete Direktversicherer als auch Versuche mit Telematik-Tarifen haben in den letzten 10 Jahren nicht zu einer Margensteigerung führen können. Nun sollen dies eigens dafür gegründete "Mobile Versicherer" leisten. Dass in nicht allzu ferner Zukunft mit selbstfahrenden Autos die Kfz-Versicherung im herkömmlichen Sinne komplett obsolet werden könnte, wird dabei geflissentlich ignoriert.


Die Digitalisierung der Versicherungsbranche ist aktuell eine Illusion

Die wahre Natur der digitalen Transformation wurde laut einer BearingPoint-Studie aus dem Jahr 2016 entweder noch nicht erkannt oder nur im Ansatz umgesetzt. BearingPoint hat festgestellt, dass die Digitalisierung häufig nur ein „Wassermelonen-Projekt" ist: "Außen leuchtet sie beruhigend grün, doch innen herrscht Alarmrot." Der benötigte Kulturwandel, der den Kunden und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt rückt und das ganze Unternehmen um ihn herum strukturiert, findet aktuell in der Versicherungsbranche nicht statt.

Als Ergebnis der digitalen Transformation sehen über 80% der an der Q_PERIOR-Studie teilnehmenden Versicherungsmanager eine bessere Kundenbindung an sowie die Optimierung von Geschäftsprozessen. Nur jeder zweite Befragte will die digitale Transformation auch zur Generierung neuer Umsatzerlöse nutzen - ein sehr erschreckendes Ergebnis!

Wie können Versicherungsunternehmen im digitalen Marktumfeld wachsen?

Es wird nicht ausreichen, das aktuelle Geschäft zu digitalisieren, um am Versicherungsmarkt weiter zu bestehen. Börsennotierte Versicherungsunternehmen müssen sogar zusätzlich Wachstumsstories für ihre Aktionäre schaffen. Woher soll dieses Wachstum herkommen?

Oliver Wyman hat auf dem World Economic Forum im Januar 2017 mögliche zukünftige Geschäftsmodelle für nachhaltiges Wachstum vorgestellt:


1. Die Versicherung als Nachfrage-Aggregator

Die Versicherung betreibt eine Plattform, die den Kunden bei der Erreichung eines seiner Lebensziele all-umfassend unterstützt. Beispiel Wohnungskauf: Sparen für die Wohnung, Finden der Wohnung, Kaufen der Wohnung, Absichern der Wohnung.


2. Die Versicherung als Produktlieferant

Die Versicherung bietet als Produkt-Manufaktur "plug and play" erstklassige Produkte zur Absicherung verschiedenster (Lebens-) Risiken an, die in Produkte und Dienstleistungen anderer Unternehmen unkompliziert integrierbar sind.


3. Die Versicherung als Plattform-Anbieter

Die Versicherung stellt eine beliebig skalierbare Plattform zur Verfügung, auf der (nicht nur Versicherungs-) Produkte prozesssicher distribuiert werden.


Digitalisierung ist Chefsache

Digitalisierung kann nur dann funktionieren, wenn der CEO diese aktiv unterstützt und vorlebt. Es reicht nicht aus, eine Stabsstelle oder einen Chief Digital Officer zu implementieren und alles andere bleibt beim Status Quo. Digitalisierung bedeutet einen Paradigmenwechsel und Kulturwandel im gesamten Unternehmen.

Ohne ein neues Verständnis von Führung wird die Digitalisierung nicht gelingen. "Befehl und Gehorsam" hemmen Innovationen und die digitale Transformation. Agile Organisationsformen sind auch in der Finanzdienstleistungbranche möglich, wie ING und McKinsey bewiesen haben.



Bisher gibt es in der Versicherungsbranche keine wirkliche Disruption

Mal sehen was die Zukunft bringt.

Stand: 2/2017

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