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Brexit-Angsthasen stellen sich selbst ein Bein

23/06/2016 16:15 CEST | Aktualisiert 24/06/2017 11:12 CEST
Phil Noble / Reuters

  • Aus Unsicherheit flüchten sich die Anleger und Investoren in sichere Häfen

  • Damit lösen sie selbst die Turbulenzen an den Börsen aus, die sie fürchten

  • Ein Brexit böte die Chance, das festgefahrene Projekt Europa neu aufzusetzen

Seit ein paar Tagen irrlichtert es an den Börsen. Die Aktienkurse taumeln, schuld daran sei der mögliche Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU), heißt es. Unvorstellbar hoch seien die Kosten des möglichen Ausscheidens, meldete die „Tagesschau" zur besten Sendezeit - besonders für die Briten selbst, aber auch für alle anderen Länder der EU.

Glaubt man den Berichterstattern, ist die Hälfte der Briten von allen guten Geistern verlassen. Das allerdings ist relativ unwahrscheinlich. Und so sollte man sich eher mit dem Gedanken vertraut machen, dass sich die Welt auch nach dem 23. Juni weiterdrehen wird - ganz egal, wie die Volksabstimmung ausfällt.

Blicken wir deshalb zunächst auf die Akteure an den Finanzmärkten: Da gibt es die besonnenen, langfristig orientierten Anleger mit festen Überzeugungen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und dann gibt es sehr kurzfristig orientierte Investoren, die sogenannten Trader. Und schließlich die Mainstream-Anleger, die das Geld anderer Leute in Fonds oder Versicherungen und Pensionskassen verwalten und bloß keinen Fehler machen wollen.

Ganz besonders hassen die beiden letzteren Gruppen Unsicherheit, denn sie müssen sich den Kopf über Entwicklungen zerbrechen, von denen sie nicht wissen, wie andere Anleger sie bewerten. Und so eine Unsicherheit ist plötzlich über sie hereingebrochen, weil ein Ausscheiden der 64 Millionen Briten aus der EU nach jüngsten Umfragen gar nicht mehr so unwahrscheinlich ist, wie man bis vor Kurzem meinte.

Niemand will vor dem Referendum in das womöglich fallende Messer greifen

Das Referendum hat an den Finanzmärkten deshalb eine überragende Bedeutung gewonnen. Die Folgen sind fatal: Weil sie nicht wissen, was auf sie an kurzfristigen Reaktionen an der Börse zukommt, flüchten sich Trader und Mainstream-Investoren in sichere Häfen - und lösen damit genau die Turbulenzen aus, vor denen sie sich fürchten: Ob Anleihen, Gold oder der japanische Yen - alles ist diesen Anlegern momentan lieber als Aktien.

Niemand will vor dem Referendum in das womöglich fallende Messer greifen. Erstmals ist die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe deshalb am 14. Juni in den negativen Bereich gefallen. Kurz gesagt, man muss jetzt noch Geld drauflegen, wenn man der Bundesrepublik Deutschland sein Erspartes leihen will.

Für coole Anleger, die sich von solchen Übertreibungen nicht aus der Ruhe bringen lassen, birgt das große Chancen. Ihnen kann es egal sein, wie die Börsen auf die Ergebnisbekanntgabe am 24. Juni reagieren.

Sie legen sich auf die Lauer und machen gegebenenfalls Schnäppchenjagd. Denn die Ökonomie eines Brexit ist vergleichsweise einfach, und seine negativen Folgen werden überschätzt. Seit 2009 ist der Austritt eines Mitgliedstaats aus der EU explizit in den EU-Verträgen vorgesehen. Es käme zu Verhandlungen. Da beide Parteien auch künftig gute Geschäfte machen wollen, besteht also starkes Interesse daran, den Zugang zum Markt des anderen offen zu halten.

Alle Schätzungen der Austrittskosten beziehungsweise -gewinne sind spekulativ

Niemand in Brüssel kann sich die harte Tour leisten. Beide Seiten werden vielmehr pragmatisch und relativ zügig definieren, wo die Bande enger und wo sie lascher zu knüpfen sind. Ähnliche Vereinbarungen existieren bereits zwischen der EU und den Nichtmitgliedern Schweiz und Norwegen.

Diese beschreiben im Übrigen genau die Situation, die wir mit dem Vereinigten Königreich heute schon haben: Das EU-Mitglied Großbritannien ist stark mit dem europäischen Markt verflochten, steht bei der Gemeinschaftswährung und der Freizügigkeit aber an der Seitenlinie. Warum sollte man das mit dem Nicht-EU-Mitglied Großbritannien nicht genauso handhaben?

Weil niemand heute wissen kann, wie die künftigen Beziehungen zur EU genau aussehen werden, sind alle Schätzungen der Austrittskosten beziehungsweise -gewinne spekulativ. Ein Gutachten des britischen Finanzministeriums beispielsweise behauptet, dass ein Brexit jeden Haushalt pro Jahr 4300 Pfund kosten würde.

Die Befürworter sehen dagegen Wohlstandsgewinne in einer von Brüsseler Regulierungen befreiten Wirtschaft. Die Wahrheit ist: Niemand weiß es. Sicher ist nur, dass ein Brexit der bisher größte Rückschlag im Projekt der europäischen Einigung wäre und die Karten innerhalb der EU neu gemischt würden. Genau dies böte indes die große Chance, um das festgefahrene Projekt Europa neu aufzusetzen. Für Pessimismus - auch an den Börsen - besteht jedenfalls kein Grund.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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