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Brexit-Angsthasen stellen sich selbst ein Bein

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
Phil Noble / Reuters
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  • Aus Unsicherheit fl├╝chten sich die Anleger und Investoren in sichere H├Ąfen
  • Damit l├Âsen sie selbst die Turbulenzen an den B├Ârsen aus, die sie f├╝rchten
  • Ein Brexit b├Âte die Chance, das festgefahrene Projekt Europa neu aufzusetzen

Seit ein paar Tagen irrlichtert es an den B├Ârsen. Die Aktienkurse taumeln, schuld daran sei der m├Âgliche Austritt Gro├čbritanniens aus der Europ├Ąischen Union (EU), hei├čt es. Unvorstellbar hoch seien die Kosten des m├Âglichen Ausscheidens, meldete die ÔÇ×Tagesschau" zur besten Sendezeit - besonders f├╝r die Briten selbst, aber auch f├╝r alle anderen L├Ąnder der EU.

Glaubt man den Berichterstattern, ist die H├Ąlfte der Briten von allen guten Geistern verlassen. Das allerdings ist relativ unwahrscheinlich. Und so sollte man sich eher mit dem Gedanken vertraut machen, dass sich die Welt auch nach dem 23. Juni weiterdrehen wird - ganz egal, wie die Volksabstimmung ausf├Ąllt.

Blicken wir deshalb zun├Ąchst auf die Akteure an den Finanzm├Ąrkten: Da gibt es die besonnenen, langfristig orientierten Anleger mit festen ├ťberzeugungen, was die Welt im Innersten zusammenh├Ąlt. Und dann gibt es sehr kurzfristig orientierte Investoren, die sogenannten Trader. Und schlie├člich die Mainstream-Anleger, die das Geld anderer Leute in Fonds oder Versicherungen und Pensionskassen verwalten und blo├č keinen Fehler machen wollen.

Ganz besonders hassen die beiden letzteren Gruppen Unsicherheit, denn sie m├╝ssen sich den Kopf ├╝ber Entwicklungen zerbrechen, von denen sie nicht wissen, wie andere Anleger sie bewerten. Und so eine Unsicherheit ist pl├Âtzlich ├╝ber sie hereingebrochen, weil ein Ausscheiden der 64 Millionen Briten aus der EU nach j├╝ngsten Umfragen gar nicht mehr so unwahrscheinlich ist, wie man bis vor Kurzem meinte.

Niemand will vor dem Referendum in das wom├Âglich fallende Messer greifen

Das Referendum hat an den Finanzm├Ąrkten deshalb eine ├╝berragende Bedeutung gewonnen. Die Folgen sind fatal: Weil sie nicht wissen, was auf sie an kurzfristigen Reaktionen an der B├Ârse zukommt, fl├╝chten sich Trader und Mainstream-Investoren in sichere H├Ąfen - und l├Âsen damit genau die Turbulenzen aus, vor denen sie sich f├╝rchten: Ob Anleihen, Gold oder der japanische Yen - alles ist diesen Anlegern momentan lieber als Aktien.

Niemand will vor dem Referendum in das wom├Âglich fallende Messer greifen. Erstmals ist die Rendite der zehnj├Ąhrigen deutschen Bundesanleihe deshalb am 14. Juni in den negativen Bereich gefallen. Kurz gesagt, man muss jetzt noch Geld drauflegen, wenn man der Bundesrepublik Deutschland sein Erspartes leihen will.

F├╝r coole Anleger, die sich von solchen ├ťbertreibungen nicht aus der Ruhe bringen lassen, birgt das gro├če Chancen. Ihnen kann es egal sein, wie die B├Ârsen auf die Ergebnisbekanntgabe am 24. Juni reagieren.

Sie legen sich auf die Lauer und machen gegebenenfalls Schn├Ąppchenjagd. Denn die ├ľkonomie eines Brexit ist vergleichsweise einfach, und seine negativen Folgen werden ├╝bersch├Ątzt. Seit 2009 ist der Austritt eines Mitgliedstaats aus der EU explizit in den EU-Vertr├Ągen vorgesehen. Es k├Ąme zu Verhandlungen. Da beide Parteien auch k├╝nftig gute Gesch├Ąfte machen wollen, besteht also starkes Interesse daran, den Zugang zum Markt des anderen offen zu halten.

Alle Sch├Ątzungen der Austrittskosten beziehungsweise -gewinne sind spekulativ

Niemand in Brüssel kann sich die harte Tour leisten. Beide Seiten werden vielmehr pragmatisch und relativ zügig definieren, wo die Bande enger und wo sie lascher zu knüpfen sind. Ähnliche Vereinbarungen existieren bereits zwischen der EU und den Nichtmitgliedern Schweiz und Norwegen.

Diese beschreiben im ├ťbrigen genau die Situation, die wir mit dem Vereinigten K├Ânigreich heute schon haben: Das EU-Mitglied Gro├čbritannien ist stark mit dem europ├Ąischen Markt verflochten, steht bei der Gemeinschaftsw├Ąhrung und der Freiz├╝gigkeit aber an der Seitenlinie. Warum sollte man das mit dem Nicht-EU-Mitglied Gro├čbritannien nicht genauso handhaben?

Weil niemand heute wissen kann, wie die k├╝nftigen Beziehungen zur EU genau aussehen werden, sind alle Sch├Ątzungen der Austrittskosten beziehungsweise -gewinne spekulativ. Ein Gutachten des britischen Finanzministeriums beispielsweise behauptet, dass ein Brexit jeden Haushalt pro Jahr 4300 Pfund kosten w├╝rde.

Die Bef├╝rworter sehen dagegen Wohlstandsgewinne in einer von Br├╝sseler Regulierungen befreiten Wirtschaft. Die Wahrheit ist: Niemand wei├č es. Sicher ist nur, dass ein Brexit der bisher gr├Â├čte R├╝ckschlag im Projekt der europ├Ąischen Einigung w├Ąre und die Karten innerhalb der EU neu gemischt w├╝rden. Genau dies b├Âte indes die gro├če Chance, um das festgefahrene Projekt Europa neu aufzusetzen. F├╝r Pessimismus - auch an den B├Ârsen - besteht jedenfalls kein Grund.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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