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Überlebenshilfe für Eltern: Was in der Pubertät im Kopf eurer Kinder los ist

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Im Juli 2010 erhielt ich eine E-Mail von der verzweifelten Mutter eines 19-Jährigen, der gerade sein erstes Jahr am College hinter sich hatte. Die Mutter hatte einen meiner Vorträge zum Gehirn Heranwachsender besucht, und in ihrer E-Mail kamen verschiedene Gefühle zum Ausdruck, von Trauer und Ratlosigkeit bis hin zu Zorn auf den Jungen, dessen Verhalten plötzlich so »seltsam« geworden war.

»Mein Sohn wird neuerdings sehr schnell wütend«, schrieb sie. »Er igelt sich ein und will mit niemandem mehr reden. Er bleibt die ganze Nacht wach und schläft den ganzen Tag. Alles, was ihm früher Freude gemacht hat, interessiert ihn jetzt nicht mehr ... Früher war er liebenswürdig, intelligent, aufgeschlossen. Mittlerweile ist gute Laune bei ihm eine Seltenheit.

Ich habe mir solche Mühe mit seiner Erziehung gegeben, um ihm die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, und jetzt so etwas!« Die Frau schloss ihre E-Mail mit einer schlichten Frage: »Wie kann ich ihm nur helfen?«

Briefe, E-Mails und Anrufe dieser Art haben mich dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Neun Monate nach der Frage dieser ratlosen Mutter erreichte mich eine ganz ähnliche E-Mail, diesmal von der Mutter eines 18 jährigen Mädchens.

Gefühl der Hilflosigkeit

Ihre früher so vernünftige Tochter, schrieb die Frau, habe in der High School mit der Leistung nachgelassen. Sie wurde aufsässig, lief von zu Hause weg und wurde schließlich wegen Depressionen in eine Klinik eingewiesen.

»Das war ein schwieriges Jahr für uns«, schrieb die Mutter. »Manchmal habe ich den Eindruck, an ihrer Stelle sitzt ein Alien vor mir. Wie sie sich verhält und was sie von sich gibt - sie hat sich vollkommen verändert.«

Ich konnte mich gut in die beiden Frauen hineinversetzen. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit habe ich selbst erlebt. Da ich frisch geschieden war, als mein ältester Sohn Andrew in die Pubertät kam, war mir schmerzlich bewusst, dass Zukunft und Gegenwart meiner beiden Kinder in meinen Händen lagen.

Ich hatte nicht die Möglichkeit, entnervt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und anzuordnen: »Klär das mit deinem Vater!« Als Alleinerziehende trägt man allein die Verantwortung. Wir als Eltern wollen unseren Kindern doch eigentlich nur die Tür ins Leben öffnen und sie sanft in die richtige Richtung stupsen.

Ratlosigkeit ist normal

Solange der Nachwuchs noch klein ist, läuft das einigermaßen nach Plan: Unsere Kinder lernen, was sich gehört und was nicht, wann man ins Bett geht und wann man morgens wieder aufsteht, was man nicht anfassen darf und wo man nicht hingehen sollte.

Sie lernen, dass man zur Schule gehen und höflich zu Älteren sein muss, und wenn sie verletzt oder gekränkt sind, suchen sie bei uns Eltern Trost.

Doch wieso ändert sich all das nach 14, 15 oder 16 Jahren? Wie kommt es, dass das süße, ausgeglichene, glückliche und brave Kind, das Sie seit über zehn Jahren kennen, Ihnen plötzlich völlig fremd erscheint? Eines sage ich Eltern stets direkt vorab: Diese Ratlosigkeit ist ganz normal.

Die jungen Menschen entwickeln sich weiter und versuchen, sich selbst zu finden, in ihren Köpfen und Körpern gehen dramatische Veränderungen vor sich, und ihr so rücksichtslos, unverschämt und orientierungslos wirkende Verhalten ist nicht ganz allein ihre Schuld.

Fast immer gibt es eine neurologische, psychologische und physiologische Erklärung. Eltern und Lehrkräfte müssen sich das täglich, oft sogar stündlich vor Augen führen!

Die Jugend steckt unbestritten voller Tücken. Dazu kommt, dass sie erst vor relativ kurzer Zeit »entdeckt« wurde. Zwar kennt man den Lebensabschnitt der Adoleszenz schon seit Menschengedenken, doch erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts gilt sie als spezifische Entwicklungsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.

Sichtweise auf die Kindheit ändert sich

Der Begriff »Teenager« als Bezeichnung für Menschen zwischen dem 13. und dem 20. Geburtstag lässt sich erstmals im April 1941 in einer Zeitschrift nachweisen. Bis weit ins 19. Jahrhundert betrachtete man Kinder, meist aus wirtschaftlichen Gründen, als kleine Erwachsene.

Man brauchte sie, um die Felder zu bestellen, Kühe zu melken und Brennholz zu schlagen. Zum Zeitpunkt der amerikanischen Revolution im 18. Jahrhundert war die Hälfte der Bevölkerung der neuen Kolonien unter 16 Jahre alt. Ein Mädchen, das mit 18 noch ledig war, galt als quasi nicht mehr zu verheiraten.

Bis weit ins 20. Jahrhundert konnten und mussten Kinder spätestens mit zehn Jahren fast jede beliebige Arbeit verrichten, sei es in der Landwirtschaft oder später in den Fabriken in der Stadt - auch wenn sie dazu auf Kisten stehen mussten. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts änderte sich die Sichtweise auf die Kindheit, das Zeitalter des Teenagers brach an.

Bedingt wurde dies durch zwei Faktoren: Mit Beginn der Wirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1929 verloren zuallererst die Kinderarbeiter ihre Beschäftigung. Das hatte zur Folge, dass die Kinder nun länger zur Schule gingen, sodass Ende der 1930er Jahre zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte die Mehrheit der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen eine Schule besuchte.

Eine eigene Kultur

In den 1940er und 1950er Jahren wirkten Jugendliche ganz sicher nicht erwachsen - zumindest nicht vor Abschluss der High School. Diese Jugendlichen trugen in der Regel keinerlei wirtschaftliche Verantwortung, sondern lebten zu Hause und wurden von ihren Eltern versorgt.

Da immer mehr junge Leute immer länger zur Schule gingen, bildeten sie allmählich eine eigene Bevölkerungsgruppe. Die Jugendlichen unterschieden sich optisch von Erwachsenen, kleideten sich anders, hatten andere Interessen und sogar eine andere Sprache. Kurz gesagt: Sie hatten eine eigene Kultur.

Ein anonymer Verfasser meinte damals: »Aus den jungen Menschen wurden Teenager, weil wir nichts anderes für sie zu tun hatten.« Ein Mann hat diese Entwicklung bereits vor über hundert Jahren vorausgesehen.

In seinem bahnbrechenden Buch über die Jugendkultur aus dem Jahre 1904 sprach der amerikanische Psychologe Granville Stanley Hall zwar noch nicht von »Teenagern«, doch der Titel seines Buches von vierzehnhundert Seiten zeigt ganz deutlich, dass er die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter als eigene Entwicklungsstufe betrachtete: Adolescence: Its Psychology and its Relations to Physiology, Anthropology, Sociology, Sex, Crime, Religion and Education (dt.: Adoleszenz: Ihre Psychologie und ihr Verhältnis zu Physiologie, Anthropologie, Soziologie, Sexualität, Straftaten, Religion und Erziehung).

Formbarkeit des Gehirns

Hall, der als erster Amerikaner einen Doktortitel in Psychologie an der Harvard University erwarb, war der erste Vorsitzende des Psychologenverbands American Psychological Association und betrachtete die Jugend als besonderen Lebensabschnitt, als ganz spezifische Phase, die sich erheblich von Kindheit und Erwachsenenalter unterscheidet.

Als erwachsen, so Hall, gelte der voll entwickelte, vernunftgeprägte Mensch. Die Kindheit sei eine Zeit der Wildheit, die Jugend sei dagegen von einem Überschwang geprägt, der nach seiner Beschreibung primitiv oder »neo-atavistisch« ist und sich daher kaum besser kontrollieren lässt als die absolute Anarchie der Kindheit.

Halls Rat an Eltern und Lehrkräfte: Jugendliche sollten nicht verhätschelt, sondern vielmehr gezähmt und dann mit den richtigen Idealen indoktriniert werden, nämlich Dienst an der Allgemeinheit, Disziplin, Altruismus, Patriotismus und Respekt vor Autoritäten.

Auch wenn Halls Ansatz zum Umgang mit dem jugendlichen Sturm und Drang etwas vorsintflutlich anmuten mag, erkannte er immerhin als erster einen biologischen Zusammenhang zwischen Adoleszenz und Pubertät und deutete in seiner Abhandlung bereits die Formbarkeit oder »Plastizität« des Gehirns an, die Neurowissenschaftler erst viel später nachweisen sollten.

Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwammig

»Charakter und Persönlichkeit nehmen Gestalt an, doch alles ist noch formbar«, schrieb er. »Selbsterleben und Ehrgeiz nehmen zu, und jeder Wesenszug und jede Eigenschaft wird oft übertrieben und maßlos ausgelebt.«

Selbsterleben, Ehrgeiz, Übertreibung und Maßlosigkeit  - diese Begriffe beschreiben sehr treffend, wie »Teenager« in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wahrgenommen wurden. Der Teenager als kulturelles Phänomen trat nach dem Zweiten Weltkrieg in Erscheinung - von Backfischen und Halbstarken über James Dean in Denn sie wissen nicht, was sie tun bis hin zu Holden Caulfield in Der Fänger im Roggen.

Während die Adoleszenz als Lebensabschnitt immer klarer definiert und besser akzeptiert wurde, blieb die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenenalter weiterhin schwammig. Was ist man als Teenager also wirklich? Ein Kind Mann, eine Kind-Frau, ein Fast-Erwachsener?

Das ist keine rein semantische, philosophische oder psychologische Frage, sondern sowohl für Eltern, Lehrkräfte und Ärzte als auch für die Strafjustiz von erheblicher Bedeutung - und in erster Linie natürlich für die Teenager selbst.

Hormone werden zu Unrecht zum Sündenbock

Hall jedenfalls war der Überzeugung, dass die Jugend mit dem Einsetzen der Pubertät beginnt, deshalb gilt er als Begründer der Jugendforschung. Auch wenn er die Zusammenhänge nicht empirisch nachweisen konnte, war Hall klar, dass sich die geistigen, emotionalen und körperlichen Veränderungen, die eintreten, wenn ein Kind sich zum Erwachsenen wandelt, nur nachvollziehen lassen, wenn man die biologischen Abläufe in der Pubertät versteht.

Die Erforschung der Pubertät konzentrierte sich lange Zeit auf die »Hormone«, die bei Eltern und Lehrkräften sehr in Verruf sind, da man gerne alles, was bei Teenagern nicht nach Plan läuft, darauf zurückführt, dass »die Hormone verrücktspielen«.

Für mich klingt das so, als hätten die Kinder einen bösen Zaubertrank zu sich genommen, der sie veranlasst, auf nichts und niemanden mehr Rücksicht zu nehmen. Die Hormone werden zu Unrecht zum Sündenbock gemacht.

Oder würden Sie den Tobsuchtsanfall eines Dreijährigen etwa auf seine Hormone zurückführen? Natürlich nicht. Jeder weiß, dass Dreijährige einfach noch nicht gelernt haben, wie man sich zusammenreißt. In gewisser Weise trifft das auch auf Teenager zu.

Wahrnehmen der Hormone

Und in Bezug auf Hormone gilt es zu bedenken, dass das Gehirn eines Teenagers diese Hormone zum ersten Mal richtig »wahrnimmt«. Es hat noch nicht gelernt, wie es mit der Reaktion des Körpers auf diese neuen chemischen Einflüsse klarkommen soll.

Man könnte das mit dem ersten (und hoffentlich letzten!) Zug an einer Zigarette vergleichen: Wer tief inhaliert, läuft rot an, wird etwas benommen und verspürt vielleicht sogar eine leichte Übelkeit.

Wissenschaftler wissen mittlerweile, dass die wichtigsten Sexualhormone - Testosteron, Östrogen und Progesteron - körperliche Veränderungen bei Jugendlichen auslösen; bei Jungen wird beispielsweise die Stimme tiefer und die Barthaare sprießen, bei Mädchen entwickeln sich die Brüste und die Menstruation setzt ein.

Diese Sexualhormone sind bereits in der Kindheit bei beiden Geschlechtern vorhanden, doch mit Einsetzen der Pubertät ändern sich die Konzentrationen dieser chemischen Stoffe ganz erheblich. Bei Mädchen schwanken Östrogen- und Progesteronspiegel im Zyklusverlauf.

Die doppelte Problematik

Da beide Hormone mit chemischen Stoffen im Gehirn zusammenhängen, die die Stimmung steuern, kann eine fröhliche, lachende Vierzehnjährige scheinbar aus heiterem Himmel einen emotionalen Zusammenbruch erleiden.

Bei Jungen befinden sich besonders viele Testosteron-Rezeptoren in der Amygdala, dem Gehirnbereich, der die Kampf- oder Flucht-Reaktion steuert, also Aggression oder Angst. Gegen Ende der Adoleszenz haben viele Jungen mehr als dreißig Mal so viel Testosteron im Körper wie vor Einsetzen der Pubertät.

Sexualhormone sind besonders im limbischen System aktiv, also im emotionalen Zentrum des Gehirns. Das erklärt, wieso Jugendliche nicht nur emotionalen Schwankungen ausgeliefert sind, sondern sich auch gerne auf emotionale Erfahrungen einlassen - sei es ein Buch, das seine Leserin zu Tränen rührt, oder eine Achterbahnfahrt, bei der man aus Leibeskräften schreien kann.

Diese doppelte Problematik - ein äußerst aufnahmebereites Gehirn, das nach Stimulation giert, aber noch keine ausgereiften Entscheidungen treffen kann - macht Teenagern das Leben ziemlich schwer und kann manchmal katastrophale Folgen für die Jugendlichen und ihre Familien haben.

Hormondomino

Obwohl schon länger bekannt ist, wie Hormone arbeiten, konnte die Wissenschaft erst in den letzten fünf Jahren ermitteln, weshalb sie so arbeiten. Sexualhormone sind bereits bei der Geburt im Körper vorhanden und halten mehr als zehn Jahre lang quasi »Winterschlaf«. Was führt dann dazu, dass sie die Pubertät einsetzen lassen?

Vor einigen Jahren entdeckten Wissenschaftler, dass die Pubertät durch eine Art Hormondomino ausgelöst wird; den Anfang macht dabei ein Gen, das im Hypothalamus  - also dem Gehirnbereich, der den Stoffwechsel steuert - ein bestimmtes Protein erzeugt, das sogenannte »Kisspeptin«.

Wenn sich dieses Protein mit den Rezeptoren an einem anderen Gen verbinden, öffnet die Hypophyse schließlich ihren Hormonspeicher, und der Schwall von Testosteron, Östrogen und Progesteron aktiviert dann Hoden und Eierstöcke.

Nachdem man die Sexualhormone entdeckt hatte, ging man im 20. Jahrhundert davon aus, das Verhalten von Jugendlichen sei auf diese Hormone zurückzuführen. Allerdings sind die Hormonspiegel bei Teenagern auch nicht höher als bei jungen Erwachsenen - Jugendliche reagieren lediglich anders darauf.

So sind Heranwachsende beispielsweise besonders stressanfällig, was erklären könnte, wieso Angststörungen und insbesondere Panikattacken in der Regel während der Pubertät einsetzen. Teenager sind einfach weniger belastbar als Erwachsene und leiden viel eher an stressbedingten Erkrankungen wie Erkältungen, Kopfschmerzen und Magenbeschwerden.

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Zudem ist bei Teenagern heutzutage eine wahre Epidemie an verschiedenen Stresssymptomen anzutreffen, von Nägelkauen bis hin zu Essstörungen. Heranwachsende sind zu Hause, in der Schule, unter Gleichaltrigen und nicht zuletzt durch die Medien und das Internet einer Flut von Eindrücken ausgesetzt, die es in der Geschichte der Menschheit so noch nie gegeben hat.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Teenager Hirn - Was in der Pubertät im Kopf Ihres Kindes los ist" von Dr. Frances E. Jensen und Amy Ellis Nutt (Verlag Goldmann). Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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