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Flugreisen für Flüchtlinge: ein sicherer Weg nach Europa

10/09/2015 10:32 CEST | Aktualisiert 10/09/2016 11:12 CEST
Anadolu Agency

Eine dringende Lage erfordert dringende Maßnahmen. Um Schiffbruch und Ertrinken im Mittelmeer zu stoppen, sollten wir die künftigen Flüchtlinge (ich meine erkannte Flüchtlinge) in Flugzeugen kommen lassen.

Seit acht Monaten sind ungefähr drei Viertel der Mittelmeermigranten Asylsuchende, das andere Viertel besteht aus politischen Migranten. Was letztere betrifft, ist das eine andere Geschichte und nicht Thema dieses Leserbeitrags.

Laut UNHCR (dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) kamen von Januar bis August 2015 sieben von zehn Migranten als Asylsuchende aus folgenden fünf Ländern: Syrien, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Nigeria. Zudem variiert die Anwendung des Asylrechts je nach europäischem Mitgliedsland, die Einschätzung geht allerdings dahin, dass die Mehrheit der Asylsuchenden zu anerkannten Flüchtlingen wird.

In den tödlichen Großbooten hat also ungefähr die Hälfte der Migranten das Recht, nach Europa zu kommen. Besser gesagt, Europa hat die Pflicht, sie zu schützen. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 schützt jede Person, die sich „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung" nicht in ihrem Land befindet.

Europa schützt (es ist die Rede von temporärem subsidiärem Schutz) auch diejenigen, die hohe Risiken in Kauf nehmen, wenn sie sich entscheiden, in ihr Land zurückzukehren.

Möglichkeiten, Flüchtlingen Flüge zu ermöglichen

Das Problem: Solange sie keinen Flüchtlingsstatus, den eines subsidiär Schutzbedürftigen oder zumindest ein „Asylvisum" erhalten haben, können sie sich nicht am Flughafen-Check-in-Schalter präsentieren. Jedoch wäre die Reise viel günstiger und weniger riskant, wie es das sehr pädagogische Video des Demografen Hans Rosling (auf YouTube zu sehen) zeigt.

Eine Vernunftlösung wäre, den Flüchtlingsstatus oder den eines subsidiären Schutzberechtigten vor Ort zu bewilligen. Dafür muss man zwei Fragen beantworten: Wer stellt einen solchen Status aus? Und wo ist vor Ort?

Erste Option: ein Zentrum des UNHCR in Tripolis oder irgendwo anders an der afrikanischen Küste mit der Machtbefugnis, den Flüchtlingsstatus oder den eines subsidiären Schutzbedürftigen im Namen der europäischen Länder zu gewähren.

Zweite Option: eine Botschaft der Europäischen Union mit derselben Befugnis in einigen sicheren Ländern (und mit Flügen in ein europäisches Land):

Algerien, Tunesien, Marokko? Dschibuti, Kenia oder Libanon? Sie sind sicherer als die Länder, aus denen die „boat-people" flüchten: Eritrea, Syrien (die Hälfte der Flüchtlinge von 2015). Aber auch: Somalia, Nigeria, Afghanistan, Irak...

Und all das in dem Tempo, das diese dringende Lage erfordert.

Was in Europa passieren muss

Vergessen wir nicht, dass aktuell sehr wenige der künftigen Flüchtlinge in einem französischen Konsulat in Afrika ein Asylvisum beantragen, welches ihnen erlaubt, nach Frankreich einzureisen, um im Anschluss beim OFPRA Asyl oder subsidiären Schutz zu beantragen (die Erhebungen dieses Amtes dauern zwischen 3 Monaten und 2 Jahren).

Für beide Optionen (via UNHCR oder über eine Botschaft der Europäischen Union) gilt weiterhin, dass die Flüchtlinge auf die 28 Mitgliedsländer aufgeteilt werden müssen. Beispielsweise gemessen an drei Kriterien: der Bevölkerungszahl, der wirtschaftlichen Kraft (BIP pro Einwohner) und natürlich den von den Flüchtlingen gesprochenen Sprachen.

Ein weiterer Vorteil dieser Vor-Ort-Lösung: Die Verringerung der großen Anzahl von abgelehnten Asylsuchenden, die sich dann in einer illegalen und prekären Lage befinden (circa drei von vier).

Diese Lösung würde die europäischen Mitgliedsstaaten auch dazu veranlassen, die Anwendung ihres Asylrechts aufeinander abzustimmen. Es ist zum Beispiel nicht normal, dass der Prozentsatz von aufgenommenen Syrern und Eritreern nicht in jedem Land der gleiche ist.

Schicksale, die zeigen, warum man flüchtet

Seit nunmehr zehn Jahren interviewe ich junge Afrikaner und Afrikanerinnen in Lampedusa. Während ihrer Reise, theoretisch also „aus der afrikanischen Hölle in das europäische Paradies", wurden alle bestohlen, erpresst, ausgebeutet, manche sogar gefoltert, wie im Dokumentarfilm „Voyage en barbarie" (frei übersetzt „Barbarische Reise") zu sehen ist, und wiederum andere vergewaltigt.

Ganz zu schweigen von den vielen Todesfällen durch Ertrinken oder Ersticken in all den hermetisch verriegelten Schiffsbäuchen...

Warum sind sie solche Risiken eingegangen? Der 15-Jährige Abdi und der 17-Jährige Sihan haben das Chaos in Somalia verlassen. Mohamed, ein 18-jähriger Eritreer, verweigerte die Zwangsrekrutierung und den Militärdienst auf Lebenszeit in der Armee des Diktators, ebenso wie der 16-Jährige Abel und der 17-Jährige Rubel. Gift, eine 18-jährige Nigerianerin flüchtete vor Boko Haram. Cynthia, eine 18-jährige Waise, wurde von ihrem Onkel verkauft.

Nach jeder ihrer Geschichten sagte ich mir: An ihrer Stelle wäre ich auch in Richtung Mittelmeer geflüchtet.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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