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5 Minuten in meinem Kopf: Autistin erklärt, wie sie ihren Alltag bestreitet

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Die Diagnose Autismus kam nicht zusammen mit einer Betriebsanleitung bei mir an. Ich habe sie erhalten und mich erst einmal gar nicht weiter damit beschäftigt. Ich wußte gar nichts über das Thema.

Also dachte ich: "Das kann gar nicht sein, das will ich nicht sein, so bin ich nicht." Obwohl ich gar nichts darüber wusste, stritt ich es vehement ab. Es dauerte knapp drei Jahre, bis ich mir selbst eingestehen konnte: Das bin ich doch.

Meine Entwicklung

Das geschah jedoch erst, nachdem ich mich geistig geöffnet habe. Als ich bereit war, mich anzunehmen, statt mich infrage zu stellen. Ich habe in den vergangenen vier Jahren eine große Entwicklung gemacht. Der Mensch, der 2012 alles infrage stellte, der kein Selbstbewusstsein hatte, der oftmals ziemlich negativ dachte, hat sich komplett gewandelt - und befindet sich nach wie vor in Wandlung. Meine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.

Ich habe vor vier Jahren ganz zaghaft damit begonnen, mich mit der Thematik Autismus (und später Asperger Syndrom) zu befassen und auseinander zu setzen. Jeder Artikel, den ich las, jede virtuelle Konversation mit betroffenen Eltern oder mit Autisten selbst brachte mich der Erkenntnis und dem Verständnis näher.

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Nicht immer geschah dies sachte - manchmal ging es auch "zack zack" aufeinander weg - ich hatte das Gefühl, nicht mehr nachkommen zu können. Dass alles viel zu viel wird. Das schmerzte. Zu viele Informationen, zu viele unterschiedliche Informationen in zu kurzer Zeitspanne haben mich immens überfordert.

Ich konnte in so kurzer Zeit keine logisch, rationalen Verknüpfungen zwischen den Themenbereichen herstellen. Ich mußte mich da herausnehmen und pausieren - solange, bis ich dazu wieder in der Lage war.

So mache ich es heute immer noch. Wenn ich merke, das tut mir gar nicht gut, entziehe ich mich der Situation, um nicht in einen overload oder gar in einen meltdown zu kommen.

Andere Menschen überfordern mich

Der Anfang der Selbstannahme war ein anstrengender Prozeß und auch jetzt ist es anstrengend, sich selbst auszuhalten - nicht immer schaffe ich es komplett. Irgendwann geschieht doch mal ein overload oder gar ein melt- oder shutdown.

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Hinterher merke ich mir selbst an: lass es nicht wieder so weit kommen. Sobald du merkst, dass es dir zu viel wird, entziehe dich der Situation, nimm dich da raus. Es ist manchmal jedoch einfach unmöglich.

Zum Beispiel in öffentlichen Bereichen, der Straßenbahn zum Beispiel, kann ich während der Fahrt nicht sofort das Gefährt verlassen, sondern ich muss wenigstens warten, bis die Tram die nächste Haltestelle passiert hat und hält, bevor ich aussteigen und mich der für mich unangenehmen, überfordernden Situation in der Straßenbahn entziehen kann.

Wenn ich Pech habe, gerate ich dann an der Haltestelle sogleich in die nächste Überforderung. Da sind meistens wartende Menschen, die sich nicht alle ruhig verhalten. Manche reden gar nichts, sind still und belästigen mich trotzdem mit ihrem Gestank. Olfaktorische Reize nehme ich nämlich sehr intensiv wahr. Wenn jemand stinkt, kann ich die Gegenwart dieses Menschen nicht ertragen und ich fliehe.

Ich bin eben anders gut

Mittlerweile ist es mir, meiner Selbsteinschätzung nach, gelungen, die Menschen so gut ich kann zu meiden. Zu manchen Menschen habe ich bewusst Kontakt - das sind meine Auserwählten, meine Vertrauten. Wenige, doch für mich genügend.

Ich weiß noch längst nicht alles, was es zum Thema Autismus und Asperger Syndrom zu wissen gibt. Ich beschäftige mich auch nicht täglich damit. Aber ich habe mich von einer zuvor völlig der Tatsache negierenden Person zu einer sich selbst annehmenden Person weiter entwickelt.

Leicht war und ist es nicht. Mir hat es geholfen, mich, meine Art, mein Sein, mein Selbst zu verstehen - zwar noch nicht komplett, aber ein Anfang ist gemacht.

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Ich war lange Zeit nicht bereit und in der Lage, mich so anzunehmen, wie ich eben bin. Mich so zu akzeptieren und die Meinung anderer als bedeutungslos zu empfinden.

So wie ich bin hat es seinen Grund. Es ist gut so wie es ist - eben anders gut.

Der Beitrag erschien zuerst auf Fräulein von Minckewitz's Facebook-Seite.

(jz)

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