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Dramatischer Appell: Wir Ärzte brauchen endlich Schutz gegen gewalttätige Patienten

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Es ist ein Thema, das bisher totgeschwiegen wurde und doch so viele von uns betrifft: Gewalt gegen Bereitschaftsärzte.

Selbst intern wird darüber nicht viel gesprochen, auch in der Ausbildung kommt es nicht vor. Viele Kollegen sind überrascht, wenn sie im Einsatz plötzlich mit Aggressionen konfrontiert werden.

Seit Anfang des Jahrtausends arbeite ich als niedergelassener Hausarzt, bereits seit 1996 mache ich Hausbesuche bei Bereitschaftsdiensten. Im Rahmen dieser Dienste wurde ich bereits mehrmals körperlich und verbal angegangen.

Der erste Vorfall ereignete sich vor etwa 15 Jahren. Ich wurde zu einem Fall gerufen, der Patient hatte einen großen Jagdhund. Entgegen meiner Bitte entfernte er den freilaufenden Hund nicht aus dem Zimmer.

Als ich den Patienten untersuchte, gab der Mann plötzlich einen Schmerzenslaut von sich. Der Hund begann zu bellen und wollte mich beißen. Zum Glück konnte ich im letzten Augenblick noch meine Tasche vor mich halten.

Ich kam in eine dunkle Wohnung, der Strom war abgestellt


Der Hund konnte dafür nicht viel. Aber sein Herrchen verhielt sich aggressiv. Denn er hatte meine Bitten ignoriert, den Hund in ein anderes Zimmer zu bringen. Ich hatte eine solche Situation vorher noch nicht erlebt, war deshalb überfordert.

Der dramatischste Fall passierte jedoch einige Jahre später. Ein Drogen-, Medikamenten- und Alkoholabhängiger bat um Hilfe. Es war zwei Uhr nachts. Ich kam in eine dunkle Wohnung, der Strom war abgestellt. Mehrere Männer warteten dort bereits auf mich.

Schnell kam es zu einer hitzigen Diskussion über das weitere Vorgehen. Plötzlich griff der Abhängige zum Messer. Er wollte mich zwingen, ihn sofort in eine Entzugsklinik einzuweisen.

Zwar konnte ich die bedrohliche Situation mit gutem Zureden wieder beruhigen. Dennoch war dieses Erlebnis für mich einschneidend.

Man muss bedenken: Im Bereitschaftsdienst ist man in der Regel immer alleine unterwegs. Wohingegen Notärzte normalerweise noch mindestens einen Rettungsassistenten, oft auch eine komplette Rettungswagenbesatzung dabei haben.

Beschimpfungen, Einschüchterungen, Attacken


Aggressive Verhaltensweisen gegenüber uns Helfern sind keine Einzelfälle. Die wissenschaftliche Studie "Aggression und Gewalt gegen Allgemeinmediziner und praktische Ärzte" der TU München, an der ich mitgewirkt habe, dokumentiert erstmals das ganze Ausmaß der Übergriffe.

Von 836 bundesweit befragten Ärzten im Bereitschaftsdienst wurden innerhalb eines Jahres 130 beleidigt oder beschimpft, 53 bedroht oder eingeschüchtert, 18 mit leichter und vier mit ausgeprägter körperlicher Gewalt konfrontiert sowie neun mit Gegenständen oder Waffen bedroht, drei wurden damit auch angegriffen. Insbesondere meine Kolleginnen stehen dieser Gewalt oft hilflos gegenüber.

Ich halte die Gewalt gegen uns Ärzte für ein gesellschaftliches Problem. Da die Problematik vor uns noch nie jemand erforscht hat, fehlt aber die wissenschaftliche Grundlage, um eine generelle Aussage machen zu können.

Die meisten Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, beobachten jedoch eine zunehmende Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung - das ist auch mein persönlicher Eindruck. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, dass man als Arzt oder Helfer davon ausgenommen ist.

Wir werden als Dienstleister gesehen

In uns sieht man nicht mehr den Retter oder den Engel in Weiß, sondern einen Dienstleister, der zu spät kommt oder nicht das liefert, was man gerne hätte. Dementsprechend aggressiv wird mit uns umgegangen.

Während das Thema in anderen Ländern bereits in Sicherheitsprogrammen für Ärzte integriert wurde, wird die Problematik in Deutschland bislang wenig diskutiert.

Seit kurzem bieten wir zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns Sicherheitsseminare an, um die Kollegen zusammen mit erfahrenen Polizisten etwas besser vorzubereiten und sie für die Gefahr zu sensibilisieren.

Zudem läuft derzeit ein Testlauf: In mehreren bayerischen Bereitschaftsbezirken begleitet ein medizinisch geschulter Fahrer die Ärzte bei ihren Einsätzen. In Baden-Württemberg geschieht das bereits flächendeckend.

Denn der einzige richtige Schritt muss sein, Bereitschaftsärzte nicht mehr alleine loszuschicken.

Es kann nicht sein, dass Ärzte - entgegen des gesunden Menschenverstands - mitten in der Nacht, unbegleitet, in die Wohnung von fremden und teilweise aggressiven Menschen gehen müssen.

Bereitschaftsdienst mit Hausbesuchen muss hinterfragt werden

Dazu kommen unter Umständen noch bewusstseinsverändernde Faktoren wie Drogen, Alkohol, Medikamente oder entgleiste psychische Erkrankungen, die aggressive Tendenzen verstärken können. Das darf von uns Helfern keiner mehr verlangen.

Es sollte ebenso hinterfragt werden, ob die Luxusvariante des Bereitschaftsdienstes mit Hausbesuchen überhaupt medizinisch richtig ist. Denn Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder weltweit, die diesen Dienst überhaupt anbieten.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

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