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Joachim Schoss zu Gründerkultur in den USA und Europa „Wir Europäer trauen uns häufig nicht, groß genug zu denken."

17/09/2015 18:02 CEST | Aktualisiert 17/09/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Florian Schweitzer: Das weltweite Epizentrum des Venture Capital und der größten, am schnellsten wachsenden Start-ups ist das Silicon Valley. Warum ist das so? Was machen die Akteure im Silicon Valley anders als wir Europäer und wie werden wir erfolgreicher? Warum entsteht jährlich etwa ein google, amazon, UBER, AirBnB etc. in Kalifornien und nicht in Europa?

Joachim Schoss: Der Erfolg nährt den Erfolg. Das Silicon Valley hat einige Jahrzehnte Vorsprung vor Europa. Durch die vielen Erfolgsgeschichten ist dort ein einmaliges Ökosystem entstanden, das weiterhin die besten Jungunternehmer der Welt anzieht, was wiederum die Erfolgsspirale weiter nach oben dreht. Diese Erfolgsgeschichten geben den dortigen Akteuren auch das Selbstbewusstsein, von Kalifornien aus die Welt erobern zu können. Wir Europäer trauen uns häufig nicht, groß genug zu denken und haben manchmal Angst vor der eigenen Courage. Wie soll ein solcher globaler "Category Leader" entstehen, wenn man überhaupt nur Deutschland und vielleicht noch Europa als Markt anpeilt? Mit "wir" meine ich übrigens sowohl die Gründer als auch die Investoren. Ich habe einmal eindrücklich miterleben dürfen, wie Matt Cohler von Benchmark als erster VC bei ResearchGate die strategischen Weichen gestellt hat. Er hat uns nahegelegt, die schon laufenden Monetarisierungsbemühungen wieder zurückzustellen, bevor wir nicht klarer Weltmarktführer sind.

Florian Schweitzer: ... was auch bedeutet, dass das Unternehmen sehr gut kapitalisiert werden muss.

Joachim Schoss: Absolut - und das läuft innerhalb des Silicon Valley Ökosystems auch sehr gut. Es ist kein Zufall, dass Peter Thiels Founders Fund und dann Bill Gates die Folgerunden nach dem Einstieg von Benchmark angeführt haben. Was mich freut, ist, dass die europäischen VCs offenbar dazulernen und zudem vermehrt auch US Kapital nach Europa fließt. Series B und C Investmentrunden von 15-50 Millionen € kommen erfreulicherweise inzwischen häufiger vor, wenn auch nach wie vor noch immer zu selten.

Florian Schweitzer: Was muss sich denn in Deutschland ändern, damit wir auch näher an so eine Start-up Kultur wie in den USA herankommen?

Joachim Schoss: Erfolge helfen sicherlich. Es sind ja erfreulicher Weise inzwischen auch in Deutschland einige Multimilliarden-Startups entstanden. In einem von Elgar Fleisch und namhaften Branchenvertretern verfassten White Paper wurden fünf Bereiche identifiziert: Eine größere Offenheit der etablierten Unternehmen gegenüber Startups, eine gestärkte VC-Industrie, ein vereinfachter Zugang zu internationalen Talenten, eine von Anfang an verbesserte Ausbildung in Richtung digitaler Jungunternehmer und ein für Startups einheitlich zugänglicher europäischer Markt.

Florian Schweitzer: Unicorns - Start-ups, die über eine Milliarde $ Wert erreichen - sind das grosse Ziel der Gründer und Investoren. Die ersten davon gibt es nun in Berlin, was sehr erfreulich ist, weil sie das ganze Ökosystem mit Spin-offs von und Übernahmen durch diese "Konzerne" erst richtig ins Laufen bringen. Wann aber werden wir ein alibaba, Facebook oder google in Europa sehen mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden €?

Joachim Schoss: Das wird wohl noch eine Weile dauern. Solange im Silicon Valley auf der Investitionsseite regelmäßig eine Null mehr dranhängt als in Europa, ist es nicht überraschend, wenn am Ende auch die Unternehmenswerte eine Zehnerpotenz höher sind.

Florian Schweitzer: ... traust Du den drei Samwer Brüdern ein 100 Milliarden € Unternehmen zu?

Joachim Schoss: Grundsätzlich ist den Samwer-Brüdern ja alles zuzutrauen, warum also nicht auch das.

Florian Schweitzer: Lange haben wir bemängelt, dass zu wenige etablierte Unternehmen Start-ups kaufen. In den letzten Monaten hat sich das Blatt nun offenbar stark gedreht - die Deutsche Börse hat 360T für 700m € übernommen und avanciert dadurch zum agilen FinTech Player, Adidas hat runtastic für über 200m € übernommen. Wenn Adidas das Unternehmen nun gut integriert, wird sich die Akquisition mehrfach auszahlen. Es braucht sehr viel Mut, so einen Weg zu gehen, denn Integrationen scheitern bekanntlich häufig. Was ist Deiner Meinung nach das Wichtigste, was hierbei zu beachten ist, damit es funktioniert?

Joachim Schoss: Zunächst hilft es bei der Integration, wenn das Startup bereits eine bestimmtes Mindestmaß an Struktur und Etabliertheit erreicht hat, um mit Konzerncontrolling und konkreten EBIT-Erwartungen umgehen zu können. Noch häufiger als Integrationen scheitern übrigens die Versuche etablierter Unternehmen, Startups im eigenen Konzern aufzubauen. Der Käufer sollte ein Verständnis dafür haben, dass das Startup den Markt nur deshalb revolutionieren konnte, weil es von Revoluzzern gesteuert wurde und eben nicht von Bewahrern. Wenn das Startup bei der Integration an einen wenig unternehmerisch denkenden Konzern-Angestellten angehängt wird, ist der Exodus der Gründer vorprogrammiert. Die Schlüsselpersonen des Startups langfristig an den Käufer zu binden und deren Andersartigkeit wertzuschätzen sind weitere Erfolgsfaktoren für eine gelungene Integration. In manchen Fällen ist es vielleicht sogar sinnvoller, gar nicht zu integrieren und stattdessen Teile des Konzerngeschäftes an das innovativere Startup zu überführen.

Joachim Schoss

Joachim Schoss gründete 1998 die Scout24-Gruppe, einen internationalen Betreiber von Online-Marktplätzen, wie z.B. www.immobilienscout24.de, der im Jahr 2004 an die Deutsche Telekom verkauft wurde und war bis zum Jahr 2000 Sprecher der Geschäftsleitung. Von 2000 bis 2002 war er zudem CEO der Schweizer Beisheim Holding AG.

Heute ist Joachim Schoss Mitglied in diversen Aufsichts- und Verwaltungsräten, u.A. von der Neuen Züricher Zeitung, dem Bankhaus Herzogpark und der Globalance Bank. Darüber hinaus ist er ein aktiver Business Angel, der sich unter anderem an ResearchGate und Bettermarks beteiligt hat. und bereits 2002 als „Business Angel des Jahres" ausgezeichnet wurde. Auch engagiert er sich sozial, wie z.B. durch die Gründung der Stiftung MyHandicap oder das Stiften eines Lehrstuhls für Behindertenforschung an der Universität St. Gallen.

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