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Leben mit bipolarer Störung

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEPRESSION
KatarzynaBialasiewicz via Getty Images
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Vor zwei Jahren sagte mir meine Psychiaterin, dass ich an einer bipolaren Störung leide. Das machte mir Angst. Zugleich war es aber auch befreiend.

Denn seither weiß ich, dass es nicht an mir selbst liegt. Also, dass es außerhalb meiner Kontrolle liegt. Ich kann manchmal einfach nichts dafür, wenn ich traurige Gedanken habe, nicht aus dem Bett komme. Oder umgekehrt nachts meine Freunde nerve, weil ich gerade eine Hochphase habe.

Bipolare Störung. Das bedeutet, dass ich meine Stimmung nicht kontrollieren kann und sie immer wieder in Extreme ausartet. Also entweder in Depression oder in Manie.

Manchmal ist es schwer, aufzustehen und an anderen Tagen schlägt das Gegenteil zu: Man glaubt, 24 Stunden lang Bäume ausreißen zu können. Jedoch wird nach einem übertriebenem Hoch das Tief immer noch schlimmer.

Ich kann normal arbeiten - ich bin so gut wie immer produktiv. Kann ein normales Leben leben. Wer mich nicht besser kennt, der würde niemals merken, dass ich unter bipolarer Störung leide. Das ist das seltsame, aber wahrscheinlich auch gefährliche an dieser Krankheit.

Es liegt nicht an mir. Es ist eine Krankheit.

Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass bipolare Störungen Hirnerkrankungen sind. Der Hirnmetabolismus und die Hirn-Botenstoffe Dopamin, Noradrenalin, Serotonin und GABA funktionieren nicht gut.

Es ist eine Krankheit. Wie eine Grippe. Und sie muss behandelt werden, mit Medikamenten und Therapieeinheiten. Und das tu ich auch.

Seither geht es mir besser. Davor dachte ich meine ganze Kindheit und Jugend lang, dass jeder Mensch Selbstmordgedanken hat und dass das völlig normal sei. Für mich war es normal, schließlich hatte ich sie von klein an.

Rückschläge sind normal - Selbstmordgedanken nicht

Meine Ärztin sagte mir dann: Rückschläge sind normal im Leben. Aber nicht, dass einem jeder Rückschlag in Selbstmordgedanken treibt. Dann wusste ich, dass diese Gedanken nicht meine Schuld, sondern die Schuld dieser heimtückischen Krankheit sind.

Sie fährt wie eine Walze über mich und mindert meinen Selbstwert. In meinen Hochphasen sind die Selbstmordgedanken weg, dafür schlagen sie in einer Tiefphase wieder umso härter zu.

Ich musste daher auch lernen, im Hoch nicht zu sehr abzuheben. Das ist nicht immer leicht, aber ich lerne jeden Tag, die Krankheit mehr zu akzeptieren.

Meine Familie verstand nicht, was mit mir los war - ich auch nicht

Als Kind wollte ich oft alleine sein, habe mich an manchen Tagen zurückgezogen und wollte nicht das Haus verlassen.

Meine Familie und meine Freunde haben oft nicht verstanden, was mit mir los war. Nicht mal ich selbst wusste es.

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Heute weiß ich: Es waren die Depressionen, die mich gedrückt und mir meine Lebensqualität genommen haben.

Genauso weiß ich jetzt, was diese Tage zu bedeuten haben, an denen ich vollkommen übermotiviert gewesen bin. Fast zu motiviert und in eine regelrechte Arbeitssucht verfallen bin.

Tagelang konnte ich nicht schlafen und war nur hin- und hergetrieben. An manchen Tagen konnte ich nur mit Licht schlafen. Heute weiß ich, dass das eine Manische Phase war.

Ich denke, das künstliche Licht wirkte wie ein Medikament. Ich konnte tatsächlich nicht ohne elektrisches Licht einschlafen und das über Monate hinweg.

Die Krankheit wird mich bis an mein Lebensende begleiten

Heute weiß ich diese Zeichen und Verhaltensweisen besser zu deuten. Dennoch: Die Krankheit wird mich bis an mein Lebensende begleiten.

Generell bin ich aber zurzeit sehr gut eingestellt. Das heißt, ich nehme wohl die richtigen Tabletten und erzähle die richtigen Dinge in der Therapie, sodass meine Laune mittlerweile nicht mehr regelmäßig unkontrolliert umschlägt.

Ich habe gelernt, wo mein eigenes Ich endet und meine Krankheit beginnt. Ich spreche dann auch mit ihr. Ich sage: Nein, ich bin kein Versager. Das sagst du nur mir. Oder: Ja, ich habe das gut gemacht, aber ich darf jetzt trotzdem nicht abheben. Auch wenn du, liebe Manie, mir das sagst.

Ich kennzeichne sie auch mit Farben: Depression ist schwarz. Manie ist weiß. Und ich weiß heute besser, wann diese extremen Farben mein Bild von der Welt falsch einfärben.

Und ich habe gelernt: Man kann mit dieser Krankheit leben. An manchen Tagen besser, an manchen Tagen schlechter.

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