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"Irre, wer sich da gegen Juden zusammengeschlossen hat"

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FLORIAN GLEIBS
Florian Gleibs
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Bis zum Sommer hatte ich ein israelisches Restaurant in München, das "Schmock". Es lief gut, mehr als vierzehn Jahre. Bis 2014 dann die Stimmung mit dem Gaza-Krieg gekippt ist.

Da sind die Dämme gebrochen. Seitdem wollen die Leute mit mir ständig über Politik reden. Das nervt.

Ich bin Geschäftsmann. Ich will einfach nur essen verkaufen, eine coole Location haben, tolle Cocktails, einen Platz zum Feiern. Ich hab keinen Bock mehr, der Quotenjude zu sein.

Ich habe das "Schmock" dichtgemacht.

Früher hab ich noch provoziert. Wir haben im "Schmock" Jutebeutel verkauft mit dem Aufdruck "Judebeutel", oder in Anspielung auf einen Nazi-Slogan "Deutsche trinkt bei Juden". Natürlich hat das Diskussionen gegeben.

florian gleibs

Florian Gleibs mit seinem "Judebeutel" an der Klagemauer

War aber alles okay. Bis 2014.

Die Judenfeindlichkeit kam wieder hoch

Da kam die ganze Judenfeindlichkeit wieder hoch, die es wohl immer gab. Nur glaubten die Leute, sie könnten sie jetzt als Israel-Kritik verpackt laut aussprechen.

In einem meiner anderen Restaurants in München, im "Helene", verkaufen wir teils die gleichen Speisen wie im "Schmock", nur unter der arabischen Bezeichnung. Da fängt niemand an, mit mir über die Kriege in arabischen Ländern zu diskutieren.

Die Hamas schießt übrigens auch nicht mit Fake-Bomben. Ich saß 2014 mit einer Oma und Kindern in einem israelischen Bunker, alle haben geweint. So etwas ist wirklich nicht lustig.

Wir haben im "Schmock" irgendwann ein Schild an die Tür gehängt: "Wir beschäftigen uns nicht mit Politik." Es hat nichts gebracht.

Warum mit mir?

Immer hieß es, mit mir könne man doch darüber reden. Warum mit mir?

Ich find's auch nicht gut, wenn durchgeknallte Siedler sich irgendwo auf anderer Leute Land niederlassen. Aber man kann nicht so tun, als wäre das meine Schuld.

Ich schreie ja auch nicht: "Gebt Hawaii zurück!", wenn ich in einen amerikanischen Burgerladen gehe.

Ich schreie im Burgerladen auch nicht "Gebt Hawaii zurück!"

Mich haben Leute in vollem Ernst gefragt, ob Juden steuern zahlen. Ich rede nicht von Blödmännern, sondern von der Mittelschicht.

Die Blödmänner gibt's natürlich auch, die auf der Straße marschieren und schreien "Juden, geht ins Gas!" Irre, wer sich da zusammengeschlossen hat, Linke, Rechte, Nazis, Muslime - wenn Hitler wüsste, wer da heute in seinem Namen demonstriert ...

Wenn ich Hummus im "Schmock" serviert habe, hieß es: "Aber das ist doch ein arabisches Gericht. Jetzt klauen die Juden den Arabern auch noch die Küche."

Die Familie meiner Mutter kommt aus dem Irak, wir sind arabische Juden. Aber Juden sind für alle immer automatisch Israelis.

Manche haben sogar noch Verschwörungstheorien aufgetischt. Israel unterstütze heimlich den IS. Weil es so viel Unruhe in der Region stifte und die Islamisten das dann ausnutzen könnten. Ein Hinweis dafür sei die Abkürzung für das Wort Israel: IS.

Wir haben es nochmal mit Humor probiert. Und IS-freie Wochen im "Schmock" gehabt. Also "R**otto mit Tintenf**ch".

Aber es ist einfach zu viel passiert. Wenn da ein Geschäftsmann seinen Rollkoffer unter den Tisch geschoben hat, fragte drei Tische weiter jemand panisch, wem der Koffer gehöre. Als wäre in jedem Koffer eine Bombe.

Manche haben mich gefragt, ob ich jetzt nicht erst recht weitermachen will? Nein, nicht erst recht. Ich will doch nur Essen verkaufen.

Jetzt eben Frühlingsrollen, die gehen immer gut.

Da blieb nur die Frage, aus welchem Land die kommen sollen. Laotisch gibt es, glaube ich, noch nicht in München.

In Laos sind übrigens extrem viele Bomben niedergegangen. Da könnte man auch drüber reden. Aber ich bin sicher: Das wird kaum einer tun. Genau darauf freu ich mich.

vutang schmock

Abschied und Neuanfang: Der Elefant des neuen Restaurants "Vu Tang" frisst das "Schmock".

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.