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Die Presse ist beim G20-Gipfel in Hamburg nicht mehr sicher

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FLO SMITH
Max Marquardt/HuffPost
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Ich habe drei Jahre im Irak gearbeitet. Ich war in der Türkei bei den Gezi-Protesten, in Athen, als die Polizei einen Jugendlichen erschoss und die Stadt brannte.

Aber dass ich solche Ausschreitungen einmal in Deutschland erleben würde, hätte ich nicht gedacht. Auf dem G20-Gipfel in Hamburg gerät gerade etwas außer Kontrolle. Mein Team und ich wurden gerade erst von Polizisten mit Pfefferspray bedroht und angegriffen.

Wir berichten für den größten britischen Privatsender ITN News und ich bin Mitglied bei Reporter ohne Grenzen. Ich bin also nicht ganz neu im Geschäft.

Natürlich haben wir die Beamten nicht provoziert

Natürlich haben wir die Beamten nicht provoziert, wir sind klar als Journalisten erkennbar, weil wir mit einer großen Kamera herumlaufen, unsere Presseausweise tragen und somit schwer mit Demonstranten zu verwechseln sind - und trotzdem gerieten wir ins Visier der Polizei. Das zeigt, wie angespannt die Lage in Hamburg ist.

Auch "Bild"-Journalist Frank Schneider berichtet von gezielten Angriffen auf Reporter und unbeteiligte Passanten.

Am frühen Freitagnachmittag war ich mit meinem Team an den Landungsbrücken, mitten in einer Straßenschlacht zwischen Demonstranten und Polizei. Wir waren gerade auf dem Weg in eine etwas ruhigere Zone.

Ein Polizist hielt meiner Aufnahmeleiterin ein Pfefferspray vors Gesicht

Dort kam ein Polizist aus einem nicht erkennbaren Grund zu meiner Aufnahmeleiterin und hielt ihr ein Pfefferspray vors Gesicht. Er schrie: "Fuck off, fuck off." Dann ging er zu meinem Kameramann und zu mir und schrie: "Verpisst euch."

Wir sind dann gegangen und haben uns in eine beruhigte Zone zurückgezogen. In der Davidstraße an der Ecke Erichstraße an den Landungsbrücken filmten wir die Treibjagd zwischen Polizisten und Protestlern. Als ein Trupp von Beamten in unsere Richtung stürmte, gingen wir hinter einem Baum in Deckung.

Es waren die gleichen Polizisten, die uns schon vorher mit dem Pfefferspray bedrohten. Doch diesmal machten sie ernst.

Die Polizistin rief "Fuck the press" und drückt mit ihrem Pfefferspray ab

Der Fotograf Erik Marquardt wird ebenfalls von einem Polizisten attackiert.

Eine Polizistin kam zu mir und meinem Kameramann. Wir schauten beide in ihre Richtung, sie schrie "Fuck the press, fuck, fuck!" - und drückte mit ihrem Pfefferspray ab.

Dazu muss man wissen, dass diese Pfeffersprays deutlich stärker sind als das, was man im Handel kaufen kann. Es ist höllisch.

Ich brach sofort zusammen

Als es meine Augen traf, brach ich sofort zusammen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich nach meinem Team geschrien habe, das auch sofort kam.

Mein Glück war, dass mir sofort Menschen halfen. Ein Mann kam zu mir und drückte mir Kochsalzlösung in die Hand und sagte: "Nimm das."

Ein Anwohner rief uns von seinem Balkon zu. Eine Stunde waren wir bei ihm, er gab uns Handtücher und etwas zu trinken. Das war Glück im Unglück.

Bedrohliche Ansage an einen freien Journalisten.

Ich weiß nicht, ob noch andere Kollegen einen solchen Angriff der Polizei miterleben mussten.

Der Druck auf Journalisten nimmt massiv zu

Der Druck seitens der Behörden auf Journalisten nimmt gerade massiv zu - und das bringt die Pressefreiheit in Gefahr.

Sogar der Deutsche Journalistenverband warnt schon vor solchen Zwischenfällen, erfuhr ich später. Und Journalisten verlieren ohne weiteren Grund ihre Akkreditierung zum G20-Gipfel.

Natürlich sind die Polizisten unter Druck. Die Lage eskaliert immer wieder an unterschiedlichen Stellen. Die Beamten sind genau so überarbeitet wie die Reporter.

Der "taz"-Journalist Martin Kaul beobachtet, wie Journalisten im Medienzentrum ihre G20-Akkreditierung abgeknüpft wird.

Protestler beschimpfen sie und bewerfen sie mit Flaschen und Steinen. Hinzu kommt, dass viele im Dauereinsatz und überfordert sind, weil die Politik die Situation völlig unterschätzt hat.

Vielleicht war es sogar ein großer Fehler, den Gipfel in Hamburg abzuhalten. Viele Extremisten kennen die verwinkelten Straßen seit Jahren, die meisten Polizisten allerdings sind hier fremd, weil sie aus anderen Bundesländern hierher beordert wurden.

Passt auf euch auf, Kollegen!

Hinnehmen kann ich den Fall trotzdem nicht. Ich werde den Fall natürlich Reporter ohne Grenzen melden, weil ich für die Organisation auch als Beobachter unterwegs bin. Ich melde solche Vorfälle immer.

Meinen Kollegen, die vom G20-Gipfel berichten, kann ich nur eines raten: Passt auf euch auf. Haltet eure Köpfe tief und haltet den nötigen Abstand zur Polizei. Wer das nicht beachtet, bringt sich selbst in Gefahr. Die Presse ist hier nicht mehr sicher.

Der Text wurde von Jürgen Klöckner aufgezeichnet.

Anmerkung der Redaktion: Die Polizei hat mittlerweile auf unsere Anfrage zum Übergriff auf den Journalisten geantwortet, der Fall sei ihnen nicht bekannt.

Mehr zum Thema: Alle wichtigen Informationen zum G20-Gipfel findet ihr in unserem Live-Blog

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