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Es ist wohl eine Lüge, dass Toleranz ein wichtiges Gut der europäischen Gesellschaft ist

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MERKEL
dpa
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Unsere Bundeskanzlerin hat es wieder gemacht, vermutlich innerparteilicher Druck oder das Umfragetief haben sie dazu verleitet neben dem "Wir schaffen das!"-Mantra ein weiteres hinzuzufügen. Nun sollen "Türkischstämmige loyal zu Deutschland" sein. Andere Persönlichkeiten nehmen dieses Zitat jetzt zum Anlass, Multi-Kulturalismus für gescheitert zu erklären.

Was genau passiert hier eigentlich? Der Deutsch-Türke, Türke, Ausländer (am besten) solle "loyal" sein, Multi-Kulti ist gescheitert und seit einigen Jahren benötigen wir eine "Leitkultur". Bin ich der einzige Mensch in diesem Land der bemerkt, dass das alles nichts weiter als der Versuch ist, einer Gruppe von Menschen, einer Minderheit (~2 Millionen!) die eigene Weltanschauung, letztlich die eigene Meinung, aufzuzwingen?

Wie würde man so etwas bezeichnen? Ganz klar, Kulturrassismus! Ich verstehe die Angst, die sich seit mehr als 20 Jahren durch Terror in den Köpfen der Menschen manifestiert hat. Natürlich entsteht hier der Wunsch nach Stillstand, nach einfachen Erklärungen für immer komplexere Sachverhalte und die Angst vor dem 'Fremden' , 'Anderen'.

Trotzdem darf das nicht mittlerweile als Ausrede gelten, um hier eigene Vorstellungen, vom guten Ausländer oder "richtigen" deutschen Bürger, Minderheiten aufzuzwingen.

Definition des Kulturrassismus

Man mag mir, dem Deutsch-Türken, nicht glauben, dass diese ganze Debatte letztlich klarer Kulturrassismus ist, aber lassen wir einfach einige Definition von Kulturrassismus sprechen:

Kulturrassismus ist, wie der gewöhnliche Rassismus eine Symbolkonstruktion, worin Gefühle der Selbstentfremdung zur Form eines Unwesens konzentriert werden, das schon durch seine fremde Art zur Selbsterklärung dient und eine kollektive Selbstgerechtigkeit untermauern soll.

Er ist im Unterschied zum einfachen Rassismus aber nicht nur eine Haltung gegen Menschen, die andere Natur, Kultur oder Religion für das Normkonstrukt von Rassisten darstellen, sondern ein prinzipieller Kulturalismus, der die fremde Kultur in eine Feindschaft zur eigenen stellt und in einen systematisierten Hass auf eine bestimmte Kultur entwickelt, die zum Fokus einer Kulturbedrohung gemacht wird und in der sich unmittelbar ein sittliches Bedrohungsgefühl begründen soll, das sich an entsprechenden Eigenarten einer fremden Sittlichkeit, zum Beispiel an ihrer vorherrschenden Religion festmacht (siehe Antisemitismus oder Antiislamismus). [Quelle 1]

Natürlich können wir hier eine noch seriösere Quelle nennen: Gedankengebäude, die Kultur nicht als "historisch bedingt" und als veränderbar betrachten, und in denen Vorstellungen von Kultur "in einem solchen Maße verdinglicht und essentialisiert werden", dass Kultur "zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs wird", werden als kultureller Rassismus bezeichnet.
George M. Fredrickson: Rassismus. Ein historischer Abriß.

Oder: John Solomos und Les Back vertreten die Auffassung, daß Rasse heute 'als Kultur kodiert' wird und daß ‚das zentrale Merkmal dieser Prozesse darin besteht, daß die Eigenschaften von sozialen Gruppen fixiert, naturalisiert und in einen pseudobiologisch definierten Kulturalismus eingebettet werden.
George M. Fredrickson: Rassismus. Ein historischer Abriß.

WIR müssen uns nicht ändern

Schon seit einigen Jahren sehe ich eine Tendenz dahingehend, dass nicht mehr einzelne Volksgruppen, die Hautfarbe oder Ähnliches als das "Fremde" oder gar "Böse" dargestellt werden, sondern viel mehr andere Kulturkreise, ganze Regionen nun nicht vereinbar sind mit den Werten Europas, beziehungsweise Deutschlands.

Hier geht es nicht darum, dass ich in die Rolle des Opfers schlüpfen möchte, da ich mich nicht als Opfer sehe, aber manches muss klar benannt werden.

Sehr geehrte Ignoranten, Volltrottel, Multi-Kulti Hasser,
ihr hattet alle vermutlich noch nie in eurem Leben einen Deutsch-Türken als Nachbarn oder als guten, sehr guten Freund. Vermutlich habt ihr bisher noch nicht einmal täglich 8 Stunden auf eurer Arbeit mit einem Deutsch-Ausländer zu tun gehabt, der einem anderen Kulturkreis entstammt.

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Eure Abneigung gegenüber Veränderungen bedeutet nicht, dass WIR uns ändern müssen. Anscheinend war es eine Lüge, als uns auf dem Gymnasium eingeredet wurde, dass Toleranz ein wichtiges Gut in der europäischen Gesellschaft sei.

Ihr könnt es gerne medial weiterhin versuchen, aber nach mehr als 50 Jahren des Miteinander, 4 Generationen in diesem Land, mir von der deutschen Politik anzuhören, ich sei nicht loyal, ich müsse gegen irgendeine Person sein, alle anderen seien schlecht, nur die EU sei spitze, ist einfach nur enttäuschend, deprimierend und frustrierend.

Letztlich bin ich deutsch und türkisch. Ich liebe es beide Kulturen zu vermischen und diesen Mehrwert lasse ich mir nicht wegnehmen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: “Wir schaffen das.”

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