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Die Vermieterin warf mich aus meiner Wohnung - dann bin ich ein Jahr jeden Monat mit meiner Familie umgezogen

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Roderick Aichinger
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"Ihr spinnt doch!", haben einige unserer deutschen Freunde gesagt, als wir ihnen von unserem Vorhaben erzählt haben. Wieso sollte jemand freiwillig ein Jahr lang jeden Monat umziehen, wo die meisten Menschen schon bei dem Gedanken an einen einzigen Umzug Bauchschmerzen bekommen?

Unsere New Yorker Bekannten dagegen fanden die Idee cool. Nicht nur, weil Amerikaner im Durchschnitt ein Dutzend Mal in ihrem Leben umziehen - auch, weil New York Stadtindianer anzieht wie wohl kein anderer Ort.

Meine Frau Christina und ich sind 2012 nach New York gezogen. Zu Beginn haben wir in einem kleinen Apartment auf der Upper East Side gewohnt, dem Nobelviertel auf der östlichen Seite des Central Parks. Als unsere Tochter Emma geboren wurde, wollte unsere Vermieterin uns loswerden und zerrte uns vor Gericht.

Wir fühlten uns zu jung für ein gesättigtes Vorort-Leben

Wir brauchten schnell eine Wohnung und landeten in Park Slope in Brooklyn. Die Gegend ist etwa vergleichbar mit dem Prenzlauer Berg in Berlin oder dem Glockenbachviertel in München - die Leute dort führen ein gesättigtes Vorort-Leben. Wir fühlten uns dafür zu jung.

Es gibt Menschen, die leben eher nach drinnen. Sie ziehen sich nach der Arbeit gerne in ihre eigenen vier Wände zurück. Wir dagegen gehören zu denjenigen Leuten, die ihre Nachbarschaft bewusst erleben wollen, sprich: die lieber nach draußen leben.

Wir wollten eine Nachbarschaft finden, die besser zu uns passt und irgendwie kam dabei die Idee auf, mal ein Jahr lang verschiedene Viertel Probe zu wohnen. Vielleicht ein paar teurere Ecken, die wir uns sonst nicht leisten könnten, und ein paar, die wir sonst nie sehen und erleben würden. Und am Schluss ein neues Zuhause zu finden.

Mehr zum Thema: Eine Familie hat sich aus diesem alten Schiff ein Haus gebaut - so spektakulär sieht es von innen aus

Minimalistisch glücklich sein

Zunächst war das eine Schnapsidee, aber als unser Vermieter in Brooklyn dann beschloss, die Miete um $400 Dollar im Monat zu erhöhen, entschieden wir, genau dies zu tun: Ein Jahr lang jeden Monat in eine andere Gegend zu ziehen.

Erstmal haben wir großzügig ausgemistet. Ein befreiender Moment: Je weniger du besitzt, desto einfacher wird das Leben. Nach mehreren großzügigen Kleiderspenden und Verschenk-Aktionen passte unser ganzes Hab und Gut gerade in ein paar Kisten.

Inzwischen sind wir soweit reduziert, dass wir mit dem Taxi umziehen. Vier T-Shirts und zwei Paar Schuhe - und eine Kiste mit Spielsachen für Emma. Wir haben durch das Projekt gelernt, minimalistisch glücklich zu sein.

Unser erster Stopp war Long Island City in Queens, in der Wohnung eines Freundes. Von dort zogen wir in ein riesiges uraltes Loft in einem Lagerhaus in Chinatown. Ausgerechnet dort fanden wir dann eine Kita für Emma. Sie wurde uns von Locals empfohlen und - für uns völlig überraschend - war vergleichsweise bezahlbar. Ohne das Projekt hätten wir diesen Ort nie gefunden.

Wir sind zwar nach vier Wochen wieder umgezogen, aber wir bringen Emma immer noch jeden Tag dorthin. Sie hat dort Freunde aus der ganzen Welt gefunden.

In Harlem und in der Bronx, wo wir danach lebten, spielt sich das Leben auf der Straße ab. Die Menschen dort haben eine richtige Gemeinschaft, sie leben miteinander statt nebeneinander. So haben wir uns dort schnell aufgenommen gefühlt.

Unsere Vormieter waren Drogendealer

Unser aktueller Stopp - Nummer elf - ist das East Village in Manhattan. Und wie eigentlich jede Wohnung bisher kam auch diese mit einer guten New Yorker Geschichte. Wie wir von unserer Vermieterin erfuhren, hatten die sogenannten "Green Angels" zuvor in unserem Zwei-Zimmer-Apartment gelebt.

Die "Green Angels" sind eine Gruppe von Studentinnen und Models, die einen Marihuana-Lieferservice betrieben haben, um sich das Studium zu finanzieren. Zu ihren Kunden sollen auch einige Prominente gehört haben, zum Beispiel die Popstars Rihanna und Justin Bieber. Die Geschichte wurde vom GQ Magazin aufgedeckt und soll demnächst verfilmt werden.

Absolutes Highlight: Das monatliche Neighbourhood Dinner

Am Ende jedes Monats veranstalten wir ein Neighbourhood Dinner, zu dem wir Künstler, Aktivisten und andere Persönlichkeiten einladen, die in dem Viertel besonderes tun oder uns empfohlen wurden. Diese Abende waren die Highlights unserer Reise durch die Viertel New Yorks - die besten Geschichten und einige der spannendsten Momente erlebten wird dort.

Einer unserer Gäste beim Dinner in Washington Heights erzählte zum Beispiel aus den 80ern, zu der Zeit der Drogenhandel noch ein großes Problem in dieser Nachbarschaft war. Damals war die Kriminalitätsrate so hoch, dass viele Menschen Umwege auf sich nahmen, um sicher nach Hause zu kommen.

Viele trugen auch eine Waffe bei sich, um sich gegen Überfälle wehren zu können. Unser Gast erzählte, einst auf einen Mann geschossen zu haben, der versucht hatte, das Auto seiner Mutter aufzubrechen.

Every month, before we leave a neighborhood, we invite neighbors, friends who live in the area and people we've heard about who care for the community to share some of their stories. For us, these neighborhood dinners have become the highlight of our journey. While we can only scratch the surface of a neighborhood, our guests have lived there for most of their life; while we only get to see its latest incarnation, they have been through many; while we can only guess, they know what's really going on. Usually, these nights are so intense that we forget to take pictures. Not this time. In Washington Heights, we lived with our hosts, who invited their friends - and let us into their lives. Three things we learned from Evelyn, Camilla, Nicole, Mokie, George, Seth, Sebastian and Kurt: 1. The drug trade in Washington Heights used to be absolutely insane, until a few years ago; crime was so extreme that you would drive special routes to your house and carry a gun that you might use, which one of our guests did - he shot a man who was breaking into his mom's car; 2. Jumel Mansion across the street, one of the most historical places in the US, wouldn't be where it is today without the neighbors coming together, cleaning up, gardening and taking care; 3. The current cycle the neighborhood is going through might be one of slow gentrification, but might just be another that dries out without heavily affecting the Latino and African-American communities who have been living here for decades. Bye Washington Heights, and bye Kurt, Camilla and Adam. Thank you for having us.

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Das wirklich Lebenswerte liegt außerhalb der Komfortzone

Nun sind unsere zwölf Monate fast um, aber ich könnte gar nicht sagen, wo ich es am schönsten fand. Es ist uns jedes Mal schwer gefallen, unser Viertel zu verlassen.

Aber wenn man zu lange an einem Ort bleibt, stellt sich eine gewisse Bequemlichkeit ein und man verliert die Neugier für seine Umgebung. Dabei spielt sich das eigentlich Lebenswerte meistens außerhalb der eigenen Komfortzone ab.

Das Projekt hat uns verdeutlicht, wie wichtig es ist, diese zu verlassen. Wir haben in diesem Jahr so viele interessante Menschen kennengelernt! New York ist die ganze Welt auf einer Insel.

Hunderte verschiedene Kulturen leben ohne allzu große Konflikte nebeneinander auf engem Raum - und wenn man selbst zum Nomaden wird, wird man Teil dieser von Immigranten geprägten Kultur.

Die Menschen machen das Zuhause aus

Die wenigsten New Yorker, die uns begegnen, stammen wirklich von hier. Trotzdem fühlen sie sich als Teil der Stadt, als Teil einer größeren Idee, und arbeiten daran mit.

Dank des Projekts haben wir auch die Geographie der Stadt viel besser kennengelernt. New York ist erst dadurch wirklich Heimat für uns geworden. Ich kenne den Big Apple nun besser als meine eigentliche Heimatstadt Nürnberg.

Was Heimat bedeutet, sieht man auch an unserer Tochter Emma: Sie hat sich von den vielen Umzügen nicht beirren lassen. Wann immer wir ein neues Haus bezogen haben, hat sie gefragt: "Neue Hause?" bevor sie zu ihrer Spielkiste gegangen ist und ihre Sachen ausgepackt hat. Vier Wände machen für sie kein Zuhause aus. Es sind die Menschen darin und drumherum. Menschen, die man liebt und gern hat.

Wer mehr über Felix und Christinas Projekt erfahren möchte, kann ihnen auf Instagram (@nyc12x12) folgen, oder ihren Newsletter (http://nyc12x12.com) abonnieren.

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(ame)