BLOG

Ein Augenzeuge aus Schorndorf berichtet, was wirklich vorgefallen ist

18/07/2017 18:32 CEST | Aktualisiert 19/07/2017 08:45 CEST
dpa

Die kleine Stadt Schorndorf bei Stuttgart ist am vergangenen Wochenende zu unfreiwilliger und trauriger Berühmtheit gelangt.

Es habe Massenkrawallen während des Stadtfestes gegeben, marodierende Horden von Asylsuchenden hätten sich zusammengerottet und seien durch die Stadt gezogen, berichteten Medien. Schnell wurden Vergleiche zu den Ereignissen zu Silvester Köln oder G20 in Hamburg gezogen. Ein Augenzeuge berichtet, was wirklich passiert ist.

Wenn ich in den vergangenen zwei Tage in die sozialen Medien und einige Zeitungen geschaut habe, habe ich meinen Heimatort Schorndorf nicht wiedererkannt:

Horden von Migranten sollen bei unserem Stadtfest gewütet haben. Ein marodierender Mob sei durch die Straßen gezogen. Die Polizei sei überfordert gewesen.

Alle, die jetzt von einem zweiten Köln oder Hamburg sprechen, muss ich aber enttäuschen: Diese Sicht auf die Ereignisse ist völliger Quatsch und maßlos übertrieben.

Fast alles wie immer

Wir haben uns am Samstag, wie jedes Jahr während des Stadtfestes "Schorndorfer Woche", im Schlosspark in Schorndorf verabredet. Wir standen zusammen, haben Musik gehört. Wie viele andere auch.

In den Jahren zuvor ist es immer so gewesen, dass der Park um halb zwölf von der Polizei so langsam geräumt wurde. In diesem Jahr nicht.

Ich kann nicht genau sagen warum die Polizei den Park dieses Jahr nicht geräumt hat. Aber wie jedes Jahr waren schon den ganzen Abend Polizisten in zivil und in Streifen unterwegs. Sie kontrollierten auf Drogen und schickten Minderjährige nach Hause.

Auch am Freitag wurde der Park nicht geräumt, aber alles ist friedlich geblieben.

Von organisiertem Krawall kann man nicht reden

Am Samstag ist es dann spätabends zu einer Rangelei an einem etwas abgelegen Ort des Parks gekommen. Zu der Zeit waren in jedem Fall keine 1000 Menschen mehr im Park. Die meisten davon waren Schüler der städtischen Schulen. Und nicht auffällig viele mit Migrationshintergrund, wie in manchen Medien berichtet worden war.

Ich stand ungefähr 50 Meter von der Rangelei entfernt. Schnell bildete sich ein Pulk, 300 Menschen, würde ich schätzen. Schaulustige vor allem. Und dann kam es zu vereinzelten Flaschenwürfen aus der Menge. Aber von einer organisierten Horde oder einer gezielten Randale kann keine Rede sein.

Es war eben wie jedes Jahr, Alkohol war im Spiel. Vereinzelt haben angetrunkene Jugendliche die Polizisten angepöbelt, die vermutlich nicht damit gerechnet hatten, dass sich da eine Gruppe bildet.

Temporäre Überforderung der Polizei

Die Polizei hat dann Verstärkung angefordert und kam mit schwerer Ausrüstung dazu. Es gab eine Festnahme. Aber zu dem Zeitpunkt hatte sich die Rangelei schon wieder weitgehend aufgelöst. 200 Meter weiter hatte man ohnehin sehr wenig davon mitbekommen.

Das Problem war, denke ich, dass die Rangelei in einem abgelegeneren Teil des Parks stattfand und die Polizei zu Anfang mit wenigen Beamten vor Ort war. Ich würde von einer temporären Überforderung sprechen. Es waren aber absolut keine Massenkrawalle. Von einem Ausnahmezustand kann niemand sprechen.

Neu und schlimmer als in den Vorjahren war, dass Flaschen geworfen wurden. Das war das einzige.

Es wurden Zusammenhänge hergestellt, wo keine sind

Es wurde dann ohnehin leer im Park und wir sind noch in die Stadt in eine Bar. Dass dort Banden marodiert hätten, habe ich nicht mitbekommen. Und auch sonst niemand, den ich kenne.

In der Polizeimeldung wurden alle Ereignisse der "Schorndorfer Woche" zusammengefasst und ein zu dunkles Bild gezeichnet.

Die einzelnen Übergriffe, laut Polizei durch Migranten, sind natürlich inakzeptabel. Aber dies mit dem oben beschriebenen Vorfall im Park zu vermischen ist unredlich und schlichtweg falsch. Auch, dass 1000 Asylsuchende oder generell Menschen mit Migrationshintergrund in der Stadt und im Park organisiert gewütet hätten, entspricht nicht der Wahrheit.

Die einzelnen Vorkommnisse wurden in vielen Beiträgen nicht als unterschiedliche Vorfälle an anderen Orten und Zeitpunkten voneinander getrennt, sondern als ein "Großereignis" dargestellt.

Dass es zu einer Rangelei im Park und wohl auch vereinzelt zu Beschädigungen an Polizeiautos in der Nacht kam, hat aber nichts mit den sexuellen Übergriffen auf dem Stadtfest zu tun. So schlimm es auch ist, dass so etwas passiert, aber Ausmaße wie in der Kölner Silvesternacht hatte es definitiv nicht.

Viele in der Stadt haben erst am Tag danach überhaupt von den Ausschreitungen erfahren.

Wer Schondorf nun missbraucht, um gegen Migranten und Flüchtlinge Stimmung zu machen, fällt auf eine Lüge rein.

Ja, es gab Streit und Flaschenwürfe im Park, vermutlich unter Alkoholeinfluss. Schorndorf ist aber weder mit Köln, noch mit Hamburg zu vergleichen. Leider wurde von vielen maßlos übertrieben und Zusammenhänge hergestellt, wo keine sind.

Den Ausnahmezustand hat es schlicht und ergreifend nicht gegeben, bereits am Tag danach wurde auf dem Stadtfest schon wieder friedlich gefeiert.

Der Text wurde von Marie-Theres Rüttiger aufgezeichnet.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

(mf)

Sponsored by Trentino