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Wie schwer es als Gründer in Berlin manchmal ist, mit dem Jobcenter zusammenzuarbeiten

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AGENTUR FR ARBEIT
dpa
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Deutschland erlebt derzeit einen Wirtschaftsboom wie seit Jahrzehnten nicht - und die Arbeitskräfte werden knapp. Das habe ich in den vergangenen Monaten immer wieder in den Nachrichten gehört - und das erlebe auch ich jeden Tag. Aber ganz anders als viele Deutsche vielleicht denken.

Denn: In dem Viertel, in dem unser Startup liegt, ist die Arbeitslosenquote mit acht Prozent doppelt so hoch wie der Bundesschnitt. Arbeitskräfte müsste es theoretisch also genug geben. Dennoch finden wir nur sehr schwer Mitarbeiter.

Das Viertel ist Hohenschönhausen in Berlin. Viele Berliner waren noch nie in diesem Bezirk - alles was sie kennen, sind Schlagworte wie Plattenbau, Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche.

Eis am Stil aus Longdrinks

Vor vier Jahren hatten ich und mein Mitgründer Alexander Katz die Idee, Eis am Stiel aus Longdrinks zu produzieren. Wir haben bei SchleckDruff Gin-Tonic-Eis im Angebot, aber auch die Sorten Moscow Mule oder etwa Mango Daiquiri.

schleckVerschiedene Eissorten von SchleckDruff.

Überall in Berlin haben wir uns nach einem möglichen Standort umgeschaut. Am Ende haben wir in einem Industriegebiet in Hohenschönhausen ein Büro gefunden.

Wir waren froh über die günstigen Mieten und das tolle Gewerbegebiet hier, das perfekte Bedingungen für uns bietet.

Womit wir nicht gerechnet haben: Dass es so schwer ist, mit dem Arbeitsamt zu kooperieren, um Mitarbeiter zu finden.

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Wir produzieren in der Regel nur in den Frühlings- und Sommermonaten. Dafür brauchen wir zwei Minijobber in der Herstellung, die vor allem zuverlässig sind.

Wenn jemand zu spät kommt, steht die Produktion still. Das können wir uns in der Regel nicht leisten. Dass jemand gar nicht kommt, schon gar nicht.

Eine Ausbildung oder gar ein Studium ist nicht nötig.

Die Arbeit des Amts macht oft keinen Sinn

Wenn man solche Jobs ausschreibt, fängt das Arbeitsamt ganz hinten in der Liste der Arbeitssuchenden an. Wenn die sich bei uns melden, wissen wir schon, dass es vermutlich nicht passen wird.

Einmal wurde uns ein Schwerbehinderter vermittelt, der trockener Alkoholiker war. Einen solchen Bewerber können wir unmöglich in die Produktion stellen und Gin Tonic anmischen lassen.

2017-08-02-1501666016-7136258-IMG_3122.JPG Der Standort des Startups im Berliner Filter Berlin-Hohenschönhausen.

Es sagt schon viel über das System aus, wenn niemand merkt, dass diese Vermittlung für beide Seiten keinen Sinn macht.

Andere wiederum wollen einfach keinen Job, weil sie sich sehr gut in ihrer Langzeitarbeitslosigkeit eingerichtet haben. Einer sagte uns mal: Das Gehalt hier bekomme ich mit kleinen Abstrichen auch vom Arbeitsamt.

Ein anderer kam mal mit einem Lebenslauf zu uns, den er per Hand in der S-Bahn geschrieben und in seine Hosentasche geknüllt hatte.

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Der wollte keinen Job, der wollte nur die Kriterien des Arbeitsamts erfüllen, um von uns eine Unterschrift zu bekommen, dass er sich beworben hatte. Der war ein Unterschriften-Jäger, wie viele andere. Die Menschen, die das Arbeitsamt hierher schickt, tun mir manchmal wirklich leid.

Ich hatte mal eine Frau hier, die zwei Stunden angereist kam. Erstens wäre es für sie totaler Wahnsinn gewesen, bei uns anzufangen - vier Stunden wäre sie jeden Tag gependelt, um acht Stunden zu arbeiten.

Zweitens hätte sie gar nicht bei uns arbeiten können, weil sie keinen Minijob annehmen durfte. Dann mussten wir ihr quittieren, dass wir nur Minijobs anbieten. Und sie fuhr wieder.

Und das waren nur ein paar Beispiele.

Es geht den Arbeitsämtern nicht darum, Leute zu vermitteln

Von 40 Bewerbern konnten wir bislang nur zwei einstellen. Und jedes Mal haben wir uns Zeit für ein Gespräch genommen, das wir uns auch hätten sparen können.

Was für eine Farce.

Da schreibe ich lieber eine Anzeige in einer Facebook-Studentengruppe oder an ein schwarzes Brett in einer Uni. Da bewerben sich zehn Leute, die ich alle sofort einstellen würde.

Was ich in meiner Zeit als Startup-Gründer gelernt habe: Es geht den Arbeitsämtern offensichtlich nicht darum, produktiv Leute zu vermitteln.

Die Arbeitsärmter scheinen mir wie ein sich selbst erhaltendes System, das Arbeitsvermittlung vorgaukelt.

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In Wirklichkeit geht es nur darum, Leute von Arbeitgeber zu Arbeitgeber zu schicken, um sie bei Laune zu halten und eine Rechtfertigung für den ganzen bürokratischen Wahnsinn zu haben.

Dass daraus langfristig soziale Mobilität entsteht, ist eine Illusion. Wer abgehängt ist, bleibt angehängt. Wie soll es sich auch ändern, wenn sich niemand wirklich darum kümmert, was die Menschen können und was nicht.

Was wirklich helfen würde, wäre Bildung, Bildung, Bildung, um die Menschen hier in Hohenschönhausen und ähnlichen Orten in Deutschland.

Der Text wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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