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Die traurige Geschichte des Business-Blogs...

24/03/2016 17:09 CET | Aktualisiert 25/03/2017 10:12 CET
Purestock via Getty Images

Ich habe den Artikel jetzt gerade zum dritten Mal gelesen. Zugegeben: Nach dem ersten - vielleicht flüchtigen - Überfliegen des Werkes war ich ja noch der hoffnungsvollen Überzeugung, dass ich die Kernaussage einfach nicht verstanden habe.

Passiert ja selbst mir gelegentlich mal. Nach dem zweiten, motivierten Anlauf habe ich allerdings immer noch keinen Schimmer, was der Autor jetzt genau zum Ausdruck bringen möchte.

Mich beschleicht ein ungutes Gefühl... Na gut, dann halt ein dritter Versuch. Aber dieses Mal rüste ich mich vorher mit meinem Bullshit-Detector-Helm aus. Und siehe da, meine Befürchtung sollte sich (mal wieder) bestätigen:

Was zum Teufel habe ich da gerade gelesen?! Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass das wirklich jemand geschrieben hat. Ernsthaft?

In diesem sehr konkreten Fall ging es um die Entdeckung des heldenhaften "Gen Y Barometer". Der gegen null tendierende Mehrwert der ausschweifenden, textlichen Ergüsse des Autors ist zum Haare ausreißen.

Kurzer Blick in die sozialen Netzwerke: Der oben genannte Artikel verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Als hätte gerade jemand die Bundeslade ausgebuddelt und darin die Formel für den Weltfrieden gefunden! Heureka!

Der Business Blog - eine traurige Geschichte

Meine Erkenntnis und total subjektive Meinung ist: Die Blogging-Kultur, insbesondere im Business Kontext, ist mittlerweile völlig verkommen.

Man kann sich noch verschwommen an die Anfänge des Bloggens erinnern: Da hat der Filialleiter aus dem Supermarkt über die Absurditäten seines Arbeitsalltags geschrieben und uns auf amüsante Art und Weise Einblicke in eine Welt verschafft, die wir in dieser Form selten bis nie zu Gesicht bekommen. Quasi ein öffentliches Online-Tagebuch.

Darüber hinaus gab (und gibt) es eine Vielzahl an Blogs zu den unterschiedlichsten Themen. Geschrieben von ganz normalen Menschen mit einer Leidenschaft: Kochen, Karnevalskostüme, mein schönstes Ferienerlebnis...

In beiden Fällen geschah das Ganze meist ohne einen professionalisierten, redaktionellen Fokus. Einfach so! Gut so!

Aber wie bei fast jedem Trend, dem eine bestimmte kritische Masse an Aufmerksamkeit zu Teil wird, wird eine Frage unaufhaltsam, aufdringlich und konsequent in den Vordergrund rücken: Kann man damit eigentlich auch Umsatz generieren? What's in it for me?

Per se sind weder die Frage noch die Generierung von Umsatz verwerflich. Verwerflich ist allerdings die Degradierung des Blogs zum Verkaufsinstrument.

Diese Mutation hat er nicht verdient. Gesamtkastriert in seiner Einzigartigkeit. Versunken in der völligen Belanglosigkeit. Weichgespülter Einheitsbrei. Auch nicht, weil "ja jetzt alle einen Blog haben"... schon garnicht deswegen.

Heutige Blogs, die sich mit Themen rund um Business und Wirtschaft beschäftigen, werden z.B. nicht selten von Unternehmen betrieben oder zumindest (sehr subtil - Sarkasmus: off) querfinanziert.

Und jetzt denken wir mal scharf nach: Was mag wohl deren Beweggrund sein? Caritative Ambitionen würde ich jetzt mal ausschließen.

Selbstdarstellung? Vielleicht.

Die Autoren wissen mit Ihrer Arbeitszeit nichts Besseres anzufangen? Ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Um das Kind beim Namen zu nennen: Am Ende verspricht man sich eine irgendwie geartete Umsatzsteigerung.

Ein leider sehr paxisnahes Beispiel:

Gehen wir mal vom besten Fall aus: Da gehen Autoren munter ans Werk und entwerfen für ihren Arbeitgeber einen vielleicht wirklich gar nicht so schlechten Artikel in ursprünglicher Blog-Qualität.

Freie Meinungsäußerung. Subjektiv. Vielleicht schnippisch, kritisch oder sogar lustig. Diese erste Version (nennen wir ihn mal „Artikel_v1.docx") wird dann prozesskonform aber natürlich erstmal vom Chef geprüft.

Mit dem frei erfundenen, aber nicht unwahrscheinlichen Feedback der Art: „Das kannst du doch so nicht schreiben! Wir müssen Umsatz generieren.

Mach mal lieber ne' Portion Weichspüler in die rote Schleife, die du verbal um den Text bindest! Stell das Produkt in den Fokus. Bevor das raus geht, muss das aber sowieso noch zur Compliance, gell?"

Gesagt, getan: Unser kleiner, nicht mehr ganz so frei meinungsgeäußerte „Artikel_v1.1.docx" wandert nun zwei bis drei Etagen nach oben. Oder seitwärts. Zack! Penetration mit der Compliance-Keule inklusive Zertifikat: „Artikel_final.docx".

Weil wir ja nun mit Gen X, Y, Z und überhaupt im total digitalen Zeitalter leben, und der Blog ja ein Social-Media-Instrument ist, darf das hippe Social-Media-Department natürlich nicht fehlen.

Leider sind sich die Jungs und Mädels dort auch nicht so sicher, ob man „das" so schreiben darf und holen sich den letzten Feinschliff bei der Pressestelle des Unternehmens.

Die Gefahr eines Online-Shitstorms muss unbedingt mit allen Mitteln abgewendet werden! Die optimieren noch mal ordentlich an dem Teil herum und dann ist der Artikel endlich als Version "Artikel_final_v2.docx" bereit für eine Veröffentlichung!

Weich gespült, vertriebsoptimiert, compliant und pressetauglich...

Leider ist spätestens an dieser Stelle nichts, aber auch gar nichts von der ursprünglichen Qualität und Intention des Artikels übrig geblieben.

Der verbliebene Rumpf beschränkt sich auf reine Fakten und ist in seiner Gesamtheit so unendlich sexy wie der Aushang zum nächsten ökumenischen Gottesdienst in der Turnhalle Ihres Vertrauens (Ja, das ist politisch absolut nicht korrekt. Spiegelt aber meine Meinung wieder. Einfach so.).

Wie viel mehr Umsatz dabei jetzt rum gekommen ist, steht außerdem noch mal auf einem anderen Blatt.

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele großartige Blog-Artikel auf diese Art und Weise im Schredder gelandet sind.

Und WENN man dafür schon die unzähligen o.g. Ressourcen bindet, dann doch bitte wenigstens zielführend. Ich wage nämlich zu bezweifeln, dass "Artikel_final_v2.docx" tatsächlich die Taschen irgendeines schlauen Unternehmers gefüllt hätte.

Und genau da möchte ich ansetzen!

Der Kern aller meiner Blog-Artikel ist in irgendeiner Art und Weise der Arbeitswelt zugeordnet.

Texte, Bilder, Zitate und sonstige geeignete Medien, die auf kritische, amüsante, provozierende und gelegentlich wahrscheinlich auch unverschämte Weise meine persönliche Meinung und Einschätzung wiedergeben.

Wilde Absurditäten, Raketenwissenschaften und Buzzwords müssen gelegentlich einfach einmal mit einer kleinen Portion gesundem Menschenverstand betrachtet werden.

Auch ich haben natürlich die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen und gebe in vielen Fällen und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dem Lesespaß uneingeschränkten Vortritt vor (raketen)wissenschaftlicher, redaktioneller und politischer Korrektheit.

Aber genau dafür war das Instrument „Blog" ja einmal gedacht. War. Traurige Geschichte...

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