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Fremdschämen ist Menschenverachtung

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Hannes Rohrer
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Gerade arbeite ich wieder an einem Theaterprojekt mit, bei dem Bewohner eines Altersheimes auftreten. Diesmal drehe ich keinen Dokumentarfilm darüber, sondern ich stehe gemeinsam mit ihnen als Musiker auf der Bühne.

Die Leute, die am Projekt teilnehmen, entsprechen alle nicht so ganz dem Ideal des jungen, dynamischen, erfolgreichen und überaus smarten Menschen, das jeder von uns so gern verkörpern möchte.

Wir von 'what you see is what you get' glauben, dass sie trotzdem auf einer öffentlichen Bühne stehen können und dass es dabei überhaupt nicht schlimm ist, wenn hier und da ihre Demenz oder ihre körperlichen Beeinträchtigungen durchschimmern.

Ganz im Gegenteil - ich finde das unglaublich interessant. Nur kommt es mir oft so vor, als fände der Rest der Gesellschaft solche Abweichungen von der Norm nicht nur nicht interessant, sondern als wolle man komplett verdrängen, dass eben nicht alle Menschen jung, dynamisch, erfolgreich und überaus smart sind.

Beitrag zeigt Intoleranz

So wie vielleicht, naja, sagen wir mal zum Beispiel Jan Böhmermann. Nachdem Böhmermann vor zwei Wochen den Verafake veröffentlicht hat, schallte es uns entgegen: 'Oh, jetzt müsst ihr aber besonders aufpassen. Jetzt ist es ja gerade voll Thema in der Öffentlichkeit und in den Medien, das mit dem Bloßstellen von Menschen, die nicht wissen, was sie tun.' - 'Wie bitte?', dachte ich mir da erst.

Was hat denn unser Projekt, bei dem absolut respektvoll mit den Teilnehmern umgegangen wird, mit einer Sendung wie 'Schwiegertochter gesucht' zu tun? Ziemlich viel - leider. Denn was Böhmermann da entlarvt - klar, das ist in weiten Teilen ziemlich traurig. Aber eine große Überraschung war es eigentlich nicht, zu erfahren, wie das private Fernsehen funktioniert.

Viel wichtiger scheint mir auch ein anderer Aspekt: Die Tatsache, dass hier eine Kunstfigur mit etwas zu hoch sitzender Mütze, die langsam spricht und eine Sammelleidenschaft hat, zur Groteske hochstilisiert wird - und zwar von Jan Böhmermann an vorderster Front - zeigt nicht die Intoleranz einer menschenverachtenden Fernsehsendung gegenüber Behinderten, sondern eine Intoleranz gegenüber völlig normalen Menschen, die nur eben nicht ganz so auf Erfolgslinie sind wie Jan Böhmermann selbst.

Oder wie ließe sich sonst erklären, dass Böhmermann soweit geht, jemanden, der etwas langsam spricht, als nahe an der geistigen Behinderung zu bezeichnen? Hier zeigt sich ein viel größeres Problem: Solange die böhmermannschen Bewertungskriterien gelten, wird es immer komisch, traurig oder krass aussehen, wenn Menschen auftreten, die etwas anders sind, als der stromlinienförmige Mainstream oder die tatsächlich körperlich und/oder geistig behindert sind.

Solange ein großer Teil der Bevölkerung ausschließlich in Kategorien der Belustigung über das, was von der vermeintlichen Norm abweicht denkt, und diese Haltung medial forciert wird, werden diese Menschen nie ganz ein Teil unserer Gesellschaft sein können.

Pluralität bedeutet Offenheit, Mut und Respekt

Solange werden wir peinlich berührt weggucken, wenn jemand in die U-Bahn einsteigt und laut vor sich hin plappert. Wir werden peinlich berührt sein, wenn wir einem Rollstuhlfahrer begegnen. Und wir werden peinlich berührt sein, wenn jemand stottert.

Wir werden sogar peinlich berührt sein, wenn jemand ein bisschen zu langsam spricht. Und auch, wenn jemand sich einfach nur mit einer Mütze wohlfühlt, die recht weit oben auf der Stirn sitzt.

Und so lang werden wir auch zu Theatermachern, die sich ernsthaft mit Menschen auseinandersetzen, die aufgrund ihres Alters, ihrer psychischen Konstitution oder ihrer sozialen Situation eher am Rande der Gesellschaft leben, ganz einfach sagen: 'So was kann man doch nicht machen, ihr stellt die Leute ja bloß.'

Weil das viel einfacher ist, als auch das Abseitige als Teil der eigenen Gesellschaft und womöglich der eigenen Zukunft zu akzeptieren und sich damit auseinanderzusetzen, dass Pluralität nicht nur bedeutet, auf die AFD zu schimpfen, sondern auch, Menschen, die anders sind, mit Offenheit, Mut und Respekt zu begegnen, anstatt sie mit Samthandschuhen anzufassen und sie damit vom wirklichen Leben auszuschließen.

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