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Sauber und preiswert: der deutsche Strom wird zukunftssicher

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ERNEUERBARE ENERGIEN
Getty
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Die Diskussionen um Deutschlands Strom und Deutschlands Strompreise sind immer wieder erstaunlich. Und scheinbar findet jede Haltung zur Energiewende in irgendeiner Facette dieser Diskussion ihren Resonanzraum. Da ist einerseits der deutlich gestiegene Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion, der mit über einem Drittel um das Fünf- bis Zehnfache über dem Wert liegt, der noch vor 20 Jahren für das technische möglich Maximum gehalten wurde:

Die Einen fühlen sich bestätigt. Gleichzeitig sind aber die klimaschädlichen Emissionen der Stromerzeugung in den letzten 15 Jahren nur wenig oder gar nicht gesunken: Die Anderen fühlen sich bestätigt. Die Strompreise an den Energiebörsen liegen so niedrig wie seit über einer Dekade nicht mehr:

Die Einen fühlen sich bestätigt. Die Strompreise für private Haushalte sind im gleichen Zeitraum um etwa siebzig Prozent gestiegen, vor allem wegen der wachsenden Ausgaben für die erneuerbaren Energien: Die Anderen fühlen sich bestätigt.

Eine realistische Gesamteinschätzung erfordert also den Blick unter die Oberfläche. Wie sauber ist also unser Strom wirklich? Das scheinbare Paradoxon zwischen ansteigenden Anteilen von Biomasse, Wind und Sonne an der Stromerzeugung und nur wenig zurückgehenden Emissionen in Deutschland hat eine einfache Erklärung: Die sauberen Energien haben die emissionsintensive Kohleverstromung nicht ersetzt, sondern dazu geführt, dass deren Produktion ins Ausland exportiert wurde.

Rekordjahr 2015

2015 war eben nicht nur das Rekordjahr für die erneuerbaren Energien, sondern auch für die Stromexporte aus Deutschland. Der Ausbau regenerativer Energien schafft also nur die Voraussetzung für ein klimafreundlicheres Stromsystem; der aktiv betriebene Abbau der Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohlekraftwerken bildet den bisher ausgebliebenen, aber eben auch notwendigen zweiten Schritt.

Und der hat mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und erheblicher politischer Erregung gerade erst begonnen. Die unverzichtbaren Voraussetzungen für ein zukunftsfestes Energiesystem werden also in Deutschland durchaus systematisch geschaffen, zur Erreichung des Ziels bedarf es aber dringend ergänzender Aktivitäten.

Und wie sieht es mit den Kosten aus? Die aktuellen Niedrigpreis-Rekorde an den deutschen Strombörsen sind sicherlich Ergebnis ganz unterschiedlicher Entwicklungen. Die niedrigen Weltmarktpreise für Steinkohle und Erdgas, die weiterhin viel zu niedrigen Preise für Emissionszertifikate und die anhaltende wirtschaftliche Schwäche in vielen Staaten Europas spielen hier eine wichtige Rolle.

Haushalte leisten erheblichen Beitrag zur Industriepolitik

Aber ohne die wachsenden Anteile von Wind- und Sonnenstrom, der nach der Investition fast keine Kosten mehr verursacht, läge der Börsenpreis um ein gutes Viertel über den aktuellen Preisen. Für (energieintensive) Unternehmen, die ihren Bedarf an der Strombörse decken und sich an den Kosten für Investitionen in erneuerbare Energien und Stromnetze fast gar nicht beteiligen müssen, herrschen heute vorzügliche Bedingungen. Bezahlt wird dies im Wesentlichen durch die privaten Haushalte, die damit einen erheblichen Beitrag zur Industriepolitik Deutschlands erbringen.

Etwa sechs Cent beträgt der Beitrag zur Finanzierung erneuerbarer Energien je Kilowattstunde, für einen durchschnittlichen Haushalt etwa 215 Euro im Jahr. Aber auch hier lohnt ein etwas näherer Blick. Etwa 40 Prozent der Umlage für das Erneuerbare-Energien-Gesetz wird vor allem aufgebracht, um die Kosten für die anfangs sehr teure Stromerzeugung aus Solarenergie herunterzukaufen. Die nach der Jahrtausendwende in Deutschland erzeugte Nachfrage für Solaranlagen hat ganz maßgeblich dazu beigetragen, dass diese saubere Form der Stromerzeugung um über achtzig Prozent preiswerter geworden ist.

Der dafür über die Stromrechnung aufgebrachte Beitrag von etwa 85 Euro je Haushalt und Jahr ermöglicht heute vielen weniger leistungsstarken Staaten den Zugang zu erschwinglichem und vor allem sauberem Strom. Mit anderen Worten: Eigentlich gibt es eher Grund zum Stolz als zur Klage über diesen Beitrag zum wohl erfolgreichsten deutschen Entwicklungshilfeprogramm.

Wind- und Solaranlagen sind konkurrenzfähig

Die Investitionen in erneuerbare Energien werden aber auch der deutschen Volkswirtschaft längerfristig helfen. Heute errichtete Wind- und Solaranlagen sind selbst unter Berücksichtigung der langfristig erforderlichen Speicherkosten durchaus konkurrenzfähig zu Kohle- und Gaskraftwerken, wenn diese einen angemessenen Preis für ihre Emissionen zahlen müssen, was früher oder später der Fall sein wird.

Vor allem sind die Kosten der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nicht abhängig von den zukünftig wohl viel stärker als bisher schwankenden Preisen auf den globalen Brennstoffmärkten, die Volkswirtschaften und Verbraucher verletzbar machen werden.

In vielen Staaten dieser Welt steht das Energiesystem vor der Notwendigkeit massiver Investitionen - ob mit der ohne Energiewende. Die Kernfrage dabei ist eigentlich nur, ob diese Gelder zukunftssicher, d.h. in sauberen und auch langfristig preiswerten sowie preisstabilen Technologien angelegt werden.

Deutschland hat sich hier zu einem lehrreichen Pilotfall entwickelt und ist bei genauerem Hinschauen auf sehr gutem Wege, sein Stromsystem sauber und preiswert und damit zukunftssicher zu machen.

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