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Kunst zu erschaffen, heißt für mich zurückzuschlagen

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ART POPULISM
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Kunst war für mich schon immer ein Mittel, mit dem über die Widersprüche und die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft gesprochen werden konnte.

Es scheint mir, dass Künstler, Schriftsteller und Filmemacher heute mehr als je zuvor in der Verantwortung stehen sich sozial und politisch zu engagieren. Sie alle müssen den Mut finden, für Dinge zu kämpfen und mehr zu riskieren, die ihnen am Herzen liegen.

Mit anderen Worten sie müssen den Betrachter ansprechen und nicht verheilte Wunden der Gesellschaft wieder aufreißen.

Ein Beispiel dafür ist Guernica, eines der größten Werke Picassos. Auch heute noch gilt das Werk als wagemutige Beschreibung vom Schrecken des Krieges und nicht nur des Spanischen Bürgerkrieges. Guernica bleibt ein Symbol der Macht des Künstlers als ein denkendes Mitglied der Gesellschaft, das den Leuten mehr soziales und politisches Bewusstsein vermittelt.

Ich bin der Meinung, dass Kunst, Filme, Literatur u.s.w. die Möglichkeit haben, auf Fragen tiefgründig einzugehen, Dinge neu zu ordnen sowie Informationen zu verbreiten und erreichen dabei eine enorme Menschenmenge.

Dennoch ist der Künstler ein unsicherer Vorkämpfer. Während ein Kunstwerk sehr symbolisch sein kann, verfügt der Künstler und sein Kunstwerk über keine wirkliche Macht.

Unsere Regierenden sind nicht so großartig, wie wir glauben

In letzter Zeit habe ich viel über die Rolle der westlichen Kultur in der neuen Geschichte nachgedacht. Nach der Lektüre vieler Bücher zur Kolonisierung, habe ich viele Ungenauigkeiten in der Geschichtsschreibung erkannt. Ich war geschockt von den Geschichten, die uns verabreicht wurden.

Für mich ist klar, dass wir erkennen müssen, dass die Regierenden der westlichen Welt nicht so großartig waren, wie wir erzogen wurden zu glauben.

Meine neue Videoinstallation für die B3 Biennale des bewegten Bildes THE GREAT FARCE hinterfragt diese Voreingenommenheit gegenüber der westlichen Dominanz. The Great Farce, wird Ende November 2017 neun Bildschirme breit an der Fassade der Frankfurter Oper projektiert.

Millionen Menschen sind in der Welt auf der Flucht. Grund ist der gigantische Unterschied zwischen den Lebensverhältnissen in ihrer Heimat und denen in der westlichen Welt. Es ist wirklich bedauerlich, dass wir die Erfahrung solch tragischer Zeiten machen.

Als Menschen müssen wir einander helfen, aber Regierungen und Politiker denken nicht so menschlich. In der laufenden politischen Tragödie der Flüchtlingskrise steckt viel Scheinheiligkeit. Wir müssen beides tun: so viele Flüchtlinge wie möglich aufnehmen und Wege finden, dass diese neuen Weltbürger besser in die europäischen Staaten und Amerika integriert werden, um somit die Lebensumstände für alle zu verbessern.

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Aber wir können noch mehr tun. Ich weiß, dass mein Denken unrealistisch und utopisch ist. Dennoch müssen wir als Gesellschaft unsere Empathie erweitern, um zu verstehen, dass die meisten dieser Flüchtlinge vor Kampf und sogar Tod fliehen.

Sie haben alles verloren, Familienmitglieder eingenommen. Sie wurden viele Male von ihren Heimatstaaten und der weltumfassenden Gemeinschaft betrogen... Sie sind verzweifelt. Ich denke, wir haben die Pflicht mehr zu tun.

Wir können und dürfen nicht vergessen, dass die Politik der westlichen Mächte desaströs für die kolonisierten "Dritte Welt"-Nationen war. Europa und die USA haben wesentlich zur Flüchtlingskriese beigetragen.

Intellektuelle und Künstler haben die Welt verändert

Ich glaube, dass Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle und Filmemacher noch heute unglaubliche Möglichkeiten haben, politische Führungen anzuprangern und lächerlich zu machen. Zwar sind einige Künstler fähiger darin als andere aber dennoch besteht kein Zweifel, dass Künstler aller Disziplinen dabei überaus erfolgreich sein können.

Denn obwohl ein Gemälde keinen Diktator stürzen oder Differenzen ausgleichen kann, so kann ein Kunstwerk Menschen, die Opposition und Gegner doch wachrütteln und inspirieren, die dann wiederum mithilfe der öffentlichen Meinung, Programme und Politik etc. darauf reagieren.

Mit einem Blick in die Gegenwartsgeschichte erkennen wir, wie Meisterwerke, wie Charlie Chaplins "The Great Dictator" oder Stainley Kubriks "Doctor Stangelove" unser kulturelles Gewissen beeinflussten.

Oder schauen wir uns doch mal die Gemälde von George Grosz, Otto Dix, Honore Daumier und Goya an und betrachten wir die Arbeiten von Orwell, Noam Chomsky oder Huxley. Wir können nicht abstreiten, dass diese Arbeiten dazu beitrugen, eine Vielzahl unterschiedlicher Themen zu diskutieren.

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Wir müssen offen zugeben, dass die Geburt des Populisten vom Versagen der demokratischen Regierungen ausgelöst wurde - es gibt einfach keine andere Erklärung. Meine eigene Art und Weise mit diesen Problemen umzugehen, ist es morgens aufzustehen und an die Arbeit zu gehen.

Kunst zu erschaffen heißt für mich zurückzuschlagen und zwar auf meine Weise mit Kunstwerke, die sozial und politisch motiviert sind, um damit andere Mensch zu inspirieren.

Ich bin nicht die Art Mensch, um auf der Straße zu demonstrieren. Das bin ich nicht. Ich bin lieber in meinem Atelier und schlage schaffend zurück.

Die Welt in fünf Jahren

Ich sehe weitere rhetorische Spannungen zwischen den führenden Nationen voraus, aber ich möchte glauben, dass die menschliche Dummheit nicht bis zur eigenen Auslöschung führt.

Was ich meine ist, ich glaube nicht, dass der 3. Weltkrieg jemals ausbricht, obwohl man nicht leugnen kann, dass gerade jetzt einige ernste geopolitische Kämpfe ausgefochten werden ... es gibt sehr starke Spannungen, dennoch will ich positiv denken.

Wenn ich darüber nachdenke, hatte ich doch Glück. Meiner Generation geht es so viel besser als der davor. Als ich 18 Jahre wurde, musste ich weder für einen dummen Diktator oder eine Imperialistische Regierung im 1. Weltkrieg kämpfen noch einen sinnlosen Tod im Korea- oder Vietnamkrieg sterben. Ich dagegen hatte jede Möglichkeit, mein Leben so zu gestalten, wie ich es wollte.

Eine Idee für die Zukunft

Ich denke, die westlichen Mächte sollten bescheidener werden, mehr Mitgefühl aufbringen, mehr Klarheit schaffen und weitere Ziele setzen als nur das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.

Es besteht kein Zweifel daran, dass unser Lebensstil nicht aufrecht erhalten werden kann.

Obwohl ich keine Vorhersagen machen kann, frage ich mich, ob wir uns selbst zerfleischen oder dem Zorn der Natur übergeben werden, denn wir vernachlässigen weiterhin das Klima und die Gesundheit unserer Gesellschaft weltweit.

Ich will Menschen nicht die Angst nehmen

Eigentlich habe ich kein Interesse daran, den Leuten die Angst zu nehmen. Mein Ziel ist genau das Gegenteil. Ich möchte, dass meine Arbeit hilft, all der Lügen und Ungerechtigkeiten zu erkennen, die wir täglich schlucken müssen.

Ich werde niemals die Geschichten vergessen, die mir als Kind und Jugendlicher einige alte Männer in Italien über die Lebensbedingungen während des 2. Weltkriegs erzählten. Was ich meine, sind erschütternde Geschichten von Überleben und Entbehrung.

Diese Geschichten haben mich tief geprägt und meine Sichtweise auf gegenwärtige Kriege und die Flüchtlingskrise beeinflusst. Diese alten Männer sind mittlerweile alle tot, aber ihre Geschichten haben immer noch Einfluss auf mich.

Ich erkenne jetzt, dass sie mich Mitgefühl für bedürftige Menschen gelehrt haben. Egal wie anders oder wie weit weg sie sind. Kriege werden von der Rücksichtslosigkeit einiger weniger regierender Männer ausgelöst. Der unschuldige Bürger wird zu einem Opfer seiner eigenen Nation und muss für sie büßen.

Kunst hat die Möglichkeit, die Welt zu verändern

Natürlich ist das möglich. Ich denke dabei wieder an Picassos Guernica, dessen schmerzvolle Botschaft heute genauso relevant ist. Ich glaube daran, dass eine Veränderung möglich ist, einfach weil ein echter großer Künstler sich nicht um die aktuellen Diskussionsthemen oder die gegenwärtige politische Führung, sei es ein Populist, Kommunist oder Faschist, kümmert.

Der Künstler lenkt seine Aufmerksamkeit stark darauf, die Verletzlichkeit der menschlichen Lebensbedingungen, die Arroganz der politischen Führung und die breiter gefächerte Thematik von Habgier und Wahrheit zu untersuchen.

Seit Alexander dem Große, Dschingis Khan und Julius Cäsar hat sich wenig verändert. Wie in der Vergangenheit haben Künstler die einzigartige Macht unsere Existenz und unsere Erfahrungen, besonders im Angesicht von Unterdrückung, zu verewigen und aufzuzeichnen.

Federico Solmi gilt in seiner Wahlheimat New York als der Superstar der Video- und Installationskunst. Mit seinem Bilder-Mix aus Games, Pop-Kultur und dem Internet möchte er zum Nachdenken über unsere Gegenwart animieren.

Auf der B3 Biennale 2017 wird Solmi mit „The Great Farce" sein bisher größtes Animationsprojekt im öffentlichen Raum vorstellen, eine 9-Kanal-Video-Installation, die die Fassade des Schauspiels Frankfurt mit einem Gesamtpanorama bespielen wird.

Die B3 des bewegten Bildes war noch nie so politisch. Flucht, Vertreibung, Zukunftsangst, Ausgrenzung, Populismus - scheinen in weiten Teilen die Kunst-Welt zu beherrschen.

ON DESIRE ist das diesjährige Leitthema. Das lässt viel Spielraum für Reflektion und Positionierung zu politischen und ökonomischen Entwicklungen.

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