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Die Türkei verstehen: Der kemalistische Nationalismus und die Kurden

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TURKISH KURDS
Ralph Orlowski / Reuters
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Welches Verhältnis haben Deutschtürken zu ihrem Herkunftsland? Warum hat Erdoğan unter den Türken in Europa so viele Anhänger? Sind das alle rückwärtsgewandte Radikale, abgehängte Loser oder Verfechter einer Diktatur? Verhindert der Doppel-Pass die Integration? Wofür steht die PKK? Wieso putscht die türkische Armee immer wieder?

Im Folgenden werden die Hintergründe vorgestellt, die zur Beantwortung dieser und weiteren zusammenhängenden Fragen von Belang sind. Das Ziel ist es zu einem besseren Verständnis der Geschehnisse und Zusammenhänge beizutragen.

Wie Atatürk einen weltlichen Nationalstaat formen wollte

Atatürk wollte aus dem multireligiösen osmanischen Vielvölkerstaat einen weltlichen Nationalstaat nach europäischem Vorbild formen. Allerdings gab es noch keine Nation, sie musste erst noch geschaffen werden.

Atatürk war bewusst, dass sich eine homogenere Bevölkerung leichter zu einem Nationalstaat zusammenbinden ließ. Daher vereinbarte die Türkei mit Griechenland im Rahmen der Verhandlungen zum Vertrag von Lausanne einen Bevölkerungsaustausch.

Die Muslime, die nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches sich im griechischen Staatsgebiet wiederfanden, wurden in die Türkei und die in der Türkei lebenden griechischen Christen wurden nach Griechenland zwangsumgesiedelt.

Damit gab es in der Türkei kaum noch Minderheiten. Im Vertrag von Lausanne gestand die Türkei drei nichtmuslemischen, religiösen Gruppen Minderheitenrechte zu wie zum Beispiel eigene Schulen oder sozialen Institutionen zu führen.

Bei den drei Gruppen handelte es sich um einige Tausend in der Türkei verbliebenen Griechen sowie Armenier und Juden. Die Kurden erhielten keinen Minderheitenstatus, sie waren muslimisch und ihre Stammesführer hatten zudem die Absicht sich mit Atatürk zu arrangieren und wie im Osmanischen Reich die lokale Verwaltung des Staates zu führen.

Nach Gründung der Republik führte Atatürk eine "Türkisierung" vor. Er erklärte die gesamte Bevölkerung zu Türken, wobei die türkische Nationalität nicht auf der Rasse beruhte. Jeder, der sich als Türke bezeichnete, wurde als Türke akzeptiert.

Die Türkisierung der Kurden war problematisch

Auch wenn dieses Konzept nicht rassistisch war, so bedeutete sie doch eine Assimilierung der vorhandenen ethnischen Volksgruppen. Bei vielen Gruppen erfolgte die Assimilierung weitgehend unproblematisch. Sie wurden beispielsweise zu Türken lazischer, tscherkessischer oder kirgisischer Herkunft.

Die Türkisierung der Kurden hingegen erwies sich als sehr problematisch. Im Osmanischen Reich hatten die Kurden eine faktische Autonomie, die kurdische Gesellschaft im Südosten des Landes war in einem feudalen Stammessystem organisiert und die Lokalfürsten waren der verlängerte Arm des Osmanischen Reiches.

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Ihnen waren Privilegien zugesichert und sie hatten eine Rechtsprechungsgewalt inne. In der zentralistischen Republik war allerdings kein Platz für eigenständige kurdische Lokalfürsten, zumal einige dieser Fürsten zudem gleichzeitig die religiösen Führer ihrer Glaubensrichtung waren und Atatürk bekanntlich den Islam aus dem politischen System eliminieren wollte.

Die Regierung wollte die bisherigen sozialen Strukturen der Kurden zerschlagen und die direkte Kontrolle in diesen Gebieten gewinnen. Einige der Stämme erkannten in der Zentralisierung der Verwaltung, Türkisierung und z. T. Säkularisierung eine Bedrohung ihrer angestammten Privilegien. Sie akzeptierten nicht, dass sie in der neuen Republik als Machtfaktor an den Rand gedrängt werden und rebellierten daher gegen die Republik.

Einige Aufstände waren religiös begründet, sie wandten sich beispielsweise gegen die Abschaffung des Kalifats. Andere waren machtpolitisch oder kulturell bedingt. Atatürk ließ alle Aufstände durch den Einsatz massiver militärischer Gewalt niederschlagen, wobei es zu Massakern und Vertreibungen kam.

Türkisch als "Mutter der anderen Sprachen"

Die Regierung beschloss ein Bündel von politischen Maßnahmen, die einerseits die Türkisierung der Kurden sicherstellen und andererseits weitere Aufstände verhindern sollten. So wurden kurdische Staatsbedienstete entlassen, Türkisch wurde zur offiziellen Staatssprache erklärt, die kurdischen Städte und Dörfer wurden umbenannt und erhielten türkische Namen und ein Teil der kurdischen Bevölkerung wurde in andere Landesteile zwangsumgesiedelt.

Der Staat bestritt die Existenz einer kurdischen Bevölkerung und erklärte die Kurden zu einem türkischen Stamm; oftmals wurde herablassend von Bergtürken gesprochen. Die eigenständige kurdische Sprache wurde geleugnet.

Die Ideologen der Staatspartei CHP behaupteten, die türkische Sprache sei die "Mutter der anderen Sprachen" und bei den anderen Sprachen handle es sich nur um Dialekte. Diese mussten natürlich ausgemerzt werden, wenn man ein moderner Türke sein wollte.

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Noch heute ist es ein Tabu die Niederschlagung der Aufstände zu thematisieren. Weder der kemalistische Staat noch die CHP haben sich für die Gräueltaten dieser Zeit bei den Opfern entschuldigt. Eine Abrechnung mit den ideologischen Vorvätern, die für die Massaker die Verantwortung tragen, ist nicht erfolgt.

Sogar der aktuelle Vorsitzende der CHP, Kılıçdaroğlu, dessen Familie aus Dersim stammt, konnte sich aufgrund von parteipolitischen Machtverhältnissen nicht zu einer Entschuldigung durchringen.

Der Personenkult um Atatürk

Die türkische Verfassung erklärt Atatürk zum „unsterblichen Führer und einzigartigen Helden". Zudem wird sein Andenken seit 1951 unter strafrechtlich geschützt. Beleidigt oder verunglimpft jemand sein Andenken, wird er mit einer ein bis dreijährigen Gefängnisstrafe bestraft.

Allerdings wird Kritik an Atatürk auch von der Bevölkerung nicht geduldet. Vielmehr wird größtenteils in der türkischen Gesellschaft es als eine Selbstverständlichkeit angesehen Atatürk zu lieben oder zumindest ihm für seinen Einsatz dankbar zu sein.

Es heißt, ohne Atatürk und sein Wirken würde es keine Türkei gegeben haben und man hätte vermutlich nicht Ali und Fatma, sondern Yanis und Olga geheißen. Es gibt nicht wenige, die ihn wie einen Heiligen verehren. Daher ist es nicht überraschend, dass Atatürk in der Türkei allgegenwärtig ist.

Plätze, Boulevards, Universitäten, Brücken und Flughäfen sind und werden weiterhin nach ihm benannt. Man begegnet ihm im öffentlichen Raum, aber er ist auch in Geschäften, Cafés, Restaurants, Büros und natürlich auch in Wohnzimmern präsent.

Er ist auf Postkarten, Postern, T-Shirts, Münzen und Geldscheinen verewigt, seine Unterschrift findet man auf Souvenirs, Zitate schmücken Sportstätten, und überall im Land sind seine Büsten und Denkmäler zu finden. Es gibt vermutlich kaum ein anderes Land auf der Welt, das so viele Denkmäler für eine einzige Person errichtet hat.

Zwei Extreme

Wer möchte, kann in der türkischen Gesellschaft zwei Pole erkennen: Die eine Extreme liebt ihn für sein Streben nach der Angleichung der Türkei an die moderne westliche Gesellschaft und halten ihn z. T. sogar für einen Heiligen.

Die andere Extreme sieht in ihm den Diktator, der beispielsweise die Kurden und die Muslime unterdrückt hat. Wer aber genauer hinschaut, der erkennt, dass es nicht nur diese zwei extremen Pole gibt, sondern auch mannigfache Grautöne zwischen ihnen.

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So gibt es eine Schar von Menschen, die sein pragmatisches Vorgehen als das Ergebnis von Strategie und Taktik zur Erreichung und Sicherung seiner Macht entlarven, ihn aber als Freiheitskämpfer schätzen. Darüber hinaus weist eine große Zahl von Kritikern des kemalistischen Staates die Schuld an dem autoritären Demokratieverständnis des Staates nicht ihm zu.

Diese Menschen machen die CHP-Ideologen dafür verantwortlich, dass nach seinem Tod seine pragmatischen Reformen zu Staatsdoktrinen gemacht und weiterentwickelt werden. So betrafen beispielsweise Atatürks Kleidunggesetze ausschließlich die Männer, Atatürk hatte die Verschleierung von Frauen überhaupt nicht verboten.

Zu seinen Lebzeiten stand es Frauen frei sich zu bekleiden, wie sie wollten. Die CHP-Ideologen legten seine Reformen jedoch so aus, dass sie ihren Platz im Staat sicherten und die Entwicklung der Opposition kontrollierten.

So entstand überhaupt ein Graben zwischen Atatürk und manch einem aus dem System ausgeschlossenen Kritiker. Ein Beispiel dafür: Jahrzehnte lang wurden kopftuchtragende Frauen zu unselbständigen, unterwürfigen und unterdrückten Objekten erklärt, denen der Zugang zur höheren Bildung unbedingt verwehrt werden musste.

Atatürk hat das Kopftuch nie verboten

Setzte man sich für eine Aufhebung des Verbots ein, wurde man zu einem Staatsfeind erklärt, der die Werte der Republik angreift. Dabei hatte weder Atatürk das Kopftuch verboten, noch musste es sich bei diesen Frauen zwangsläufig um unemanzipierte und rückwärtsgewandte Personen handeln.

Sogar Gesetze, die seit Jahrzehnten keine Anwendung finden, weil sie offenkundig nicht mehr zeitgemäß sind und ihre Funktion nicht mehr erforderlich ist, wie beispielsweise das Hutgesetz, unterliegen einem Tabu.

Wagt sich die Regierung ein solches Gesetz zu korrigieren, so beanstanden die elitären kemalistischen Verfechter der Staatsdoktrinen reflexartig, die Werte der Republik seien in Gefahr und rufen zu Demonstrationen auf. Und tatsächlich folgen ihnen gleich auch Tausende von Menschen, die die Lage genauso einschätzen.

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