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Flüchtlingskrise: Die Gefahr einer kollektiven Verantwortung

18/03/2016 11:25 CET | Aktualisiert 19/03/2017 10:12 CET
dpa

Es ist ein menschlicher Reflex aus den vermeintlich wahrgenommenen Sachverhalten Rückschlüsse zu ziehen und Verallgemeinerungen vorzunehmen. So ein Denken und Handeln kann uns das Meistern des Alltags erleichtern.

Es ist allerdings gefährlich, wenn aus der Verallgemeinerung ein Vorurteil wird. Alles über einen Kamm zu scheren und nur grob zwischen schwarz und weiß zu unterscheiden, führt zu falschen Schlüssen und Entscheidungen. Allerdings sehen wir meistens unsere Fehler nicht ein.

Wir reden uns ein, es läge eine Ausnahme vor. Wir meinen zu wissen, dass die „überwältigende Mehrheit" so ist, wie wir es denken. Wir rechtfertigen uns mit Aussagen wie: „Du bist ja nicht so, aber die...".

Die Ursache von Diskriminierung

Vorurteile und Diskriminierungen können uns in allen unseren Lebensbereichen begegnen und selten sind wir die Leidtragenden - oft sind wir die Verursacher. Achten wir doch mal im Alltag darauf, ob wir nicht „beiläufig" andere aufgrund ihres Aussehens, ihrer Ethnie, ihrer Religionszugehörigkeit, ihres Alters, ihres Geschlechts oder sonstiger Gründe anders einschätzen, beurteilen und behandeln als andere.

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Auch die vermeintlich positiven Vorurteile sind nur auf den ersten Blick positiv und können zu Diskriminierungen führen. Wenn man seine Entscheidung nicht anhand von objektiven Kriterien vornimmt, sondern die Wahl entsprechend seiner Vorurteile trifft, hat man in diesem Moment andere benachteiligt.

Wir müssen immer wieder versuchen, unsere Gegenüber als Individuen wahrzunehmen und zu begreifen, dass es eine Kollektivschuld nicht gibt.

Das kann bei einem Geschäftsmann der Fall sein, der einen Auftrag zu vergeben hat. Das kann der Personalchef sein, der eine Stelle besetzen muss. Das kann der Vermieter sein, der eine Wohnung zu vermieten hat. Das können aber auch Eltern sein, die einen Babysitter suchen. Selten geht das gut; oftmals ist die Wahl von Nachteil, weil die ausgewählte Person nicht die qualifizierteste war.

Es ist gewiss nicht einfach. Aber wir müssen dennoch immer wieder versuchen, unsere Gegenüber als Individuen wahrzunehmen und zu begreifen, dass es eine Kollektivschuld und -verantwortung nicht geben kann.

Erbringt jemand beispielsweise eine gute Leistung oder hilft er jemanden in Not, so können wir uns mit ihm freuen, ihm Respekt zollen und mit ihm sympathisieren. Benimmt sich jemand hingegen unfair oder hält er sich nicht an die Regeln, so können wir uns von ihm abwenden, ihn auf seine Fehler hinweisen oder ihn anzeigen.

Enormes Ausmaß an Hilfsbereitschaft

Hatten bisher alle in Deutschland lebenden Menschen Ihr Leben nach Zivilcourage, Gerechtigkeit und Tapferkeit ausgerichtet? Wohl kaum. Unter uns gab es nicht nur Helden, Kämpfer, Macher, Malocher, Samariter, Retter und Helfer... Diese Vorbilder mögen die überwiegende Mehrheit unserer Gesellschaft ausgemacht haben. Jedoch beinhaltete unsere Gesellschaft auch faule Hunde, Trittbrettfahrer, Abzocker, Betrüger, Kriminelle und viele mehr.

In den letzten Monaten kamen jede Woche tausende entwurzelte Menschen aus fremden Kulturen zu uns, weil ihr Leben aufgrund von Kriegen in ihren Herkunftsländern bedroht war oder sie durch den Staat politisch verfolgt wurden.

Ich hätte selbst nicht damit gerechnet, dass die Hilfsbereitschaft unserer Gesellschaft solche Ausmaße erreichen würde wie es der Fall war. Es war nicht nur ein Teil aktiv, vielmehr erstreckte sich die Hilfe querbeet über viele Schichten, Bevölkerungsgruppen und Religionszugehörigkeiten. Ich bin stolz auf unsere Leistung und freue mich, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein.

Natürlich sind nicht nur Menschen zu uns gekommen, die um ihr Leben fürchten mussten. Es kamen auch Menschen, die sich und ihrer Familie einfach ein würdevolles Leben ohne Armut gewünscht haben. Auch Menschen, die weder um ihr Leben bangen mussten, noch in Armut gelebt haben, sondern die sich nur bessere wirtschaftliche Verhältnisse gewünscht haben, sind in der Masse der Hilfesuchenden enthalten gewesen.

Und ja, da es auf der Welt nicht nur gute Menschen gibt, waren auch Kriminelle, Betrüger, und Abzocker unter Ihnen. Aber wichtig ist, dass wir nicht aus der absoluten Minderheit eine Mehrheit zusammenzimmern.

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich

Aktuell sind viele Menschen in Deutschland besorgt, weil in sozialen Medien in Zusammenhang mit den Flüchtlingen von einer Sonderbehandlung berichtet und Stimmung gemacht wird. Aktive Helfer schenken solchen Bekundungen zwar keinen Glauben.

Allerdings neigen Menschen, die zwar selbst nicht geholfen, aber gegenüber den Flüchtlingen bisher keine ablehnende Haltung eingenommen hatten, immer mehr dazu, unsere Hilfe in Frage zu stellen und eine Abkehr der bisherigen Regierungspolitik zu fordern. Flüchtlingsgegner, Rassisten und Hetzer fühlen sich gänzlich bestätigt.

Viele Bürger können nicht nachvollziehen, warum die Politik nicht auf diese Stimmung reagiert. Der Artikel 3 unseres Grundgesetzes regelt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Unsere Gesetze gelten folglich für alle in Deutschland lebenden Menschen. Wer sich daneben benimmt und gegen Gesetze verstößt, muss die im Gesetz definierten Konsequenzen tragen.

Der Wert von Fairness und Gleichbehandlung

Und sollte ein Flüchtling eine Straftat begehen, die laut Gesetz mit einer Abschiebung sanktioniert wird, dann hat er unsere Hilfe und unseren Schutz sowieso nicht verdient. Er handelt aber nur für sich und seine Schuld kann nicht auf Andere ausgerollt werden; es gibt keine Kollektivverantwortung.

Ich habe selbst Migrationshintergrund und lege großen Wert auf Fairness und Gleichbehandlung. Daher gilt für mich der Grundsatz: Wer Mist baut, muss die Konsequenzen tragen -unabhängig davon, wer er/sie ist. Und aus meiner Sicht ist Diebstahl keine Bagatelle. Jede Straftat gehört geahndet. Bei sexuellen Übergriffen -und sei es ein Begrabschen- gehört aus meiner Sicht der Täter ins Gefängnis.

Bei schwereren Vergehen wie einer Vergewaltigung würde ich persönlich gar eine wirkliche lebenslange Freiheitsstrafe befürworten, d.h. aus meiner Sicht sollte solch ein Täter keine Möglichkeit haben, irgendwann die Freiheit wiederzuerlangen. Und wenn es sich bei dem Täter um einen Flüchtling handelt, dann sollte er diese Strafe am besten in seinem Heimatland verbüßen.

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