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Die Türkei verstehen: Die Gründung der Republik

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TURKEY
Murad Sezer / Reuters
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Welches Verhältnis haben Deutschtürken zu ihrem Herkunftsland? Warum hat Erdoğan unter den Türken in Europa so viele Anhänger? Sind das alle rückwärtsgewandte Radikale, abgehängte Loser oder Verfechter einer Diktatur? Verhindert der Doppel-Pass die Integration? Wofür steht die PKK? Wieso putscht die türkische Armee immer wieder?

Im Folgenden werden die Hintergründe vorgestellt, die zur Beantwortung dieser und weiteren zusammenhängenden Fragen von Belang sind. Das Ziel ist es zu einem besseren Verständnis der Geschehnisse und Zusammenhänge beizutragen.

Die Gründung der Republik Türkei

Die heutige Türkei ging nach dem ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervor. Das Osmanische Reich gehörte an der Seite des Deutschen Reiches zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs. Während der Vertrag von Versailles das Deutsche Reich schwächte, handelte es sich bei dem Vertrag von Sèvres um einen Diktatfrieden, der das osmanische Reich gänzlich abschaffte.

So wurde sichergestellt, dass die Osmanen, die der westlichen Zivilisation so fremd waren, aus Europa verdrängt wurden. Die Unterzeichnung des Vertrags durch die Bevollmächtigten des Sultans führte zu einem nachhaltigen Verlust des Ansehens und der Autorität des Sultans bei der osmanischen Bevölkerung.

Die Siegermächte teilten das Reich unter sich auf: Großbritannien erhielt Palästina und den Irak. Frankreich übernahm Libanon, Syrien und eine Region um Urfa und Gaziantep. Istanbul war eigentlich dem zaristischen Russland zugesprochen werden.

Da aber nach der dortigen Revolution die neue Führung darauf verzichtete, nahm Großbritannien Istanbul ein. Während Italien Teile von Südwestanatolien okkupierte, besetzte Griechenland Izmir und sein Hinterland. Im Schwarzmeerraum wurde die Griechische Republik Pontos ausgerufen und im Nordosten sollte ein unabhängiges Armenien entstehen. Den Kurden gegenüber waren die Alliierten reservierter.

Desertierte Soldaten der osmanischen Armee, Guerillaorganisationen und Freiwillige schlossen sich zu dezentral organisierten Freikorps zusammen

Ihre Landansprüche überschnitten sich mit denen der Armenier. Während die christlichen Armenier mit dem Papst einen Fürsprecher hatten, hatten die muslimischen Kurden keinen Gönner und mussten sich daher mit nur einem Drittel der osmanischen Kurdenbevölkerung erfassenden Autonomiegebiet zufriedengeben.

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Einen unabhängigen Staat wollte man ihnen nur zugestehen, wenn die Bevölkerungsmehrheit in dem Autonomiegebiet eine Unabhängigkeit wollte und sie auch für eine Unabhängigkeit reif seien.

Im ganzen Land bildete sich Widerstand gegen die Besatzung samt der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Bevormundung. Desertierte Soldaten der osmanischen Armee, Guerillaorganisationen und Freiwillige schlossen sich zu dezentral organisierten Freikorps zusammen und kämpften gegen die Besatzungsmächte.

General Mustafa Kemal, der sich in zahlreichen Schlachten des Ersten Weltkriegs einen hervorragenden Ruf, sowohl in der Armee als auch im Volk erkämpft hatte, begann 1919 in seiner Funktion als Armeeinspekteur des Sultans den Widerstand zu organisieren. Später schied er aus der Armee des Sultans aus, hielt zwei Nationalkongresse ab, die den Widerstand zentral bündelten und setzte sich so an die Spitze des Widerstands.

Da es noch keine türkische Identität gab und die türkische Nation noch nicht erfunden war, brauchte Atatürk einen Kitt, der die heterogene und multiethnische Gesellschaft des osmanischen Vielvölkerstaats zusammenhielt und den Widerstand moralisch begründete.

Er fand den Kitt im Islam. Es wurden Fatwas eingeholt, die besagten, dass es die Pflicht eines jeden Moslems sei im Namen des Islams gegen die "ungläubigen" Imperialisten zu kämpfen. Daher schlossen sich verschiedene muslimische Ethnien den Kampf an, darunter auch Kurden.

Die Armee als Hüter des Staates

Nach zahlreichen Verlusten verließen die Besatzer das Land und erkannten in dem Friedensvertrag von Lausanne die Souveränität und die Grenzen der Türkei an. Das türkische Parlament rief daraufhin 1923 den Nationalstaat Türkei als eine parlamentarische Republik aus und wählte den unumstrittenen Führer Mustafa Kemal zum ersten Präsidenten.

Da die Unabhängigkeit der Widerstandsbewegung geschuldet war und die Armee daraus hervorging, verstand sich die Armee bereits damals als Hüter des Staates.

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So sehr der Islam im Krieg Mustafa Kemal nützlich gewesen war, so sehr stand er ihm nach dem Krieg im Weg. Mustafa Kemals Vision war es aus dem osmanischen Kalifatstaat einen modernen und säkularisierten Nationalstaat nach europäischem Vorbild schaffen. Das Land musste sich daher von der islamischen Vergangenheit und orientalisch-arabischen Kultur lösen.

Um dieses Ziel zu erreichen, begann Mustafa Kemal zusammen mit der von ihm gegründeten Staatspartei "Republikanische Volkspartei" CHP eine Aufklärungsdiktatur. Atatürk prügelte sein Volk in die Zukunft; die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Reformen durchdrangen jeden Bereich des Lebens.

Das Türkisch wurde bereinigt

So wurden beispielsweise das Sultanat und Kalifat abgeschafft, das Zivil-, Straf-, Erb-, Handels-, und Familienrecht geändert, das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt, die islamischen Theologenschulen und Scharia-Gerichtshöfe verboten, die staatliche Schulpflicht eingeführt, der islamische Kalender durch den gregorianischen ersetzt, metrische Maße und Gewichte eingeführt und anstelle des den Muslimen heiligen Freitags wurde der Sonntag als arbeitsfreier Tag der Woche festgelegt.

Das damals größtenteils aus persischen und arabischen Wörtern bestehende osmanische Türkisch wurde "bereinigt", in dem die Lehnwörter entfernt und durch neue, türkisch klingende Wörter ersetzt wurden. Die arabische Schrift wurde durch das lateinische Alphabet ersetzt. Allerdings wurden nicht alle lateinischen Buchstaben übernommen.

So sind im türkischen Alphabet beispielsweise die Buchstaben Q, W und X nicht zu finden. Per Gesetz ist festgelegt, dass in offiziellen Dokumenten ausschließlich die Buchstaben des türkischen Alphabets zu verwenden sind. Daher können beispielsweise kurdische Eltern ihren Kindern kurdische Namen geben, aber der Name muss mit dem türkischen Alphabet zu schreiben sein.

Der Kult um Atatürk

Das Reformbestreben machte auch vor der Kleidung des Volkes keinen Halt. So durften die Männer außerhalb von Moscheen keine religiösen Gewänder mehr tragen und auch die traditionellen Kopfbedeckungen Turban und Fes wurden verboten. Stattdessen mussten die Männer in der Öffentlichkeit wie die europäischen Vorbilder Hüte tragen.

Hüte galten in den Augen der elitären Obrigkeit als Zeichen der Moderne, während sie Fes und Turban als Symbole der Rückständigkeit ansahen. Das "Hutgesetz" wurde wie die anderen Reformen mit aller Staatsgewalt durchgesetzt. Eine Missachtung kam einer Rebellion gegen die moderne Republik gleich und wurde je nach Tragweite des Vorfalls mit einer Geldstrafe, Gefängnisstrafe oder gar mit der Todesstrafe bestraft.

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Nach dem Mustafa Kemal das Nachnamensrecht reformierte, nahm er den Nachnamen Atatürk an, zu Deutsch Vater der Türken. Per Gesetz wurde geregelt, dass niemand sonst diesen Namen führen darf. Damit begann bereits zu seinen Lebzeiten der Kult um seine Person.

Die Leitlinien der Politik Mustafa Kemals, Nationalismus, Säkularismus, Modernismus, Republikanismus, Populismus, Etatismus, wurden zu den Prinzipien der Republik erklärt und in die Verfassung geschrieben. Die Summe dieser Prinzipien wird als Kemalismus bezeichnet.

Als Atatürk 1938 starb, hatte er in nur fünfzehn Jahren aus "dem kranken Mann am Bosporus" ein modernes, selbstbewusstes und aufstrebendes Land entwickelt. Allerdings war der Staat noch nicht wirklich demokratisch. Weder gab es außer der CHP politische Parteien, noch wurde eine Opposition geduldet, die die gewünschte Entwicklung bedrohte. Entstand in Teilen der Gesellschaft Widerstand gegen den Umbruch, so wurde dieser autoritär niedergewalzt.

So wurden religiöse Aufstände, aufgrund der Verbannung des Islams aus dem Leben sowie ethnisch bedingte Aufstände, wie von Kurden, blutig niedergeschlagen. Hofften die Oppositionellen, nach dem Tod Atatürks würde der Kemalismus aufgeweicht, so mussten sie erkennen, dass die Ideologen aus dem Kemalismus gar ein Dogma schmiedeten. Wer nicht auf das Dogma akzeptierte, wurde ein Vaterlandsverräter.

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