BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Fatih Turan Headshot

Die Türkei verstehen: Was es mit der PKK auf sich hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PKK
Wolfgang Rattay / Reuters
Drucken

Die ideologisch marxistisch-leninistisch orientierte und organisatorisch stalinistisch geführte PKK wurde 1978 von Öcalan mit dem Ziel gegründet die kulturellen und politischen Strukturen der feudalistisch geprägten kurdischen Gesellschaft zu bekämpfen und mittels Guerillakrieg gegen den türkischen Staat einen sozialistischen kurdischen Staat zu schaffen. Im weiteren Verlauf sollten in diesen Staat auch die kurdischen Gebiete im Irak, Iran und in Syrien integriert werden.

Die PKK war und ist weiterhin eine straff hierarchisch organisierte Kaderpartei, d.h. die Vorgaben und Anweisungen der Führung werden nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam an nachgeordneten Ebenen weitergegeben und ohne Diskussionen umgesetzt.

Um Öcalan, der seit 1999 eine lebenslange Freiheitsstrafe in der Türkei verbüßt, wurde ein Personenkult geschaffen und stets ausgebaut. Der unumstrittene Führer wurde zu einer mystischen Gestalt erklärt und konnte je nach Perspektive ein Freiheitskämpfer, ein Philosoph oder gar ein Prophet sein.

Überfalle wurden zur Routine

Die PKK bekannte sich von Anfang an zu revolutionärer Gewalt und erklärte sich zum einzigen legitimen Vertreter der Kurden. Jede Person und Organisation, die ihren Führungsanspruch ablehnte und sich ihr vermeintlich in den Weg stellte, wurde zu einem Kollaborateur erklärt und ermordet. Das Brandmarken von Abtrünnigen zu Verrätern und ihre anschließende Ermordung ist weiterhin gängige Praxis. Nachdem einige rivalisierende Organisationen aus dem Weg geräumt wurden, begann sie 1984 im Südosten der Türkei einen Guerillakrieg.

Anfangs griff sie militärische, staatliche und infrastrukturelle Einrichtungen an, sehr schnell übte sie allerdings auch Terror gegen die Zivilbevölkerung aus. Bombenattentate und bewaffnete Überfälle wurden zur Routine.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Der türkische Staat reagierte auf den Terror, in dem sie in den betroffenen Regionen den Ausnahmezustand erklärte. Die türkische Armee schlug mit voller Härte zurück und es begann eine verheerende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, was wiederum der PKK Zulauf brachte.

Die Opferzahl wird auf rund 40.000 Menschen geschätzt, zudem wurden Wirtschafts- und Infrastrukturen zerstört, so dass Hunderttausende aus den umkämpften Regionen in den Westen der Türkei flohen. Nach Öcalans Verhaftung 1999 rückte die PKK von ihrem Ziel nach einem kurdischen Staat offiziell ab und strebte nach eigenen Angaben nach einer kulturellen und politischen Autonomie.

Wie die PKK zur Terrororganisation wurde


Menschenrechtsorganisationen sowie das US-Außenministerium werfen der PKK vor, Kindersoldaten zu rekrutieren. Rund 40% der rekrutierten Kämpfer sollen minderjährig sein. Demnach verschleppt die PKK Kinder im Alter von 10-12 und entschädigt ihre Familien mit rund 1.000 Dollar pro Kind.

Die USA erkannte die PKK 1997 als eine Terrororganisation an. Darüber hinaus haben die USA sie gemäß dem Gesetz zur Kennzeichnung ausländischer Drogenhändler als eine in den Drogenschmuggel involvierte Organisation gelistet. Laut dem deutschen Verfassungsschutz ist die PKK in Deutschland nicht direkt in den Drogenhandel verwickelt. Allerding soll sie Verbindungen zur organisierten Kriminalität haben und vom vor Drogenhandel im großen Stil profitieren. Die Gewinne daraus sollen in Waffen- und Immobilienkäufe fließen.

Mehr zum Thema: Die Türkei verstehen: Der kemalistische Nationalismus und die Kurden

Obwohl die PKK regelmäßig Attentate und Selbstmordanschläge in der Türkei verübte und dabei auch Zivilisten tötete, wurde sie erst 1993/94 in Deutschland zu einer terroristischen Vereinigung erklärt und wegen der Gefährdung der öffentlichen Sicherheit verboten. Zu dem Verbot kam es erst, nachdem die PKK im Juli 1993 in Deutschland beinahe zeitgleich rund 60 Überfälle und Brandanschläge auf türkische diplomatische Vertretungen sowie Banken, Reisebüros, Gaststätten und Vereinslokale verübte. Die EU hat sie erst 2002 als terroristische Organisation gelistet.

Seitdem bemüht sich die PKK in Europa um ein weitgehend gewaltfreies Erscheinungsbild. Sie versucht den Eindruck einer politischen Neuausrichtung zu erwecken und sich vom Makel einer Terrororganisation zu befreien. So kündigte sie bereits mehrfach an interne demokratische Strukturen einführen zu wollen, jedoch hält sie stets an dem strikt hierarchischen Kaderaufbau mit einer autoritären Führung fest.

Ihre Propaganda

Trotz des Betätigungsverbots unterhält die PKK in Deutschland einen illegalen und konspirativ arbeitenden Funktionsapparat. Die Bundesrepublik dient ihr als Schaubühne ihre Sicht der Dinge in Demonstrationen und Solidaritätskundgebungen darzustellen, ihre Propaganda zu verbreiten und sich finanzielle und logistische Unterstützung zu organisieren.

Zur Verbreitung ihrer Propaganda und Ideologie nutzt die PKK verschiedene Medien. Zu diesen gehören die Nachrichtenagentur „Firat News Agency" mit Sitz in den Niederlanden, die in Deutschland erscheinende Tageszeitung „Yeni Özgür Politika" und der 2008 gegründete und seit 2012 aus Norwegen ausgestrahlte Fernsehsender „Stêrk TV".

Zu den wesentlichsten Aktivitäten der PKK in Deutschland zählen Propagandaaktionen wie Demonstrationen, Kundgebungen, Mahnwachen, Unterschriftenkampagnen und Hungerstreiks. Bei Demonstrationen und Kundgebungen kann die PKK aufgrund ihrer straffen Organisationsstrukturen europaweit rund 30.000 Menschen mobilisieren.

Aktuell bemüht sich die PKK in Europa um eine Aufhebung ihres Verbots. Sie hat sich für die von ihr in den 1990er Jahren auf europäischem Boden verübte Gewalt entschuldigt und Gewaltverzicht in Europa geschworen.

Mehr zum Thema: Die Türkei verstehen: Die politische Entwicklung der Türkei nach Atatürk

Für den Unterhalt ihres Funktionsapparats, der Aufrechterhaltung ihrer Propagandaarbeit und die Fortsetzung ihres Kriegs gegen die Türkei, benötigt die PKK viel Geld. Ihre in Europa lebenden Anhänger entrichten entsprechend ihres Jahreseinkommens für die „Befreiung Kurdistans" der PKK jährlich eine Spende. Bleibt die Spende aus, wird man von den Funktionären dazu genötigt. Während Familien zumeist ein paar Hundert Euro spenden dürfen, brauchen sich erfolgreiche Geschäftsleute nicht zurückzuhalten und dürfen durchaus mehrere Tausend Euro entrichten. Kurdische Geschäftsleute, die nicht mit der PKK sympathisieren und nicht freiwillig spenden möchten, werden erpresst (Schutzgeld). Pro Jahr kommen so alleine in Deutschland rund 10 Millionen Euro zusammen.

Das Demokratieverständnis der PKK ist unterscheidet sich wesentlich von unserem westlichen Verständnis. Die PKK sieht in unserer repräsentativen Demokratie ein Führungsinstrument der Oberschicht mit der die Gesellschaft kontrolliert werde. Sie strebt eine kollektivistische Demokratie an, die in einem Sozialismus münden soll. Auch wenn sich die Sprache teilweise von der sowjetischen unterscheidet, so handelt es sich bei dem anvisierten Gesellschaftsmodell letztendlich doch um Kommunismus.

Die autoritären Strukturen in der PKK

Obwohl die Theorie und Ideologie stets etwas Anderes beteuern, so zeigt die Geschichte leider, dass der Kommunismus augenscheinlich undemokratisch ist. Daher ist es auch keine Überraschung, dass in dem PKK-Modell Prinzipien wie Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit fehlen, die für das Funktionieren einer wirklichen Demokratie unerlässlich sind.

Der deutsche Verfassungsschutz schätzt, dass in Deutschland rund 500.000 Kurden leben. Die Zahl der Anhänger der PKK wird auf 12.000 geschätzt. Das macht deutlich, dass im Gegensatz zu der Propaganda der PKK sie nur einen Bruchteil der kurdischen Bevölkerung vertritt. Der weitaus größte Teil lehnt Gewalt und Terror ab.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die PKK autoritär strukturiert ist, nach einem kommunistischen Gesellschaftsmodell zielt, sie den Anspruch erhebt die einzig legitime Vertretung der Kunden zu sein, rivalisierende Organisationen bekämpft und kritische Stimmen als Kollaborateure verunglimpft und diese eliminiert.

Menschen, die nicht mit ihr sympathisieren, werden als Faschisten verunglimpft -auch wenn sie ganz und gar nicht nationalistisch eingestellt sind und zudem jegliche Gewalt ablehnen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.