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Die Türkei verstehen: Unterstützung von Erdoğan und seines Referendums

21/05/2017 17:31 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 17:31 CEST
Murad Sezer / Reuters

Zu guter Letzt kann die deutsche Öffentlichkeit die Unterstützung der Türken und Deutsch-Türken für Erdoğan und seine angestrebte Verfassungsänderung nicht nachvollziehen. Die Unterstützung sorgt für Empörung; offensichtlich sei es um die Integration nicht gut bestellt.

Wie kann es sein, so diskutiert hier die Öffentlichkeit, dass Menschen, die in Freiheit und Demokratie leben, eine aufkommende Diktatur unterstützen. Aus deutscher Sicht ist die Frage absolut berechtigt und man kann die Erdoğan-Anhänger und deren Gemütszustand nicht begreifen. Aus der Sicht vieler Türken hingegen ist diese Unterstützung eine Selbstverständlichkeit. Ich möchte das kurz erläutern:

Es strömten ab den 1960er Jahren rund 900.000 einfache Arbeitskräfte nach Deutschland (später stellte man fest, dass es sich um Menschen handelte). Die damaligen Bundesregierungen gingen davon aus, die „Gastarbeiter" kämen für eine vorübergehende Zeit zum Arbeiten nach Deutschland und würden bald wieder zurückgehen. Auch die „Gastarbeiter" hatten eigentlich die Absicht zurückzukehren.

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Daher gab es kein Konzept, um diese Menschen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Diese „Gastarbeiter" lebten von den Deutschen abgekapselt unter sich. Die Jahre vergingen und die überwiegende Mehrheit der „Gastarbeiter" blieb hier und durchlebte ihre hiesige Sozialisation. Ein Großteil ihrer Kultur, ihrer Rollenbilder und Eigenarten blieben unberührt, gewisse Dinge übernahmen sie aber von der deutschen Gesellschaft.

Die türkische Politik kümmerte sich um die Entwicklungen und Menschen in der Türkei, die Auslandstürken wurden vollkommen ignoriert. Sie wurden auf das Dasein als „Almanci" reduziert. Das bedeutet so viel wie Deutschländer und gemeint war damit, dass es sich um Devisenbringer handelt, die bestimmt in Europa in Saus und Braus leben mussten. In Deutschland wiederum war man ein fremder „Gastarbeiter".

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Die Menschen erfuhren somit weder in der Türkei noch in Deutschland eine Wertschätzung. Als auch noch die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der Türkei enttäuschend liefen, verloren die Menschen auch ihren Stolz und Glauben, dass die Zukunft sich positiv entwickeln wird.

Mit der ersten AKP-Regierung änderte sich die Haltung gänzlich. Die AKP unternahm viele politische und wirtschaftliche Reformen, es entstand ein Bauboom, die Infrastruktur wurde grundlegend modernisiert und das Land blühte auf. Zudem interessierte sich die AKP auch für die Auslandstürken und umgarnte sie.

Entsprechend den Rückmeldungen dieser Menschen wurden Gesetze geändert, die sie betreffen. So mussten beispielsweise zuvor die im Ausland lebenden türkischen Bürger, die keinen Wehrdienst in der Türkei leisten wollten/konnten, eine dreiwöchige Grundausbildung in der Türkei absolvieren und eine Summe von rund 6.000 Euro an den türkischen Staat entrichten. Die AKP-Regierung schaffte die Grundausbildung ab und senkte die Summe auf 1.000 Euro.

Andererseits haben die Oppositionsparteien seit 2001 vor jeder anstehenden Wahl Ängste geschürt, Erdoğan werde einen türkischen Gottesstaat nach iranischem Vorbild errichten. Man malte Drohszenarien auf wie getrennte Verkehrsmittel für Mann und Frau, Unterdrückung der Frauen oder die Einführung der Scharia. Nichts davon trat ein. Erdoğan zerstreute diese Ängste mit einer pragmatisch orientierten Reformpolitik, die das Land tiefgreifend veränderte.

Die AKP schaffte die Todesstrafe ab, entfernte aus dem Strafrecht den Schutz für Ehrenmörder und ermöglichte Frauen, die ein Kopftuch tragen, den Zugang zu Universitäten und in den Staatsdienst. Sie steigerte die gesellschaftliche Teilhabe der Frauen insgesamt, heute wird jede vierte Führungsposition in der Türkei von einer Frau besetzt. Auch stieg der Frauenanteil im türkischen Parlament von 4 auf rund 15 Prozent an. Viele Wählerinnen nahmen eine knappe Verdreifachung des Anteils in drei Wahlperioden als eine außerordentliche Leistung wahr.

Dass Erdoğan als erster Politiker versucht hat auf dem Verhandlungsweg ein Ende des Kampfes der PKK zu erreichen, wurde bereits erläutert. Das hat Erdoğan in der kurdischen Bevölkerung große Sympathien gebracht. Dass es nicht geklappt hat, lag nicht nur an Erdoğan und der AKP, sondern auch an den Entwicklungen in Syrien, die sich daraus ergebenden Chancen für die PKK und den Abwägungen der PKK. Dieser Umstand wurde in der deutschen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Sie hat vielmehr die Propaganda der PKK übernommen und Erdoğan für das Scheitern des Friedensprozesses verantwortlich gemacht. Erdoğan hat demnach das Vertrauen vieler Türken gewonnen, unabhängig von den aktuellen wirtschaftlich und politisch schwierigen Verhältnissen.

Zu guter Letzt muss man beachten, welche psychologischen Auswirkungen der gescheiterte Putschversuch auf die Türken gehabt hat. Man sollte sich ausmalen, wie man sich hier fühlen würde, hätte die Bundeswehr die Zentrale der Bundespolizei und das Parlament bombardiert, die Flughäfen in Frankfurt, München und Düsseldorf besetzt, es hätten Panzer Zivilisten überrollt, die sich ihnen in den Weg gestellt hätten, deutsche Soldaten hätten mit Maschinenpistolen auf friedlich protestierende Zivilisten geschossen, deutsche Soldaten würden versucht haben Kanzlerin Merkel zu ermorden und bei diesen Auseinandersetzungen wären 247 Deutsche getötet und 2.100 verletzt worden.

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Als der Putsch bekanntgegeben wurde, versteckte sich Erdoğan nicht. Auch floh er nicht und suche nicht Asyl in einem befreundeten Land. Stattdessen organisierte er den Widerstand gegen die Putschisten und bat die Öffentlichkeit auf öffentlichen Plätzen und Flughäfen „Demokratiewachen" abzuhalten. Hunderttausende Anhänger folgten seinem Aufruf. Auch die Opposition erkannte an, dass der Putsch dank seines engagierten Auftretens verhindert wurde.

Unmittelbar nach dem gescheiterten Putsch reiste kein westlicher Politiker in die Türkei um demonstrativ die Unterstützung seines Landes kund zu tun. Daher entstand in der türkischen Öffentlichkeit der Eindruck, der Westen hätte ein Gelingen des Putschs präferiert. Man erinnerte sich bestens daran, dass als in Ägypten 2013 der gewählte Präsident Moursi vom Militär gestürzt wurde, sich der Westen sehr schnell mit dem neuen Regime arrangierte um dann mit den Putschisten größere Wirtschaftsdeals zu schließen.

Die Lehre, die viele Türken daraus zogen, lautete: solange moslemische Diktatoren den Interessen des Westens dienen, werden sie vom Westen respektiert und geschätzt. Der Umkehrschluss lautete: wenn ein demokratisch gewählter moslemischer Präsident nicht akzeptiert der Handlanger des Westens zu sein, wird er vom Westen einfach zu einem „Islamisten" erklärt und darf daher gestürzt werden.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass viele Türken in Europa Erdoğans Verfassungsänderung unterstützen, weil:

- Erdoğan sie als Brüder und Schwestern behandelt, die zur Türkei dazuzugehören

- Erdoğan ihnen das Gefühl vermittelt, sie seien stark und wichtig

- Erdoğan für viele Heimat und Identität verkörpert

- sie Erdoğan für den wirtschaftlichen Aufschwung und für die politische Stabilität dankbar sind

- Erdoğan sich glaubhaft als ihr Anwalt inszeniert

- Erdoğans Regierungszeugnis im Vergleich zu seinen Vorgängern gut ist

- Erdoğan Rückgrat bewiesen und die Vorherrschaft der Militärs beendet hat

- die früher geschürten Ängste bezüglich der Errichtung eines Gottesstaates sich nicht bestätigt haben und sie daher auch keine Diktatur befürchten

- Erdoğan aus ihrer Sicht ein großer Staatsmann ist, der die Stimme gegen die Doppelmoral des Westens erhebt

- Erdoğan den Putsch verhindert hat

- aus ihrer Sicht Deutschland und die EU sich der Türkei gegenüber politisch unfair verhalten

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