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Die Türkei verstehen: Die DITIB-Debatte

21/05/2017 17:37 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 17:38 CEST
Christian Mang / Reuters

In den letzten Tagen standen im Fokus der deutschen Öffentlichkeit der DITIB-Dachverband und die angeschlossenen Moscheen. Der Vorwurf lautete, bei den DITIB-Moscheen würde es sich um den verlängerten Arm Erdoğans handeln.

Hierzu muss man wissen, dass die DITIB keine Erdoğan-Erfindung ist, sondern 1984 gegründet wurde. Die türkische Stammbehörde in Ankara wiederum war von Staatsgründer Atatürk persönlich gegründet worden, um den Islam staatlicher Regulierung zu unterwerfen und untersteht direkt dem türkischen Ministerpräsidenten. Die organisatorische Verbindung der DITIB zu der Diyanet änderte sich seit ihrer Gründung nicht.

Die Diyanet leiht den DITIB-Moscheen die Imame aus und übernimmt ihre Vergütung. Eine weitere Finanzierung erfolgt nicht, d.h. die Gemeinden müssen sich selbst tragen. Es ist eine falsche Annahme, die Vereinsleitungen oder das Moscheepublikum seien politisch einheitlich eingestellt und es handle sich um Erdoğan-Anhänger. In den Vereinsleitungen und unter den Mitgliedern finden sich Erdoğan-Anhänger, Erdoğan-Gegner und auch apolitische Bürger.

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Wenn Funktionäre des Dachverbands oder einzelne DITIB-Vereine Fehler machen sollten, dann muss der Rechtstaat wie bei jeder Straftat auch dem beharrlich nachgehen, die Verantwortlichen ausfindig machen und sie zur Verantwortung ziehen. Aber mit einer Verallgemeinerung tut man den vielen Hundert ehrenamtlich engagierten Menschen Unrecht. Die Gemeindearbeit ist zäh, sie kostet viel Zeit, die Moscheebesucher sehen die erbachten Leistungen als selbstverständlich an und sind selten mit dem gebotenen Service zufrieden. In den meisten Gemeinden sind daher bei anstehenden Wahlen kaum freiwillige Kandidaten zu finden. Üblicherweise flehen sich die anwesenden Mitglieder gegenseitig an diese eine Periode bitte zur Verfügung zu stehen.

Andererseits ist es ein Trugschluss zu glauben, alle religiösen Türken seien Erdoğan-Anhänger. Es gibt Erdoğan-Anhänger, die sehr selten oder überhaupt nicht in eine Moschee gehen und kaum eine islamische Pflicht erfüllen. Und es gibt viele „streng gläubige", die Erdoğan aus verschiedenen Gründen hassen. Auch diese Menschen sind in den DITIB-Gemeinden vertreten. Das Publikum eint das Wissen, dass im Vergleich zu Moscheen, die von irgendwelchen unbekannten Stiftungen getragen werden, hier die Imame in der Regel eine moderat-gemäßigte Interpretation des Islams predigen. Man braucht beispielsweise kaum zu befürchten, die Kinder würden sich dort zu Salafisten entwickeln.

Doppelpass

Die deutsche Öffentlichkeit stellt aktuell wieder den im Jahr 2000 von der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Schröder ermöglichten Doppelpass für Türken in Frage. Bis zu dieser Regierung galten diese Menschen als „Gastarbeiter" und „Gastarbeiterkinder".

Die Schröder-Regierung leitete mit der Modernisierung des in seinen Grundzügen aus 1913 stammenden Staatsbürgerschaftsrechts eine Wende ein. Sie erkannte an, dass es einen unumkehrbaren Zuwanderungsprozess nach Deutschland gegeben hat und dass die Mehrheit der „Gastarbeiter" und ihre Familien ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, also faktisch längst zu Inländern geworden sind. Die Reform hat ermöglicht, dass die hier geborenen Kinder von „Gastarbeitern" auch als Deutsche aufwachsen. Laut der letzten Volkszählung besitzen rund 250.000 Menschen türkischer Herkunft neben der türkischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit.

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Allerdings war offensichtlich nicht jedermann klar, dass ein Pass nicht sofort eine Loyalität zu einem Land herstellt. Sie entwickelt sich vielmehr im Herzen und in den Köpfen der Menschen. Diese Loyalität wird nun in Frage gestellt. Dabei empfinden selbst die erste und zweite Generation der türkischen „Gastarbeiter", die nur die türkische Staatsangehörigkeit besitzen, zwar die Türkei als ihre erste Heimat an; für sie ist aber Deutschland zu einer zweiten Heimat geworden.

Auffallend ist, dass die doppelte Staatsbürgerschaft nur im Fall von Kindern türkischer Einwanderer problematisiert wird. Dass Kanadier, US-Amerikaner, Russen, Schweizer ihre Doppelpässe erhalten und behalten, ist kaum jemanden ein Dorn im Auge. Auch nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz davon, dass im Falle von Kindern von Einwanderern aus Syrien, Iran, Algerien, Tunesien, Marokko, Eritrea oder Afghanistan (in den meisten Fällen handelt es sich also auch um Muslime) diese auch nicht den ersten Pass abgeben müssen, wenn sie Deutsche werden. Entweder, weil diese Staaten ihre Bürger aus der Staatsbürgerschaft nicht entlassen oder weil den Personen Nachteile im dortigen Land drohen würden wie z.B. im Bereich Erbrecht.

Auch die Türkei hatte früher in ihrer Verfassung verankert, dass niemand aus der Bürgerschaft entlassen werden darf. Im Zuge des Annäherungsprozesses an die EU wurde auf Bitten der Bundesrepublik das Staatsangehörigkeitsrecht geändert und die Entlassung aus der Staatsangehörigkeit ermöglicht.

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