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Eine Kindheit auf dem Bolzplatz: Es waren wahrlich goldene Zeiten

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CHILDREN FOOTBALL
Nick David via Getty Images
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Es waren wahrlich goldene Zeiten, als noch mit völlig zerfransten Bällen draußen auf dem Bolzplatz gekickt oder sogar über Zäune geklettert wurde, um der womöglich einzigen Leidenschaft nachzugehen. Es gab kein Handy, keine festen Uhrzeiten. Man ersuchte den Bolzplatz in der Hoffnung, dass eine kleine Gruppe dort kickt.

Wenn du den Ball hattest, warst du quasi der King, der Boss! Du hattest über das Team entschieden, wer mitspielen darf und wer nicht sowie über die Länge der Spielzeit. Oftmals wurde so lange gespielt, bis es dunkel wurde oder der Platzwart drohte. Erfahrungsgemäß waren alle Ausländer Dribbler und alle deutschen Spieler disziplinierte Abwehrspieler, die den Ball schnell abspielten.

Die ausländischen Spieler waren eher selbst- und ballverliebt. Du musstest teilweise den eigenen Mitspieler anschreien, damit er den Ball früher oder überhaupt abspielt. Einen Schiedsrichter gab es nicht. Der Spieler musste erst weinen oder im Sterben liegen, damit er wahrgenommen wurde, ansonsten lag er nur da oder hat sogar ein Eisbein bekommen, nur so zum Spaß.

Dann gab es noch den Spieler, der weisse oder rote Schuhe trug, manchmal in Kombination mit einem Stirn- oder Haarband. Er war immer der prädestinierte Techniker und Ballkünstler. Keiner kannte ihn, jedoch war er der Erste, den man ins eigene Team wählte. Damals waren Männer auch multitaskingfähig. Sie dribbelten und moderierten zugleich. Alles simultan. Sie waren Jay Jay Okocha.

Der Freistoß wurde erst dann getreten, als man diesen mit dem Meister Gheorge Hagi gebührend zelebrierte. Als Abwehrspieler und Treter war man der niederländische Jap Stam oder italienische Cannavaro.

Bei einem Tunnel wurde das Spiel kurz unterbrochen, um den getunnelten Spieler zu demütigen und herzhaft auszulachen. Das Spiel endete erst dann, wenn der Besitzer des Spielballs es so entschied. Oft musste er triftige Gründe erfinden, damit er den Spielabbruch rechtfertigen konnte. Erfahrungsgemäß erstreckte sich das Spiel dennoch um weitere 20-30 Minuten und in der Zeit wiederholte der Ballbesitzer seine Aussage, um die Glaubwürdigkeit zu erhärten.

Ein Totschlagargument war, dass die Eltern auf ihn warteten und er Ärger bekommen würde. Wenn der Ball verloren ging oder im stacheligen Busch landete, wurde auch dieses Argument angewandt. Der Ball durfte nicht verloren gehen, sonst waren die Eltern aufgebracht. Die Eltern waren unantastbar, Respektpersonen und schlicht heilig.

Ich denke, dass viele diese nostalgischen Ereignisse sowie Erfahrungswerte teilen und sich damit identifizieren können. Es waren schöne Zeiten. Zeiten der Spontaneität und gelebten Leidenschaft. Zeiten, in denen man bereits die ersten Kontakte und Freundschaften auf dem Bolzplatz pflegte und nicht auf dem elektronischen oder digitalen Weg

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