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Wie radikale Salafisten in ihren Wohnungen Gehirnwäsche betreiben

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SALAFIST
ASSOCIATED PRESS
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"Dennis, kommst du nachher mit zur Predigt?", fragt ihn Khalid. Er stimmt seinem Freund zu und sie machen sich auf den Weg. Mit dem Bus fahren sie zu einem Wohngebiet weit vom Stadtzentrum entfernt und stehen nun vor einem Appartement.

An der Tür ist zu lesen: "Meine Geschwister, herzlich willkommen." Dennis B. (Name geändert) ist ein 17-jähriger Jugendlicher mit türkischem Migrationshintergrund aus Baden-Württemberg. Er schildert seinen Besuch in einer salafistischen Wohnung.

Ein bärtiger jüngerer Mann öffnet den beiden Freunden die Tür. Verschiedene Bilder und Gemälde schmücken die Wand des Flurs. Auffällig ist ein großes Foto des salafistischen Predigers Pierre Vogel.

Ein Zitat von Yusuf Azzam, einem islamistischen Ideologen und Vordenker der Terrororganisation Al-Kaida befindet sich daneben: "Ein muslimischer Mensch erlangt Ehre durch den heiligen Dschihad."

Ein gläubiger Muslim kann nicht in einem islamfeindlichen Land wie Deutschland bleiben

Der Gastgeber führt die beiden Neuankömmlinge zu einem großen Raum am Ende des Flurs. Zwölf Menschen sitzen dort und lauschen einem alten Mann. Dennis erkennt sofort, dass sowohl Deutsche, als auch Araber anwesend sind, die meisten von ihnen noch ziemlich jung.

Nun blickt der Redner zu ihnen. Er hat einen langen Bart, tritt in orientalischer Kleidung auf und befindet sich auf einem erhöht platzierten Stuhl, um so besseren Sichtkontakt zur lauschenden Gemeinde herstellen zu können.

Er scheint Mitte 50 zu sein. "Ein gläubiger Muslim kann nicht in einem islamfeindlichen Land wie Deutschland bleiben, das ist Haram", sagt der Prediger zu seinen Zuhörern. Eine große Flagge hinter dem Prediger sticht sofort ins Auge: Schwarz, mit zwei Schwertern und der Aufschrift: Der heilige Dschihad. Sie befinden sich jedoch nicht in einer Moschee, sondern in einer möblierten Wohnung.

In der Wohnung der Salafisten

Spätestens jetzt merkt Dennis, wo er gelandet ist: Bei der Predigt eines salafistischen Imams in einer normalen Wohnung. Den Kreis um den Prediger bilden womöglich "Neuzugänge", also Konvertiten oder Interessierte. In den letzten Tagen hatte Dennis einige Artikel über Salafisten gelesen.

Diese radikalorientierte Gruppe lebt nach dem Prinzip der frühislamischen Zeit. Sie nennen sich "Die Altvorderen" und propagieren ein eigenes Staatsmodell mit islamischen Richtlinien, also mit der islamischen Gesetzgebung "Scharia".

Damit stehen sie für die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und treten deutlich als verfassungswidrige Bewegung auf. Seit Jahren versuchen sie, mit verschiedenen Kampagnen ihre extremistische Ideologie zu verbreiten.

Letzteres durch die bekannt gewordene "Lies-Kampagne", die 2011 vom salafistischen Prediger Ibrahim Abou Nagie gestartet wurde. Ziel war es, in Deutschland, Österreich und der Schweiz insgesamt 25 Millionen deutsche Koranexemplare zu verteilen, um für ihre radikale Idee des Islam zu werben.

Die Salafisten sind nun in ihren eigenen Wohnungen unterwegs.

Öffentliche Islamvorträge in deutschen Großstädten unterstützten die Korankampagne, vor allem Vorträge der salafistischen Prediger Pierre Vogel und Sven Lau, die aufgrund ihrer radikalen Art als "Hassprediger" bezeichnet werden.

"Hierbei ist das Ziel, Jugendliche zu erreichen, vor allem jene, die frisch zum Islam konvertiert sind", sagt ein Präventionsarbeiter aus Berlin, dessen Arbeit darauf abzielt, Radikalisierungen möglichst früh zu erkennen und Radikalisierungsprozesse mit präventiven Maßnahmen umzukehren.

Das verfassungswidrige Image der Salafisten führte verstärkt zur polizeilichen Beobachtung. Die Sicherheitsbehörden einigten sich darauf, zukünftig salafistisch-radikale Vorträge zu verbieten.

"Nach dem Verbot von öffentlichen Predigten erhielt ich überraschenderweise eine Einladung in eine Wohnung. Ich ging mit einem Freund hin. Es war eine normale Wohnung mit Küche, Bad und Zimmern. Alles schien normal. Als ich den großen Raum betrat, wo gepredigt wurde, sah ich die Bilder und die Fahnen an der Wand. Da wurde mir sofort klar: Die Salafisten sind nun in ihren eigenen Wohnungen unterwegs."

Dennis B. erzählt weiter von seinem Besuch in der Salafisten-Wohnung. "Das ist ein sehr einfaches Prinzip. Ein Angehöriger des salafistischen Kreises, der schon länger dabei ist, vielleicht auch schon selber predigt, zieht in eine eigene Wohnung. Dann lädt er viele zur Predigt ein, dadurch wird die Wohnung zum neuen Treffpunkt der Salafisten."

Liebe Gemeinde, lasst uns auch in den Krieg ziehen und für den Islam kämpfen.

Der inhaltliche Rahmen ähnelt den öffentlichen Predigten der radikalen Salafisten. Auf radikale Art und Weise wird versucht, jüngeren Menschen - sowohl "Geburtsmuslimen", als auch Konvertiten - deutlich zu machen, dass ein muslimisches Leben in einem "islamfeindlichen" Land wie Deutschland nicht geht.

Damit soll die These, ein Umzug in ein islamisches Land sei unumgänglich, wieder in den Vordergrund gestellt werden. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Denn das Problem hierbei ist, dass Gehirnwäsche betrieben wird.

Als angehender Islamwissenschaftler fordere ich die jungen Betroffenen der salafistischen Szene auf, die erzählten Geschichten zu hinterfragen. Denn es gibt auch Muslime, die ihre islamischen Pflichten in Deutschland erfüllen können, ohne jegliche Probleme zu haben. Mit diesen Worten möchte ich nochmals auf die falsche Position hinweisen, die radikale Salafisten heute vertreten.

Ablauf der Wohnzimmer-Predigt

Den Ablauf in der Wohnung schildert Dennis B., ehemaliges Mitglied der salafistischen Szene: "In der Wohnung trafen wir um die 10 Leute, darunter auch deutsche Konvertiten, einige von ihnen noch um die 20 Jahre alt. Der radikale Prediger erzählte über Kriege in den islamischen Ländern. Dann gab es noch einen Helfer des Predigers, der in den Vorträgen stets weinte und Wörter wie "Allahu Akbar" gerufen hat. Die mögliche Teilnahme am "heiligen Krieg" wird zunächst nicht erwähnt, das kommt erst einige Wochen danach."

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Diese Aussagen verdeutlichen die strategische Vorgehensweise der radikal-salafistischen Prediger. Nach der Einladung in eine Wohnung wird kontinuierlich Gehirnwäsche betrieben.

Nach einigen Wochen radikaler Predigt bildet sich eine emotionale Atmosphäre, die gleichzeitig das Ziel des radikalen Referenten ist: Die Jugendlichen zu inspirieren, vor allem durch Aussagen wie "Liebe Gemeinde, lasst uns auch in den Krieg ziehen und für den Islam kämpfen".

Dies soll die Zuhörer zur Ausreise ermutigen.

"Die Vorträge in den salafistischen Wohnungen sind sehr gefährlich. Ich rate den Jugendlichen, stets aufmerksam zu sein und auf keinen Fall die Wohnung der radikalen Salafisten zu betreten."

Mit diesen Worten will Dennis noch einmal unterstreichen, wie heikel und gefährlich solche Besuche bei diesen Wohnzimmer-Salafisten sind.

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