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Bitte nicht schießen, Herr Gauland!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GAULAND
Fabrizio Bensch / Reuters
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Alexander Gaulands Chomeini-Zitat bei ''Maybrit Illner" stammt nicht von dem verstorbenen Revolutionsführer Irans, sondern einem seiner geistigen Lehrer. Es hat eine Einleitung, die die AfD und der AfD-Vize in Erfahrung bringen sollten.

In der Sendung "Maybrit Illner" unter dem Titel "Hass auf die Politik - Gefahr für die Demokratie" hat Alexander Gauland (AfD) in seinem Duell mit dem Bundesjustizminister, Heiko Maas (SPD), einen Satz des früheren iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini zitiert: "Der Islam sei eine Ideologie - oder er sei nicht."

Das Zitat wurde erstens kontextfrei und zweitens ohne triftigen Bezug zum sozialen Kontext in Deutschland verwendet. Es sollte aber zur Pauschalisierung von Ansichten der Mehrheit der Muslime in Deutschland dienen und ihrer Religion als Ideologie vorzustellen.

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Das ursprüngliche Zitat lautet übersetzt aus dem Persischen in der richtigen Form: "Unsere Politik ist unsere Religiosität, und unsere Religiosität ist unsere Politik." In einem anderen Kontext lautet es: "Im Islam ist alles Politik."

Historischer Zusammenhang

Es stammt ursprünglich nicht von Chomeini selbst, sondern einem seiner geistigen Lehrer namens Hassan Modarres.

Mit diesem Satz wollte Modarres zur Zeit der britischen Machtexpansion im Iran kurz nach dem Ersten Weltkrieg noch mehr Einfluss auf damalige politische Verhältnisse auf der einen Seite, und der Machtergreifung vom damaligen Premierminister und späteren König, Reza Chan, auf der anderen Seite entgegenwirken.

Iran war während des Ersten Weltkriegs trotz seiner strikten Neutralitätserklärung Schauplatz der ausländischen Invasionen.

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Der von Gauland anders zitierte Satz aus einer Rede von Modarres aus dem Jahr 1923 in der damaligen Nationalversammlung Irans hatte eine Einleitung, die dem Leser mehr als Islamisten und ihre Ideologie Frauke Petry in Erinnerung ruft, die an der Grenze notfalls auf die Flüchtlinge schießen lassen wollte:

"Wenn eine Person die Grenze Irans ohne Regierungsgenehmigung überwinden und seinen Fuß auf den iranischen Boden setzen würde, indem wir die politische Macht besitzen, werden wir sie erschießen", sagte Modarres im Zusammenhang mit Invasion der ausländischen Mächte, bevor er in den nächsten Sätzen auf die Einheit von Politik und Religiosität hinwies.

Differenzierung fehlt

Gauland hat auch zwischen den Hauptspaltungen des Islam insoweit nicht differenziert, dass das erwähnte Zitat von einem schiitischen Geistlichen stammt, das später für die Rechtfertigung einer gewissen Staatslehre benutzt wurde.

Chomeini hat in den sunnitischen Gemeinschaften mit der schiitischen Staatslehre der Einstimmigkeit von Politik und Religion weniger Zustimmung erlebt.

Mehr zum Thema: Natürlich gehört der Islam zu Deutschland

Diese Lehre teilt hierzulande die Mehrheit der Muslime nicht, die bis zu 74 Prozent aus Sunniten besteht. Die erwähnte Staatslehre aus dem Iran wird auch von Sunniten in Deutschland nicht anerkannt, um überhaupt als Ideologie zu funktionieren.

Selbst die Mehrheit der iranisch-stämmigen Bevölkerung in den deutschsprachigen Ländern teilt diese Lehre nicht. Aus diesen Gründen hat der AfD-Vize wieder eine unpräzise Aussage getroffen.

Wer wird noch angesprochen?

Mit dem Chomeini-Zitat hat er aber auch ungewollt eine integrierte Minderheit angesprochen, die genau wegen der erwähnten Staatslehre ihr Land verlassen hat.

Der AfD-Vize ist aber nicht der einzige Politiker seiner Partei, der meistens nicht erwänht, dass fast 70 Prozent der Muslime in Deutschland nicht organisiert sind.

Das heißt, sie gehören nicht zu den islamischen Verbänden oder politischen Organisationen, um überhaupt eine Ideologie in Form einer vernetzten, politisch und sozial gegen das demokratische System und Grundgesetz mobilisierenden Denkweise zu voranzutreiben, die "nicht zu Deutschland gehört".

Zitate aus einem schiitischen Kontext für die Pauschalisierung der Ansichten von mehrheitlich sunnitischen Muslimen in Deutschland zu verwenden, haben in der ernsthaften, lösungsorientierten Politik eigentlich nichts zu suchen. Eben ein Teil von dieser Minderheit in Leipzig hat vor einigen Tagen einen Terrorverdächtigen überwältigt.

Politiker wie Gauland sollten viel mehr daran denken, nicht etwa als Donald Trump Deutschlands zu fungieren.

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