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Bei Roth darf man Geisterfahrer rechts überholen

23/03/2017 17:47 CET | Aktualisiert 23/03/2017 17:47 CET
TomasSereda via Getty Images

Zurzeit hört man überall Beschwerden darüber, dass Populisten wieder im großen Stile Erfolge feiern und dass so etwas doch einfach nicht wahr sein dürfe.

Nein, der real existierende Mensch darf doch einfach nicht so sein. Und wenn schon, dann soll er doch wenigstens hinter meiner Fahne herlaufen.

Ja, warum nur fallen Menschen immer wieder auf scheinbar einfache Lösungen für komplexe Probleme herein?

Nun, die Antwort lautet hier in Kurzfassung: Das von Haus aus eigentlich auf „Flüchten oder Kämpfen" programmierte menschliche Gehirn präferiert Routinenabläufe basierend auf als wahr angenommen Parametern. Oder um es allgemein verständlicher auszudrücken:

Die graue Masse zwischen unseren Ohren ist eine leichtgläubige, faule Sau.

Was den Bauplan von totalitären Staaten angeht, so ist dieser natürlich immer derselbe:

Konterfeis von großen Führern, Stärke suggerierende Symbole und Slogans, Propagierung der Überlegenheit des eigenen Volkes, einfache Botschaften, wir gut, die böse, und jetzt bitte alle jubelnd in die Fabriken und in den Krieg ziehen. Nichts Neues unter der Sonne.

Aber halt: Im Westen ja doch was Neues. Nachdem das obige Modell in Deutschland 1945 krachend gescheitert war, begann das daraus resultierende Trauma zeitversetzt in den letzten Jahrzehnten die allerseltsamsten, zuvor nie da gewesenen Blüten zu treiben.

An die Stelle eines selbstbewussten deutschen Staates trat nämlich in den letzten Jahrzehnten zunehmend ein Gebilde, welches die Bedürfnisse seiner „Ureinwohner" immer weiter in den Hintergrund rückte und in letzter Konsequenz damit anfing, ihnen ihre deutsche Identität abzusprechen, Stichwort:

Wir werden nicht rasten und nicht ruhen, solange sich im Land derjenigen, die schon länger hier leben, sich auch nur eine einzige vegane muslimisch-jüdisch-orthodoxe Transgender-MenschIn beim Weg aufs Baustellenklo auch nur eine einzige Sekunde lang diskriminiert fühlt!

Kampf gegen Nazis, Denke aus der Kolonialzeit

Während man sich in diesen Gefilden in Bezug auf die indigene Bevölkerung also gerne totdiffenziert und bei jeder noch so kleinen Zuckung sofort den Verdacht äußert, man habe es gerade mit dem verschollenen Sohn oder der verschollenen Tochter von Adolf Hitler und Eva Braun zu tun, so wird Minderheiten gerne - aufgefordert oder unaufgefordert - mehr zugestanden, als es für den inneren Frieden des Landes zwingend zuträglich ist.

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Das Spannende hieran ist, dass sich hinter der Fassade „moderner Fairness" des diese Entwicklung vorantreibenden linksgrünen Milieus wohl eher eine ebenfalls in der Zeit verschobene Geisteshaltung, nämlich eine aus der Kolonialzeit, verbirgt:

Der Schwarze schnackselt halt gern, der Moslem schlachtet seine Ziegen im Wohnzimmer, na, die sind halt so, da kannst du eh nichts machen. Oh, jetz' guck doch mal, was mein Flüchtling Tolles kann.

Mit Wahrnehmung auf Augenhöhe hat das jetzt natürlich überhaupt nichts zu tun, der Unterschied zu früher äußert sich jedoch im Ergebnis, nämlich der Ableitung einer zur Kolonialzeit 100% konträren Politik:

Mehr zum Thema: Erdogans Politik ist höchst effektiv und explosiv zugleich

Polizeirazzien nur auf Samtfüßchen, Alkohol und Schweinfleisch am besten generell verbieten, Vergewaltigungsopfer fortan „Erlebende sexualisierter Gewalt" nennen und immer schön eine Axtlänge Abstand halten.

Und für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass das irgendeinen, der hier schon länger lebt, jetzt doch ein bisschen deprimieren sollte, dann kann er ja Blockflöte spielen und in seiner ganz privaten Umgebung Weihnachtslieder singen. Dies gerne auch das ganze Jahr lang.

Macht man sich die Mühe und betrachtet das Ganze auch einmal kurz von der anderen Seite, also als ausnahmslos positiv wird ein derartiger Ansatz natürlich auch nicht bei seinen vermeintlichen Nutznießern, nämlich Menschen mit Migrationshintergrund mit oder ohne deutschen Pass, gesehen:

Die nicht ganz so Schlauen halten sich dadurch für überlegen und verachten das schwache Deutschland, welches sich unaufgefordert vor ihnen in den Staub wirft; und die Intelligenteren ahnen, dass als Ergebnis auch wieder eine Zeit kommen könnte, in der dann wieder überhaupt nicht mehr differenziert wird.

Die Claudi, ich find' die voll empathisch

Kommen wir jetzt - nur einige wenige Sätze später - endlich zum Titel dieses Artikels.

Claudia Roth, die grüne Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, hat am 14.03.2017 eine deutlich härtere Haltung gegenüber der Türkei gefordert. Dies finde ich aus folgenden Gründen überaus bemerkenswert:

Bei Claudia Roth handelt es sich um eine Ikone der sich-Totdiffernzierer, der sofort-Deutschen-Nazi-Vorwürfe-Macher und der Liebhaber von unaufgeforderten deutschen Unterwerfungsgesten.

Mehr zum Thema: Wir denken falsch über Populismus - und das kommt uns teuer zu stehen

Hier als ganz kurzer Exkurs: Dies jetzt bitte auf gar keinen Fall mit Willy Brandts Kniefall im Jahre 1970 in Warschau verwechseln, das sah zwar auch wie Schwäche aus, war aber ganz große Stärke.

Claudia Roth hat sich im Laufe ihrer politischen Karriere immer wieder für ein buntes Deutschland - bei dem es sich in ihrem Kopf wohl weniger um einen Staat, als eher um eine Art lustige Hippie-Kommune unter strenger bessermenschlicher Kontrolle handelt - ausgesprochen.

Sie ist bei einer Demonstration mitgelaufen, auf der ein „Deutschland, du mieses Stück Scheiße"- Plakat hochgehalten wurde und sie hat häufig betont, was für ein tolles Land doch die Türkei sei und 2016 Visa-Freiheit für die Türken gefordert.

Was nun Angela Merkels - aus Schwäche und dem Schielen auf linksgrüne Stimmen geborene - „Flüchtlingspolitik" betrifft, so hat sie dieser applaudiert, obwohl hier doch eigentlich eine fremde Fischerin in ihren Gewässern die Netze ausgeworfen hatte.

Doch die Zeiten, sie ändern sich nun einmal, und die Schwerkraft funktioniert erstaunlicherweise auch in Bezug auf linksgrüne Utopien ehemals konservativer Regierungsparteien.

Warnung vor Geisterfahrern aus beiden Richtungen

In einer nicht auf dem Kopf stehenden Land würden normalerweise Grüne und Linke auf Regierungsebene utopische Linkspolitik machen, dies würde nicht funktionieren, viele Leute bekämen irgendwann das Grausen und sie würden dann eine konservative Partei wählen.

Claudia Roth hat hier jedoch gerade das große Glück gehabt, dass ihre Partei gar nicht an der Regierung beteiligt gewesen ist, als Deutschland im Herbst 2015 für die meisten völlig überraschend mit einer Neuauflage von „Spiele ohne Grenzen" auf Sendung ging. Und es war höchstwahrscheinlich auch die Angst vor Moralisten wie Claudia Roth, die Angela Merkel dazu gebracht hat, sich auf dieses überaus gefährliche Spiel einzulassen.

Doch nicht nur Angela Merkel, nein auch den Grünen weht mit Blick auf die diesjährige Bundestagswahl der Wind inzwischen mächtig ins Gesicht, denn sie werden inzwischen von einer steigenden Anzahl von Menschen als peinlich belehrend und dabei höchst unglaubwürdig empfunden; in letzter Konsequenz als falsche Propheten, deren Schäfchen auf eine stark einsturzgefährdete Brücke geschickt werden.

Um hier jetzt also nicht noch mehr Stimmen zu verlieren, müssen die Grünen sich schnell profilieren, tja, und wie machen sie das jetzt wohl?

Richtig, sie werfen ihre Netze in fremden Gewässern aus.

Ätschebätsch Angela, wie du mir, so ich dir, und wie du selbst weißt, Glaubwürdigkeit ist stark überbewertet.

Und so steht auch im Jahre 2017 die politische Welt in Deutschland weiterhin fröhlich auf dem Kopf und Claudia Roth und Sahra Wagenknecht fordern mehr Härte von einer konservativen Regierungschefin, welche sich mit ihrer linksgrünen Geisterfahrt stark geschwächt und selbst in die politische Ecke manövriert hat, und deren Partei zur Krönung dann auch noch mit Konrad Adenauers 60 Jahre alten Slogan „Keine Experimente" wirbt.

Was machen eigentlich gerade die ganzen arbeitslosen Satiriker.

Lesenswert:

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