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Vom Leben "illegaler" Flüchtlinge in Deutschland (Teil 1)

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Nicht selten leben "illegale" Flüchtlinge auf der Straße. Foto: Einstein

Wie weit gehen Menschen, um ein Ziel zu erreichen? Wie weit gehen sie, wenn sie Angst haben, getötet zu werden, und wie weit, wenn sie einfach nur billigen Spaß wollen? Viele Monate lang habe ich an dieser Recherche gearbeitet. Schon während der Vorbereitungen zeichnete sich ab, dass mir das Ergebnis wohl nicht gefallen wird. Ich sollte Recht behalten.

Diese Reportage besteht aus zwei Teilen. Dies ist Teil 1, Teil 2 erscheint morgen.

Es ist Anfang Juni 2016. Vor wenigen Monaten schlossen Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien ihre Grenzen für Flüchtlinge und andere Migranten. Die Balkanroute, über die noch im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen nach Österreich und Deutschland geflohen waren, ist damit dicht.

Auch der höchst umstrittene Pakt der Europäischen Union mit der Türkei ist bereits unter Dach und Fach. Die Flüchtlinge sitzen auf dem Balkan und in Griechenland unter menschenunwürdigen Bedingungen fest.

Vielen haben kein angemessenes Dach über dem Kopf, schlafen in Zelten, unter Paletten oder in aus Sperrmüll zusammengezimmerten Baracken. Auch Decken und Schlafsäcke sind Mangelware. In einigen Lagern sind sogar Nahrungsmittel und Medikamente knapp.

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Griechische Flüchtlingscamps im Mai und August 2016. Fotos: Maulbronn hilft

Wo ein Wille ist...

...ist manchmal auch ein Weg. Man braucht nur das gewisse Kleingeld und einen pfiffigen Schleuser. Vereinzelt gelangen trotz geschlossener Grenzen noch immer Flüchtlinge bis nach Deutschland. Sie sind illegal hier, können keine Leistungen beziehen. Sie sind auf sich allein gestellt. Und ich möchte mehr über sie erfahren.

Sie fliehen vor Krieg und landen im Nächsten

Ich treffe mich mit einer sächsischen Flüchtlingshelferin. Sie hat keinen besonders leichten Stand und möchte daher namentlich nicht genannt werden.

Zu groß sind die "alltäglichen Anfeindungen". Da müsse sie nicht noch Öl ins Feuer gießen, indem sie Interviews gibt. Ich nenne sie einfach mal Dagmar Müller. "Die Flüchtlinge haben Angst in ihrer Heimat, haben Angst auf der Flucht und jetzt haben sie auch noch Angst hier, wo sie eigentlich sicher sein sollten", erzählt sie.

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"Außerdem mahlen die behördlichen Mühlen zu langsam. Die Menschen sitzen hier dicht auf dicht in den Erstaufnahmeeinrichtungen und drehen Däumchen. Sie haben kaum Privatsphäre, nichts zu tun und fühlen sich einfach nur wertlos. Sie bekommen ja ein bisschen was davon mit, wie außerhalb der Einrichtung diskutiert wird. Sie wollen keine Schmarotzer sein. Aber sie dürfen nicht arbeiten."

Ein Teufelskreis: Sie fliehen vor Krieg und landen im Nächsten. In den Erstaufnahmeeinrichtungen werden sie den Ewiggestrigen sogar noch auf dem Präsentierteller serviert. Die Anschläge auf Asylantenheime explodieren geradezu.

Waren es in den Jahren 2011 bis 2013 noch zweistellige Zahlen (18, 24 und 58 Anschläge), so wurden in 2014 bereits 247 und 2015 sogar 1.077 Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verzeichnet.

Die Suche nach einem illegalen Flüchtling

Wie ergeht es also denen, die illegal ins Land kommen und somit gar nicht registriert wurden? Dagmar Müller sagt, sie kenne keinen illegalen Flüchtling, nennt mir aber eine neue Kontaktperson aus Köln.

Es beginnt ein Kette von Vermittlungen. Niemand will einen illegal eingereisten Flüchtling kennen. Ob das so der Wahrheit entspricht oder der Flüchtling einfach nur geschützt werden soll - ich weiß es nicht.

Es ist Mitte Oktober 2016. Dagmar Müller meldet sich überraschend zurück. Ich solle mich bei einer Flüchtlingshelferin in Norddeutschland melden. Auch sie möchte nicht namentlich genannt werden. Für diesen Bericht nenne ich sie Sandra Melzer.

Sie ist Ende zwanzig und engagiert sich seit ihrer Jugend für Obdachlose. Mit Beginn der Flüchtlingswelle 2015 landeten auch immer mehr von ihnen auf der Straße, erzählt sie mir. Und so weitete sich ihr Aktionsrahmen aus. "Klar waren auch unter den Obdachlosen der letzten Jahre immer wieder Refugees", sagt Sandra Melzer.

"Aber das Verhältnis verschob sich schon krass." Es sei ja schon abzusehen gewesen, dass noch viel mehr kommen würden. "Wir haben es da echt ein bisschen mit der Angst bekommen", sagt sie. "Wohin mit all den Menschen?"

Tatsächlich habe es Anfangs nicht für alle einen Platz gegeben, aber im Großen und Ganzen sei das ganz passabel gelaufen - allerdings auch nur wegen der großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung.

"Ohne die freiwilligen Helfer wäre das eine humanitäre Katastrophe geworden", ist sich Sandra Melzer sicher.

Im April 2016 traf sie dann auf ein Ehepaar aus dem Sudan. Es war bereits zweimal nach Deutschland eingereist. Das erste Mal legal, das zweite Mal ohne das Wissen deutscher Behörden.

Ich fragte, ob es möglich sei, dass ich mich mit ihnen treffe. Nach Rücksprache mit dem Ehepaar wird dies leider verneint. Über eine eigens eingerichtete Skype-Adresse sei ein Interview jedoch realisierbar.

Abschiebungen sind willkürlich

Es ist der 20. Oktober 2016. Ich baue die Skype-Verbindung zur mir genannten Adresse auf. Ein Mann und eine Frau sitzen nebeneinander auf einer altmodischen Couch. "Ich bin Alex, das ist meine Frau Noreen", stellt sich mir das Ehepaar in überraschend gutem Deutsch vor.

Ich stelle mich vor und erkläre kurz den Werdegang meiner Recherche und meine Erwartungen an dieses Gespräch, nämlich zu erfahren, wie es Flüchtlingen ohne staatliche Unterstützung in Deutschland ergeht.

Meiner Einschätzung, dass Asylantenheime wie ein Präsentierteller fungieren, steht Alex skeptisch gegenüber. "Wir kommen aus dem Sudan", erklärt er.

"Wir haben immer wieder blutige Kämpfe in unserem Land. 2003 kämpfte die Sudan Liberation Army und die Justice and Equality Movement gegen die Regierung. 2004 kam es zum Waffenstillstand. Aber als es 2005 wieder zu Kämpfen kam, flohen wir nach Deutschland.

Wir kamen erst in ein Flüchtlingsheim. Und da fühlten wir uns schon sicher." Seine Frau stimmt ihm zu. "Es gab im Heim mehr Streit als außerhalb", sagt sie.

"Es war eine stressige Zeit im Heim. Alle waren sehr gereizt, weil sie nicht wussten, was nun geschehen wird, weil sie Angst hatten um Familie und Freunde in der Heimat." Ich erwiderte, dass sich die zahl der Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte seit 2005 etwa verhundertfacht hat. Das schockierte beide sichtlich.

Während Noreen und Alex in Deutschland waren, tobte in ihrer Heimat der Krieg. Hilfslieferungen wurden überfallen, Flüchtlingslager und Regierungsgebäude attackiert.

Auch Soldaten der Friedensmission African Union Mission in Sudan (AMIS), die mit logistischer Unterstützung der NATO für die Einhaltung des 2004 geschlossenen Friedensabkommens sorgen sollten, wurden angegriffen und getötet.

Ein von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am 12. Dezember 2005 veröffentlichter Bericht erneuerte die bereits seit 2004 erhobenen Vorwürfe gegen die sudanesische Regierung, bis in die höchsten Ebenen in Planung und Durchführung der Kriegsverbrechen in der Provinz Darfur verwickelt zu sein, was von der Regierung zurückgewiesen wurde.

Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt gegen Kriegsverbrecher im Darfur-Konflikt.

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Sudanesischer Kämpfer mit dem G3-Sturmgewehr. Foto: Steve Evans (Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Im Januar 2006 dann der Schock: Noreen und Alex erhielten Post. Ihr Asylantrag wurde negativ beschieden. Sie wurden noch im gleichen Monat zurück in den Sudan geschickt.

"Das war Willkür! Der Sudan ist kein friedliches Land", sagt Alex. Tatsächlich intensivierten sich bereits zwei Wochen darauf, Anfang Februar 2006, die Kämpfe erneut.

Gezielte Angriffe auf Flüchtlingslager sorgten dafür, dass 70.000 auf der Flucht befindliche Menschen erneut flüchten mussten. Als dann im Juni 2006 wegen massiver Kampfeinsätze auch das Welternährungsprogramm seine Arbeit einstellte, waren 400.000 Menschen von einer Hungersnot bedroht.

Die zweite Flucht: rund 6.000km Fußweg

"Wir wussten, dass wir fliehen müssen", erzählt Alex. "Aber wohin?" - "Es war nirgends sicher", ergänzt Noreen. "Eritrea, Äthiopien, Kenia, Uganda, Somalia... Der Sudan war nur das Zentrum dieses riesigen Krisengebietes. Wir wollten zurück nach Europa, aber da wollte man uns ja nicht haben."

Sie entschlossen sich dazu, dieses Mal nicht legal einzureisen. Aber wie? Vor ihrer ersten Flucht 2005 waren sie recht wohlhabend, aber damals ließen sie alles zurück. Als sie 2006 wiederkehrten, war das Haus leer.

"Alles geplündert", sagt Noreen. "Ein Nachbar sagte uns, dass die Regierung das Eigentum eines jeden Fahnenflüchtigen beschlagnahmt hat." - "Wenn die Rebellen nicht schneller waren", wirft Alex ein. Noreen und Alex standen vor dem Nichts. In einem Land, das sie nicht mehr erkennen.

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Ein Land, in dem die Bevölkerung sich selbst bekriegt, in dem helfende Menschen erschossen werden. In dem fliehende Menschen erschossen werden. In dem Hunger herrscht.

Alex erinnerte sich an die Geschichte eines Mannes, der ohne einen Dollar in der Tasche einmal um die Welt reiste und sagte Noreen: "Wir haben nicht nichts, wir haben nur wenig. Also können wir das auch! Genaue Angaben wollten sie mir gegenüber nicht machen, aber die Flucht erfolgte über Äthiopien, Eritrea, Ägypten und Griechenland. "Allein bis zur Mittelmeergrenze brauchten wir 6 Monate, da wir wegen Unruhen viele Umwege machen mussten, hier und da etwas für Geld oder Essen arbeiteten und fast die ganze Strecke zu Fuß zurücklegten", erzählt Noreen.

Vom Flüchtling zum Schleuser

Im ägyptischen Alexandria knüpfte Alex Kontakte zu Schleusern. Doch die angesetzten Preise konnte er beim besten Willen nicht bezahlen. Selbst die reine Überfahrt nach Griechenland kostete ein Vielfaches dessen, was das Paar zur Verfügung hatte.

Es gelang Alex, einen Mittelsmann davon zu überzeugen, sich seiner Dienste zu bedienen. "Ich war im Sudan ein angesehener Grafiker. Photoshop ist mein Zuhause. Auf meinem Laptop zeigte ihm, was ich kann.

Das berichtete er seinem Chef, der wiederum seinem und plötzlich hatten wir einen Deal. Ich wurde sozusagen selbst zum Schleuser." Alex fälschte von nun an Reisepässe zum Spezial-Tarif. "Freie Kost und Logie und später dann für meine Frau und mich das Komplett-Paket.

Auf diese Weise haben wir alle gewonnen." Ein riskantes Geschäft, aber die einzige Möglichkeit. Und zur Überraschung aller hielt sich der Schleuser an die Vereinbarung.

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Foto: Mark Kentner (Creative Commons Attribution 2.0 Generic)

Ankunft in Deutschland: Ankunft im Nichts.

Details über die Route von Ägypten nach Deutschland verraten sie mir nicht. Aber am 22. Januar 2007 betraten Noreen und Alex erneut deutschen Boden.

"Wir waren überglücklich", erzählt Doreen. "Endlich Frieden! Jetzt wird alles gut, dachte ich." - "Aber wir hatten keine Hilfe, so wie wir sie 2005 hatten", ergänzt Alex. "Wir waren illegal hier.

Wir hatten zwar Pässe, die uns durch die Grenzkontrollen kommen ließen, aber wenn wir staatliche Leistungen in Anspruch nehmen wollen, um eine Starthilfe zu erhalten, kommen wir auch damit nicht weiter. Unsere Freude wich ganz schnell der Erkenntnis, dass wir genauso vor dem Nichts stehen, wie im Sudan. Nur, dass hier kein Krieg herrscht und sich die Menschen nicht gegenseitig töten."

Die ersten Nächte verbrachte das Paar auf dem Flughafen. "Da sind immer Menschen, die wegen verpassten Flügen ein paar Stunden auf den Bänken schlafen", erklärt Alex. "Wenn du jede Nacht in einem anderen Terminal schläfst, fällt das nicht auf." Aber auf die Dauer ist das natürlich nichts."

"Eine unserer ersten Anschaffungen war eine deutsche Mobilfunkkarte", so Noreen. "Ich rief in der Flüchtlingsunterkunft an, in der wir nach unserer ersten Flucht waren. Doch die konnten uns nicht praktisch helfen, da wir ja illegal eingereist waren.

Aber vernetzten uns mit ein paar Freiwilligen, die außerhalb der Einrichtung Hilfsgüter sammelten. Und so bekamen wir schon mal warme Kleidung." Aber nach wie vor hatten Noreen und Alex ein wirklich großes Problem: Sie waren illegal im Land.

Sie mussten sich also entscheiden, ob sie staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen wollen, dafür dann aber auch schnell wieder abgeschoben werden, oder ob sie es ohne schaffen versuchen möchten. Dann aber ohne eine realistische Chance auf Arbeit.

Denn ohne Aufenthaltsrecht keine Wohnung, ohne Wohnung kein Bankkonto, ohne Bankkonto kein Job, ohne Job keine Wohnung. Ein Teufelskreis.

Wir schliefen unter Brücken, wurden verprügelt und angepinkelt

Noreen und Alex waren mehrere Wochen lang obdachlos. Manchmal kamen wir in einer Obdachlosenstube unter, konnten uns aufwärmen.

Aber die Plätze waren schnell voll. Oft gingen sie leer aus. "Es verging kein Tag, an dem ich nicht versuchte, irgendwo einen Hilfsjob zu bekommen", erzählt Alex. "Aber dass ich nur schlecht Deutsch sprach, Englisch mit starkem Akzent und dazu noch illegal hier war, schreckte die meisten Menschen ab."

Meist waren es spontane Gelegenheiten, die ihm ein paar Euro einbrachten. Zum Beispiel wenn er wildfremden Menschen bei einem Umzug half. "Ich habe sie zufällig getroffen und angeboten, beim Tragen der schweren Möbel zu helfen.

Da gab es dann 20-50 Euro bar auf die Hand. Das bedeutete dann für uns, dass wir dann ein bis zwei Nächte in einer billigen Absteige schlafen konnten - im Warmen, im Trockenen, in einem echten Bett!"

Doch solche Zufälle gab es nur selten. In der Regel schliefen sie unter Brücken, in Hauseingängen, in nicht verschlossenen Gartenhütten. "Schlimm war es an Wochenenden und nach Fußballspielen", erzählt Noreen.

"Wenn die alkoholisierten Männer an uns Obdachlosen vorbei zogen, konnten wir froh sein, wenn wir nur als nutzloe Penner oder speziell wir beide als Nigger beschimpft und angespuckt wurden. Manchmal nahmen sie uns das kleine Bisschen, was wir besaßen, weg, spielten damit Fußball. Manchmal verprügelten sie Alex, wenn er sie bat, das zu unterlassen.

Manchmal reichte es auch nur, dass er aufstand." - "Es gibt Menschen, die alles als Grund für eine Prügelei auslegen", wirft Alex ein.

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Foto: Krasznaiv Magdolna

"Einmal haben mich drei Männer nachts angepinkelt. Ich wurde dadurch wach und schrie", sagt Noreen. "Alex verteidigte mich und verprügelte die drei Männer. Er hat aber auch selbst Verletzungen einstecken müssen." Dies sei der Augenblick gewesen, an dem sie wussten, dass sie etwas ändern müssen - sofort.

"Vielleicht war es ein Zeichen des Herrn", sagt Alex. "Vielleicht wollte er damit sagen, dass wir uns dieser Situation nicht ergeben sollen. Es war eine schwere Aufgabe, aber eine, die wir meistern konnten."

Ich bin sprachlos. Sprachlos angesichts der Gewalt gegen Menschen, die bereits alles verloren haben, aber auch angesichts des Gottvertrauens in einer solchen Situation. Angepinkelt werden als göttliches Zeichen?

Wir gingen einen sehr ungewöhnlichen Weg

"Was habt ihr getan?", frage ich, um einerseits die peinliche Stille zu überspielen, andererseits aber natürlich auch zu erfahren, wie sie es schafften, nun schon seit fast zehn Jahren hier in Deutschland zu leben.

"Wir gingen einen sehr ungewöhnlichen Weg", antwortet Alex. "Wir prostituierten uns." - "Ihr beide?", möchte ich wissen. Sie nicken. Als ich frage, ob das nicht gegen ihre religiösen Vorstellungen verstoße, antwortet Noreen: "Der Vater hatte uns eine große Aufgabe gestellt. Warum wissen wir nicht.

Aber er hatte seine Gründe. Und er wollte, dass wir uns nicht aufgeben. Dass wir kämpfen. Aber das war sehr schwer, denn wir konnten nicht normal arbeiten. Wir hatten nicht einmal ein Dach über dem Kopf." - "Gott mag keine Prostitution", ergänzt Alex.

"Aber sie ist keine so schwere Sünde wie zum Beispiel jemanden zu töten oder den Glauben zu verlieren. Wir schaden niemandem."

Noreen war sehr beliebt, verdiente aber nicht viel. "Ich hatte Angst vor den anderen Prostituierten. Als ich das erste Mal dort aufkreuzte, sahen sie mich als Konkurrentin und vertrieben mich. Also ging ich ein paar Straßen weiter."

Da sie keinerlei Erfahrung mit diesem Geschäft hatte, wusste sie auch nicht, welche Preise marktüblich waren. "Sie fragten immer nur 'Zwanzig Minuten hier im Auto - wie viel?' und ich fragte zurück 'Zehn Euro?'. Das war natürlich viel weniger als bei den anderen Prostituierten. Trotzdem prellten mich nicht wenige Männer um das Geld oder sie verlangten Dinge von mir, die ich vorher schon ausgeschlossen hatte."

Mehr ins Detail möchte Noreen nicht gehen. Es fällt ihr sichtlich schwer, darüber zu sprechen. "Später habe ich die Preise angehoben", schiebt sie noch nach.

Alex bot sich auf dem Schwulenstrich an. Es gab weniger Interessenten, dafür verdiente er mit jedem Freier besser als seine Frau Noreen. Doch auch er wurde geprellt und vergewaltigt. "Es sprach sich herum, dass wir unsicher sind. Es gab auch Gerüchte, dass wir gar nicht legal in Deutschland sind. Sie wussten, dass wir nichts tun können", erklärt Alex.

Wir mussten endlich ankommen

Noreen und Alex gingen fast zwei Jahre lang auf den Strich. Sie verdienten zeitweise recht gut - steuerfrei versteht sich. Aber in einer Wohnung lebten sie trotzdem nicht. Sie hatten ja noch immer keine Papiere.

Sie mieteten sich in billigen Hotels ein, in denen keine Fragen gestellt werden. Und Alex knüpfte Kontakte. "Wir mussten endlich ankommen", sagt Noreen. "Wir waren in einem Land, in dem Frieden herrscht, aber wir waren trotzdem nicht in Sicherheit.

Das frisst dich von innen auf." Über den geknüpften Kontakt nahmen sie die Identität eines dunkelhäutigen Paares eines anderen EU-Landes an. Das kostete sie sehr viel Geld, aber mit diesen neuen Papieren konnten sich Noreen und Alex endlich frei bewegen und vor allem auch arbeiten.

"Nein, leider nicht", beantwortet Alex meine Frage, ob er nun auch in Deutschland als Grafiker arbeitet. Aber in welchem Beruf er arbeitet, möchte er mir nicht verraten. "Ich schäme mich nicht dafür, ich mag meinen Beruf. Die Arbeit macht mir Spaß. Aber es gibt nicht viele Firmen in der Branche. Ich möchte kein Risiko eingehen."

Noreen hatte inzwischen drei Anstellungen als Küchenhilfe in Restaurants. Momentan macht sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin.

Sie sind glücklich. Sie sind in Sicherheit. Sie sind angekommen. Endlich.

Lesen Sie morgen Teil 2 dieser Reportage
Ein ungewöhnlicher Test: Sind Noreens und Alex' Erlebnisse traurige Einzelfälle?
Morgen auf Huffingtonpost.de.

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