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Islam in Deutschland: Ein Plädoyer für orientalische Offenheit

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ISLAM IN DEUTSCHLAND
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Ist der Islam noch zeitgemäß? Anscheinend schon, der Islam und die Muslime hier in Deutschland und Europa zeigen das. Statt an dieser Stelle aber eine wissenschaftliche Debatte über die Zeitmäßigkeit des Islam zu beginnen oder wieder aufzugreifen, möchte ich eine andere These vertreten: Wir haben ein Kommunikationsproblem!

Wer ist denn der Experte für einen zeitgemäßen Islam, wenn nicht derjenige, der täglich einen Islam lebt?

Über Religion spricht man doch nicht, Religion ist Privatsache

Die Menschen sprechen übereinander und nicht miteinander. Ja, wir sollten mehr wagen, aber nicht mehr Islam, sondern mehr Kommunikation. Die gegenwärtige Debatte über Integration zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass übereinander geredet wird. Wann haben sie das letzte Mal mit einem Muslim gesprochen? Über Religion und so?

Darüber spricht man doch nicht, Religion ist Privatsache. Privatsache bedeutet, dass der Staat diese Angelegenheiten nicht regelt und nicht regeln kann. Es ist vielmehr eine Sache zwischen den Bürgern eines Staates. Der Staat kann zwar mit Gesetzen, Forschung und Mittelvergabe ein gemeinsames Miteinander fördern. Aber erzwingen kann er es nicht.

Vielmehr liegt es in der Verantwortung der Einzelnen, aufeinander zuzugehen und ein Gemeinwesen zu schaffen.

Wenn Jürgen Habermas in seiner Theorie kommunikativen Handelns die Gesellschaft als einen Raum der Kommunikation darstellt, so ist es die Verantwortung der Einzelnen diesen Diskurs zu führen. Eine Gesellschaft, die diese Diskurse nicht führt hat ein Problem. Der Dialog ist die Grundlage einer friedlichen Gesellschaft.

Der Philosoph Rainer Forst erklärt anhand seines Toleranzbegriffes, dass es für die derzeit viel beschworene Toleranz drei Ebenen erfordert: Ablehnung, Akzeptanz, Zurückweisung.

Toleranz bedeutet also trotz Ablehnung, ein Nachvollziehen der Gründe, eine Akzeptanz dieser Gründe und schlussendlich doch eine Zurückweisung der Position. Für eine gelebte Toleranz bedarf es also trotz einer ersten Ablehnung der Gründe ein Aufeinanderzugehen. Gleichzeitig heißt Toleranz jedoch auch trotz Austausches von Gründen noch verschiedener Position zu sein.

Diese Verschiedenheit ist elementar für eine pluralistische Gesellschaft. Der zweite Schritt, nämlich das Nachvollziehen, bleibt jedoch oftmals auf der Strecke.

Wissen Sie, ob in Ihrem Stadtteil eine Moschee existiert, waren Sie mal dort? Interessiert es Sie?

Der Islam ist eine Herausforderung und er ist deshalb eine Herausforderung, weil unter dem Begriff "Islam" ganz viele Vorurteile zusammenkommen. Anhand von Äußerlichkeiten entzünden sich Diskussionen über diese Vorurteile. Jeder glaubt, die Position des anderen zu kennen.

Die kopftuchtragende Frau ist unterdrückt, der Mann mit Bart ist Terrorist.

Wann haben Sie sich das letzte Mal überraschen lassen? Wann sind Sie das letzte Mal auf jemand Fremdes zugegangen und haben ihn gefragt, wer er ist?

Eine Bekannte, die Kopftuch trägt, erzählte kürzlich von ihren Erfahrungen. Ein Mann schrie sie an, sie sei eine IS-Anhängerin, eine Frau in der U-Bahn erklärte ihr, sie habe ja nichts gegen Muslime aber... und hier liegt der Kern des Problems: Wir glauben nicht nur zu wissen, was der Islam ist, wir glauben aufgrund äußerlicher Merkmale und Vorurteilen zu wissen, wie dieser Mensch ist.

Ein aufrichtiger Dialog, der Probleme benennt, fragt und Positionen austauscht, ist so schon lange nicht mehr möglich.

Toleranz und Offenheit heißt nicht gleich Islamisierung des Abendlandes

Aus der persönlichen Erfahrung im interreligiösen Dialog kann ich berichten, wie bereichernd es ist, sich über Glaube und Werte auszutauschen. Man lernt faszinierende Menschen kennen. Dazu gehört aber vor allem eins: Mut. Mut zur Veränderung und Mut sich auf den anderen einzulassen.

Sowohl für mich, als auch für meinen Gesprächspartner bedeutet das jedoch Überzeugungen zu erklären, zu rechtfertigen. Ein solch offener Dialog führt zwangsläufig auch dazu die eigenen Positionen zu hinterfragen. Im Falle einer Glaubensgemeinschaft, wie des Islam bedeutet das für unsere Gesellschaft zwangsläufig eine Herausforderung.

Sind unsere Gesetze noch zeitgemäß? Ist die Rolle der christlichen Kirchen noch zeitgemäß? Müssen wir den muslimischen Gemeinden nun ebenfalls diese Privilegien einräumen?

Wenn eine Integration des Islams gelingen soll, braucht es einen offenen Dialog darüber, welche Bedürfnisse und Probleme tatsächlich existieren und was diese Integration braucht. Durch das offene Gespräch wird zwangsläufig eine Reformation entstehen. Die im Gespräch zu klärenden Fragen werden zwangsläufig zu einer Neupositionierung führen.

Dieser Dialog wird bereits geführt, leider viel zu oft nur als Elitenprojekt. Gehen Sie doch mal raus und führen Dialog, offen und neugierig. Lernen Sie etwas über den anderen und über sich selbst. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Erfahrungen aus der Präventionsarbeit zeigen, dass die beste Extremismusprävention das Gespräch ist. Akteure der Präventionsarbeit wie der Verein Ufuq.de führen diesen Dialog in Schulen und anderen Einrichtungen. Dabei steht die Präventionsarbeit unter dem Motto: "Wie wollen wir leben?" Eine Frage die es gemeinsam zu beantworten gilt.

Ob Nichtmuslim oder Muslim, stellen Sie sich dieser Herausforderung für unsere Gesellschaft

Ich plädiere an dieser Stelle für ein Miteinander, statt eines Nebeneinanders. Probieren Sie es aus, suchen Sie das Gespräch. Toleranz und Offenheit heißt nicht gleich Islamisierung des Abendlandes.

Im Gegenteil ein wenig "orientalische Offenheit" in der U-Bahn, auf der Straße oder auch auf dem Sportplatz schafft Vertrauen für ein gemeinsames Miteinander. Es muss ja nicht gleich eine Diskussion über die Existenz Gottes oder Aufklärung sein.

Sie werden feststellen, dass der Großteil der Muslime nicht mehr oder weniger extrem ist als der Rest der Gesellschaft. Ob Nichtmuslim oder Muslim, stellen Sie sich dieser Herausforderung für unsere Gesellschaft.

Religionsfreiheit darf weder als Abwesenheit von Religion verstanden werden, noch darf sie das Ende einer Diskussion sein. Im Gegenteil Religionsfreiheit bedeutet die Gründe für die eigene religiöse Überzeugung darlegen zu können und zu dürfen.

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