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Toter Flüchtlingsjunge: „Wir wollen, dass die ganze Welt es sieht"

04/09/2015 15:43 CEST | Aktualisiert 04/09/2016 11:12 CEST

Die Geschichte hinter dem Foto vom toten Flüchtlingsjungen Aylan

Natürlich muss man das Foto nicht zeigen, um die Tragödie der Kurdis anschaulich zu machen. Man kann auch diese beiden nehmen: Das eine ist einige Monate alt und zeigt zwei lachende Kinder. Der dreijährige Aylan und sein fünfjähriger Bruder Galip sitzen da auf einer Couch, zwischen ihnen ein gelber Teddy-Bär in rosafarbenem Kleid.

Das andere Foto wurde an diese Freitag in Kobane aufgenommen. Es zeigt drei Holzsärge. In Ihnen liegen Aylan, Galip und ihre Mutter Rehan.

Im Jahr 2012 wurde Aylan geboren, ein Jahr nachdem der Krieg in Syrien begann. Das Jahr in dem die Flucht der Shenus begann. Die Familie lebte in Damaskus, Vater Abdullah Shenu arbeitete dort als Friseur, bis der Krieg die Familie erst nach Aleppo und schließlich nach Kobane trieb.

Als die Granaten des IS im September letzten Jahres auch dort einschlugen, flüchteten sie wie tausende andere in die Türkei. Erst dort, inmitten eines riesigen kurdischen Flüchtlingsstromes, wurden aus den Shenus die Kurdis.

Eigentlich wollten sie nach Kanada

„Ich habe versucht sie zu unterstützen... Ich habe ihnen sogar die Miete in der Türkei bezahlt", berichtet Aylans Tante Teema gegenüber Reportern der kanadischen Tageszeitung „Ottawa Citizen".

Vor über 20 Jahren war sie ins kanadische Vancouver ausgewandert. Gemeinsam mit Freunden und Nachbarn, so erzählt sie, habe sie Geld gesammelt, die nötigen Sicherheiten bei der Bank hinterlegt und Behördengänge erledigt, um die Familie nach Kanada zu holen.

„Verpflichtungserklärung"

Das Regierungsprogramm, das dies zumindest theoretisch ermöglicht nennt sich „G5" und entspricht etwa dem, was in Deutschland „Verpflichtungserklärung" heißt. Die Kurdis könnten dann nach Kanada einreisen, wenn sich mindestens fünf kanadische Staatsbürger verpflichten, ein Jahr lange für sämtliche Kosten der Flüchtlinge aufzukommen.

Dazu müssen die Kurdis allerdings vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR als Flüchtlinge anerkannt sein. Doch ohne Pass gelingt ihnen dies nicht. Wie zehntausende andere Kurden genießen die Kurdis in Syrien keine Staatsbürgerschaft.

Im Juni dieses Jahres schließlich bekommt Tante Teema die ernüchternde Mitteilung des kanadische Innenministerium, die den Antrag ablehnt und die Fahrt übers Mittelmeer für die Kurdis zur letzten Option macht.

Tagsüber schwimmen europäische Touristen, nachts syrische Leichen

Bodrum heißt die türkische Urlaubsregion, deren Spitze nur fünf Kilometer von der griechischen Insel Kos entfernt liegt. Tagsüber schwimmen in dem türkischen Badeort Touristen, nachts schwemmen die Wellen Kleidungsstücke und die Überreste von Schlauchbooten an den Strand. Fährunternehmen bieten hier Fahrten für 20 Euro pro Person an. Kinder unter sechs fahren kostenlos. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten: für Europäer, nicht für Syrer.

4000 Euro soll die Familie für die fünf Kilometer kurze Fahrt bezahlt haben, berichtet der Dubaier Fernsehsender Alaan-TV. Irgendwann am frühen Mittwochmorgen besteigen die Kurdis eins von zwei kleinen Schlauchbooten. Maximal zehn Menschen passen dort hinein. Von 17 Personen wird später ein Überlebender gegenüber der BBC berichten. Was dann passiert, berichtete Abdullah Kurdi selbst gegenüber dem syrischen Radiosender Rozana:

„Die Türken [die Schleuser] sprangen ins Wasser und dann brach eine Welle über uns zusammen. Ich schnappte meine Söhne und meine Frau und wir hielten uns am Boot fest. ... Ungefähr eine Stunde blieben wir so, dann starb mein erster Sohn und ich musste ihn loslassen, um dem anderen zu helfen. Dann starb auch er und ich ließ auch ihn los, um seiner Mutter zu helfen, aber ich sah, dass sie tot war. ... Drei Stunden blieb ich im Wasser bis die [griechische] Küstenwache kam."

„Wir wollen, dass die ganze Welt es sieht"

Es ist gegen sechs Uhr morgens, als ein Fischer am Stand von Bodrum die ersten Leichen entdeckt. Rund 20 Kilometer entfernt von jenem Ort, an dem das Schlauchboot der Kurdis viele Stunden zuvor abgelegt hatte. Kurz darauf erreicht die Polizei den Ort. Neben den Brüdern Aylan und Galip sowie Mutter Rehan zählen sie neun weitere Leichen. Neun weitere Menschen werden noch vermisst, vermutlich sind auch sie tot.

Auch eine Reporterin der türkischen Nachrichtenagentur Dogan kommt an den Strand und schießt das Foto von Aylan, das zum Symbol des europäischen Versagens in der Flüchtlingskrise und weltweiten Medienereignis wird. Sein Burder Galip liegt nur wenige Meter entfernt. Auch von ihm gibt es ein Foto.

Beerdigung in Kobane

Ausgestreckt mit blauer Hose und Shirt liegt Aylan auf dem Rücken. Den Kopf hat er zum Wasser gedreht, als würde er die Wellen beobachten. Videoaufnahmen zeigen, wie ein Polizist ihn auf seinen Armen davon trägt, zärtlich, als halte er ein schlafendes Baby im Arm.

Am Freitagvormittag werden Aylan, Galip und Rehan Kurdi in Kobane beerdigt. Auch Abdullah ist in die Stadt zurückgekehrt. Kamerateams umringen ihn. „Sie weckten mich immer und sagten, Papa lass uns spielen. Das ist vorbei", sagt er sichtlich überfordert in eine der Kamerateams. Dass er er nur den Wunsch habe, seine Familie zu beerdigen. Und noch etwas sagt er - über das Foto seines toten Sohnes: „Wir wollen, dass die ganze Welt es sieht."

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