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Warum wir unbedingt ein neues Miteinander in den Unternehmen brauchen

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Und dabei ging es mit so viel Elan und Hoffnung in das, was man Karriere nennt: Studium durchgezogen, gut abgeschlossen und zwischendurch erste Praxisluft geschnuppert.

Bei klangvollen Unternehmen auf coole Jobs beworben und einen bekommen. Vielleicht schon ein paar Mal "aufgestiegen" oder den Arbeitgeber gewechselt, mehr Verantwortung, mehr Gehalt.

Und nach ein paar Jahren das:

Der Tag beginnt für viele schon mit einem unguten Gefühl. Der Wecker klingelt - warum? Die Arbeit! Mit einer tiefen Unlust im Bauch schleppt man sich zum Job, ärgert sich über Kollegen, den Chef, die eigenen Unzulänglichkeiten.

Diese Unzufriedenheit führt dann oft zur inneren oder sogar realen Kündigung - dann mit der Hoffnung auf Besserung im nächsten Job.

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Das Problem ist größer als gedacht

Was wir hier sehen, ist der unglückliche Job-Verlauf vieler talentierter, gut ausgebildeter Menschen - Menschen, die Unternehmen dringend brauchen!

Ich sehe hier ein Problem, das ich als Unternehmer unbedingt angehen und lösen will. Ja, sogar lösen muss.

Denn, wenn wir es nicht lösen, dann steuern wir nicht nur mikroökonomisch, das heißt in Bezug auf einzelne Unternehmen und Karriereverläufe, auf eine ungute Zukunft zu, sondern auch volkswirtschaftlich.

Wir müssen jetzt die Chance nutzen und die Arbeitswelt und Organisationen erschaffen, die wir in Zukunft brauchen werden, um erfolgreiche Unternehmen zu haben, in denen Menschen einer erfüllenden Arbeit nachgehen können.

Wir leben in einer Zeit des fundamentalen Wandels. Die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft hat einen Paradigmenwechsel in der Wertschöpfung von Unternehmen eingeleitet, der erstens nicht aufzuhalten ist und zweitens eine riesige Chance für gute Arbeit darstellt.

Viele sind in alten Kulturen gefangen, die unglücklich machen

Dieser digitale Wandel von Wirtschaft und Arbeitswelt hängt mit dem beruflichen Glück oder Unglück jedes und jeder einzelnen zusammen.

Denn Unternehmen entscheiden sich auf neue Technologien und innovative Geschäftsmodelle zu setzen - und diese Veränderungen treffen ziemlich hart auf das, was in vielen Jahren zu dem geworden ist, was wir heute als Unternehmensrealität kennen: eine gewachsene und oft konfrontative Kultur, alte Hierarchien und Befindlichkeiten von Führungskräften, unharmonische Teams, stumpfe Tätigkeiten der Mitarbeiter, ineffiziente Strukturen und Prozesse.

Dahinter steckt eine Unternehmenskultur, die sich zu einem Gegeneinander anstatt einem Miteinander entwickelt hat.

In genau diesen "Charaktereigenschaften" einer gewachsenen Organisation sehe ich den Ursprung für die oben skizzierte Unzufriedenheit von Mitarbeitern.

Die gute Nachricht ist: Wir wissen, was wir ändern müssen. Die schlechte ist: Als Einzelner hat man keine Chance. Deshalb ist es umso wichtiger, den nötigen Kulturwandel zur Chefsache zu machen - so wie ich das derzeit auch in meinem Unternehmen mache.

Ich fasse das Ganze in vier Ansatzpunkte für ein neues Miteinander zusammen:

1. Wir müssen einen Grund haben morgens aufzustehen, der größer ist als das Gehalt

Für mich als Unternehmer ist es das Größte, Mitarbeiter zu haben, die täglich ihr Bestes geben und über sich hinaus wachsen.

Und ich bin davon überzeugt, dass Mitarbeiter mit ihrer Arbeit zufriedener sind, wenn sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden und ihr Bestes geben können.

Organisationspychologische Studien haben gezeigt, dass diese Situation erst dann entsteht, wenn jeder Einzelne in einer Organisation weiß, warum es diese Organisation eigentlich gibt, was sie zum Zweck hat und welche Vision hinter ihr steht.

Wenn sich Mitarbeiter mit dem Zweck ihres Unternehmens identifizieren, sind sie deutlich zufriedener und sind in der Lage, ihre beste Leistung zu bringen.

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Das bedeutet in der Praxis: Man muss - egal, in welchem einem Unternehmen man arbeitet und welche Funktion man inne hat - den Sinn und das "Warum" immer wieder erleben können. Die Amerikaner sagen dazu: "Purpose before paycheck!"

Für Unternehmenschefs ist hierfür eine oft ungewohnte Beschäftigung mit dem Sinn hinter der eigenen Firma notwendig, der mehr mit Werten als mit Zahlen zu tun hat.

2. Wir brauchen eine Kultur des Gebens und Hilfesuchens

Wenn ich auf den Zustand in vielen deutschen Unternehmen schaue, werde ich ganz unruhig.

Ich-Orientiertheit, wohin man schaut, wer zu etwas werden will, muss auf sich, seinen direkten Einfluss auf das Unternehmensergebnis und althergebrachte Leistungskennzahlen schauen.

Führungskräfte bewahren ihr "Herrschaftswissen", üben Druck auf ihre Teams aus und geben damit den Druck weiter, den sie selbst von oben bekommen.

Die Ent-Menschlichung, die so mancher durch die Digitalisierung befürchtet, ist hier doch schon lange Realität.

In einer solchen Un-Kultur ist keine Innovation möglich, kein Austausch auf Augenhöhe und keine Kreativität - und damit letztlich auch kein persönliches Glück.

Die amerikanische Forschung zeigt sehr deutlich, dass Organisationen, in denen das Geben über das Nehmen dominiert, deutlich innovativer und zukunftsfähiger - und damit menschlicher - sind.

Wenn ich als Mitarbeiter mein Wissen, meine Ideen, meine Expertise, meine Zeit geben und damit teilen will, brauche ich natürlich einen Anlass.

Damit sind wir bei der zweiten notwendigen Eigenschaft von innovativer Kultur: Hilfesuchen und damit zu Kollaboration aufrufen. In vielen Köpfen herrscht nach wie vor die Angst, mit einem Hilferuf inkompetent zu wirken - aber das ist das Ergebnis organisationaler Unehrlichkeit.

Heute kann niemand mehr alles relevante Wissen auf sich vereinen - wir müssen miteinander an Lösungen arbeiten. Indem ich Unwissen offen lege und eine Lösung suche, mache ich mich verletzlich, aber damit auch menschlich! Und damit sind wir beim nächsten Punkt.

3. Wir brauchen Vertrauen und Ehrlichkeit und keine Masken

Im Job unzufrieden zu sein, hat oft auch etwas damit zu tun, dass man kein Vertrauen von Vorgesetzten oder Kollegen spürt.

Es fehlt ein Gefühl der Sicherheit. Das ist aber nicht nur Gift für die eigene gefühlte Zufriedenheit.

Fehlt innerhalb einer Organisation das Vertrauen ineinander und die Ehrlichkeit, auch eigene Fehler oder Missstände zugeben zu können, so bewegen wir uns in einer Unternehmenskultur, in der kein Erfolg gedeihen kann.

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Wenn man sich das bisher beschriebene Konstrukt einer offenen und sinngeleiteten Kultur vor Augen führt, ist es offensichtlich, dass es nicht ohne Vertrauen und Ehrlichkeit geht.

In vielen Organisationen bedeutet das auch, dass man Masken ablegen muss, die früher getragen wurden, zum Beispiel um Status zu sichern.

Vertrauen erzeugen ist leicht gesagt und extrem schwer getan: Denn Vertrauen ist nichts, dass man selbst herbeiwünschen kann. Vertrauen entsteht in Interaktion und in Situationen in denen man als Mitarbeiter merkt, dass man die Freiheit hat, das zu tun, was man für richtig hält, ohne ständig kontrolliert zu werden.

4. Fazit: Wir brauchen machtfreie Kommunikation, Anreize und Messbarkeit

Vermeintlich weiche Faktoren wie Vertrauen, Sinn oder Kollaboration stehen für eine neue Menschlichkeit, die immer wichtiger wird.

Damit dieser Trend aber nicht in einer Gefühlsduselei und an den Vorurteilen alter Eliten scheitert, benötigen wir eine klare Verankerung dieser neuen Werte und Leitlinien im Leistungsmanagement der Unternehmen.

Das heißt, wir müssen Handlungsweisen wie Kollaboration und gegenseitige Befähigung messbar machen. Wer sich für ein neues Miteinander einsetzt, muss auch dafür belohnt werden.

Damit aber nicht genug: Um ein neues Miteinander zu erschaffen, braucht es eine andere Kommunikation. Das heißt einerseits eine transparente und für alle offene Kommunikation über moderne soziale Medien und offene Büroarchitektur.

Aber abgesehen von dieser technischen Seite, ist auch eine Kommunikation ohne hierarchische Barrieren nötig - in den Kommunikationswegen genauso wie im Stil. Jeder muss mit jedem sprechen und Dinge entwickeln können.

Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn wir diese neue Kultur des Miteinanders erschaffen, dann sind nicht nur unsere Unternehmen erfolgreicher und gestärkt für die Zukunft, dann ist auch jeder einzelne von uns zufriedener im Job.

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