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Was jeder über Gebärdensprachen und Gehörlosigkeit wissen sollte

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Lisa Quarfoth via Getty Images
Lisa Quarfoth via Getty Images

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Keiner weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland die Gebärdensprache sprechen, es gibt nur Schätzungen. Und die liegen zwischen 80.000 und 200.000 Menschen. 80.000 ist auch die Zahl der Gehörlosen, die in Deutschland leben. Natürlich spricht nicht jeder Gehörlose die Gebärdensprache und nicht jeder, der Gebärdensprache spricht, ist gehörlos, aber das nur am Rande.

Viel interessanter als die genaue Anzahl der Sprecher ist aber die Frage, was das eigentlich sein soll, „die" Gebärdensprache.

Tatsächlich gibt es nicht nur eine, sondern viele Gebärdensprachen. Sozusagen für jedes Land eine eigene. Insgesamt sind heute 138 verschiedene Gebärdensprachen bekannt, die zusammen etwa 5.000.000 Sprecherinnen und Sprecher haben. Vermutlich gibt es noch viel mehr.

Diese Gebärdensprachen sind größtenteils nicht miteinander verwandt und manche haben sich auf abgelegenen Inseln ohne den Einfluss anderer Sprachen entwickelt (etwa auf Bali oder eine auf Mauritius gesprochene Gebärdensprache).

Ein Sprecher einer Gebärdensprache versteht also meist den Sprecher einer andere Gebärdensprache nicht oder nur sehr schlecht - es handelt sich einfach um verschiedene Sprachen mit anderen Wörtern und anderer Grammatik, wie bei uns auch. Deswegen spricht man auch nicht von einer „Zeichensprache", das klingt irgendwie so, als gäbe es keine richtige Grammatik. Man kann die Unterschiede zwischen den Sprachen schon anhand einzelner Wörter sehen. Hier gibt es ein schönes Online-Lexikon zu vielen verschiedenen Gebärdensprachen, durch das man sich klicken kann.

Auf dem Bild oben sehen Sie, wie ich „Deutsche Gebärdensprache" (kurz: DGS) gebärde (ich bin übrigens hörend und kann nicht gerade gut gebärden). Die Gebärde für „Deutsch" ist bei einigen DGS-Sprechern umstritten. Sie gleicht den Gebärden für „Staat" und „Polizei" und leitet sich von der deutschen Pickelhaube ab.

Beim letzten Wort, dem Wort für „Sprache", sieht man, dass nicht alle Wörter reale Vorbilder in der Welt haben (und auch nicht haben können). Im Bild kann man außerdem gut sehen, dass sich mein Mundbild verändert. Da die erste Gebärde Verschiedenes heißen kann, ist das ganz praktisch. Solche Mundbilder gibt es aber nur in manchen Gebärdensprachen. Und zwar nur in Ländern, in welchen Gebärdensprachen früher diskriminiert und unterdrückt wurden. So auch lange in Deutschland.

Gebärdensprache funktionieren genau wie Lautsprachen

Lange Zeit hatte man geglaubt, Gebärdensprachen seien keine wirklichen Sprachen, sondern nur nachahmende Pantomime. Diese Ansicht änderte sich erst mit dem 1960 erschienenen Buch „Sign Language Structure" des US-Amerikaners William Stokoe.

Dieser konnte zeigen, dass Gebärdensprachen in ihren kleinsten Einheiten genau wie Lautsprachen funktionieren. In Lautsprachen kombiniert man nämlich Laute zu Silben und Silben zu Wörtern. Laute sind wie die Atome einer Sprache. Ein einzelnes Atom bedeutet nichts, tauscht man jedoch einen dieser Grundbausteine aus, ändert sich die gesamte Struktur. So macht es im Deutschen einen Unterschied, ob man „Maus" oder „raus" sagt, obwohl sich die Wörter nur in einem Laut unterscheiden.

Genau das gleiche gilt für Gebärdensprachen. Bald fielen Forschern überall auf der Welt noch mehr verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Laut- und Gebärdensprachen auf: Wie in Lautsprachen kann man über alles sprechen, auch über Abstraktes, wie in Lautsprachen gibt es Dialekte. Außerdem erkannte man, dass Gebärdensprachen über gleich komplexe Grammatiken verfügen wie Lautsprachen und auch genau gleich von Kindern erworben werden.

Gebärdensprachen spricht man mit den Händen, mit dem Gesicht, dem Torso und manchmal mit dem Mund. Sonst unterscheiden sie sich aber nur wenig von Lautsprachen.

Gebärdensprachen entstehen überall dort, wo Menschen zusammenkommen, die nicht hören können. In seltenen Fällen sind auch schon gebärdensprachähnliche Strukturen unter Hörenden entstanden, wenn die Menschen nicht sprechen konnten (z.B. wegen des Lärms in amerikanischen Sägemühlen), nicht sprechen durften (z.B. in mittelalterlichen Klöstern mit Schweigegelübden) oder weil sie verschiedene Lautsprachen beherrschten, die zu unterschiedlich waren, man aber dennoch kommunizieren musste (bei bestimmten Ureinwohnern der USA).

Gehörlos versus „taubstumm"

Gehörlos zu sein und eine Gebärdensprache zu sprechen gehören zwar oft zusammen, gehen aber nicht immer Hand in Hand. Die Gehörlosigkeit an sich ist zunächst einmal nichts anderes, als die medizinische Feststellung, dass jemand nicht hören kann. Wer allerdings nicht hören kann, ist natürlich trotzdem zu Lautäußerungen fähig. Deswegen wird der Begriff „taubstumm" von Gehörlosen oft als Beleidigung aufgefasst. Außerdem stammt diese Bezeichnung noch aus einer Zeit, in der man glaubte, Gehörlose könne man nicht bilden (ich denke, ich brauche nicht genauer darauf einzugehen, dass das vollkommener Blödsinn ist).

Die Gehörlosenkultur

Wer mit Gehörlosen in Kontakt tritt, merkt schnell, dass sie ein wenig anders ticken, als Hörende. Das liegt daran, dass sich viele gehörlose Gebärdensprachensprecher als Teil einer eigenen Kultur sehen. Und das ergibt auch Sinn, schließlich haben sie eine eigene Sprache.

Und nicht nur das: Sie haben auch einen eigenen Humor, eigene Poesie, eigene Lieder und eigene Konventionen im Umgang miteinander. Im Englischen hat es sich deswegen schon lange eingebürgert, zwischen „deaf" mit kleinem und „Deaf" mit großem D zu unterscheiden. Als „deaf" bezeichnet man Personen, die nichts hören und als „Deaf" Personen, die sich der Gehörlosenkultur verbunden fühlen.

Der Deutsche Gehörlosenbund definiert sogar „Gehörlosigkeit" gar nicht über das fehlende Gehör, sondern über die Beherrschung der Gebärdensprache. Und tatsächlich haben viele Gehörlose gar nicht das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt.

Die Gehölosenkultur ist eine sehr selbstbewusste Kultur. Daher zielen Gehörlose normalerweise auch nicht darauf ab, Mitleid zu erregen. In zahlreichen deutschen Großstädten sind jedoch immer wieder scheinbar gehörlose Menschen auf der Straße anzutreffen, die Spenden sammeln. In der Regel können sie davon ausgehen, dass es sich um Betrüger handelt. Wenn Sie Gehörlose unterstützen möchte, können sie Geld an den Deutschen Gehörlosenbund spenden, der zur Zeit jeden Cent gebrauchen kann. Und der Deutsche Gehörlosenbund sammelt nicht auf der Straße. Das ist auch nicht gerade seriös.

In Deutschland ist die Deutsche Gebärdensprache übrigens offiziell als Sprache anerkannt. Deswegen haben Gehörlose auch ein Recht auf einen Dolmetscher, vor allem, wenn sie mit Ämtern oder einem Arzt kommunizieren müssen.

Du beherrschst die Deutsche Gebärdensprache sehr gut und wohnst im Raum Stuttgart oder München? Für meine Doktorarbeit suche ich immer Menschen, die mir bei Übersetzungen helfen. Schreib mir einfach eine E-Mail, wenn du mir helfen willst!