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Was heißt "konservativ" im 21. Jahrhundert? - Ein Versuch der Erklärung

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KONSERVATIV
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Nicht erst seit der Einführung der Gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland vor einigen Wochen wird darüber diskutiert, was in der heutigen Zeit eigentlich „konservativ sein" bedeutet. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und hat sich auch immer weiter entwickelt, dass dürfte wohl kein Wissenschaftler und auch niemand sonst bestreiten. Doch was meint dann das Konservative. Im lateinischen steht „conservare" für bewahren. Doch was soll bewahrt werden, wenn sich doch die Gesellschaft immer weiter entwickelt?

Burke: "Alles als ein Erbe der Väter betrachten"

Als „geistiger Vater des Konservatismus" gilt der Brite Edmund Burke, ein Schriftsteller, Philosoph und Politiker. In seinem berühmt gewordenen Werk Betrachtungen über die französische Revolution gibt Burke gleich an mehreren Stellen einen Einblick in seine Haltung gegenüber dem zu Bewahrenden und der Entwicklung des Neuen:

Die bloße Idee einer neuen Staatsverfassung ist hinreichend um einen wahren Briten mit Ekel und Abscheu zu erfüllen. Zur Zeit der Revolution wünschten wir, was wir jetzt wünschen: alles was wir besitzen als eine Erbschaft von unseren Vätern ansehen zu können. Wir haben uns wohl vorgesehen, auf diesen Erbstamm kein fremdartiges Pfropfeis zu impfen, das sich mit dem ursprünglichen Gewächs nicht verwebt haben würde. Alle Reformen, die wir bis jetzt vorgenommen haben, sind von dem Grundsatz der Achtung für das Alte ausgegangen, und ich hoffe, ja ich bin fest überzeugt, alle, die noch jemals stattfinden mögen, werden sorgfältig auf Analogien der Vergangenheit, auf Autorität und Beispiel gegründet werden.

Es kommt nach Burke also alles darauf an, das Geschaffene der Vorfahren zu bewahren, bzw. jede Änderung nur so zu gestalten, dass der Nachlass dabei nicht geschädigt wird und im besten Falle vollkommen erhalten bleibt. Weitere Stellen in seinem Werk belegen dies abermals. Am eindrücklichsten schreibt er es ganz am Ende des Buches:

Ich erkläre mich (...) nicht gegen alle Veränderungen! Aber ich wünschte zu erhalten, selbst da noch, wo ich zu ändern genötigt wäre. Ich möchte nur dann zu meinen Arzneien schreiten, wenn große Übel mich aufforderten. Ich möchte die Ausbesserungen so genau als es nur möglich wäre, im Stil des alten Gebäude vornehmen.

Moderne Politik muss Schlechtes verändern wollen

Burke verweist anschließend nochmal auf die Leistungen der Väter. Mit Aussagen, wie diesen, wie sie im Buch zuhauf vorkommen, hat Burke dem Konservatismus eine Grundidee gegeben, eine intellektuelle Richtungsweisung. Sein Konservatismus hatte also eine reflektierte Grundlage. Aus heutiger Sicht muss man dagegen natürlich feststellen, dass Burkes Gedanken zum Teil ausgedient haben. Für sein Gesellschaftsbild gilt das selbstverständlich, aber auch seine theoretischen Gedanken zu Traditionen dürften sich nicht mehr einfach so in die heutige Welt übertragen lassen. Burke schließt zwar Änderungen nicht völlig aus, wie er selbst von sich schreibt, aber wenn, dürften diese nur ganz langsam kommen. Er würde nicht mal unbedingt etwas ändern, wenn es denn zwangsläufig von Nöten sei.
Freilich lässt sich das nicht mehr ins 21. Jahrhundert übertragen. Alle Konservativen, welcher politischen Partei und Vereinigung auch immer würden sich nicht dazu hinreißen lassen, etwas Schlechtes mit Absicht und wegen einem mangelnden Veränderungswillen einfach so bestehen zu lassen. Dies hätte mit moderner Politik nichts zu tun.

Je nach Grad des Konservatismus und dem eigenen Verbundenheitsgefühl mit dem Christentum kann der einzelne entscheiden, inwieweit die Bibel wörtlich zu nehmen ist. In Bezug auf das Konservative lässt sich aber eine Stelle finden, die durchaus ernst zu nehmen ist, fasst sie doch die Lösung wunderbar in einer Sentenz zusammen. Im „Ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher" steht geschrieben: „Prüft aber alles und das Gute behaltet" (1. Thessalonicher 5, 21). Besser könnt man es nicht wohl zusammenfassen und einfacher dürfte es nicht sein, eine zweckorientierte und pragmatische aber gleichzeitig konservative Politik zu betreiben. Hier liegt der große Kritikpunkt bei Burke, der bekanntlich auch notwendige Änderungen nicht unbedingt durchführen wollte.

Bei Veränderungen sollten Traditionen erhalten bleiben

Mit etwas anderem hat Burke aber vollkommen Recht. Etwaige Veränderungen sollten im „Stil des alten Gebäude" vorgenommen werden. Und damit liegt seine Interpretation wiederum sehr nahe an einem heutigen Vorschlag für praktische konservative Politik. In seinem Buch Was ist heute konservativ? - Eine Standortbestimmung schreibt der Historiker Andreas Rödder:

Konservatismus ist (...) an den Wandel gebunden. Und hier liegt die zentrale Unterscheidung: die Unterscheidung zwischen konservativ und reaktionär bzw., etwas zurückhaltender, traditionalistisch. Traditionalistisch ist eine Haltung, die nichts ändern will, die alles lassen will, wie es ist. Wer noch weiter geht und das Rad in eine vermeintlich gute alte Zeit zurückdrehen, vermeintlich bessere Zustände wiederherstellen will, steht an der Schwelle zum Reaktionären. Der Konservative hingegen weiß - ob es ihm gefällt oder nicht -, dass nichts zurückkommt. Ihm geht es darum, den Wandel, an dem kein Weg vorbeiführt, zu gestalten.

Den dauerhaften gesellschaftlichen Wandel gibt es, das wird man - wie schon am Anfang gesagt - nicht bestreiten können. Alleine für die Geschichte der Bundesrepublik ließen sich da zahlreiche Beispiele nennen. Widersprechen kann man Rödder allerdings sicherlich in dem, dass einzelne politische Entscheidungen sich bei Bedarf auch wieder zurücknehmen ließen um einen vorherigen, besseren Zustand wieder herzustellen. Die Modernisierung der Gesellschaft läuft aber zweifellos unaufhaltbar und das ist grundsätzlich nicht negativ.

Burke und Rödder haben einen Dissens, was die Notwendigkeit von Veränderungen betrifft. Sie stimmen aber darin überein, dass durchgeführte Veränderungen vertretbar sein müssen und die Werte dafür nicht aufgegeben werden müssen. Das Erbe darf dadurch nicht aufgegeben werden, so würde es Burke formulieren.

Der heutige Konservatismus braucht wieder intellektuelle Einflüsse

Das große Problem des heutigen Konservatismus ist - so schreibt es der Historiker Paul Nolte in seinem Buch Generation Reform - Jenseits der blockierten Republik - dass es in jüngerer Zeit keine Intellektuelle Anreicherung mehr gegeben habe. Die letzte große konservative Generation stamme noch aus den 30er-Jahren. Die politische Linke habe daher in Deutschland einen Vorteil errungen.

Wenn der Konservatismus diesen Rückstand wieder aufholen will, muss er als politische Bewegung wieder mit den Intellektuellen ins Gespräch kommen - zunächst einmal ganz unabhängig davon, welchem Lager diese sich selber zuordnen. Aber man wird auch nach einer jüngeren Generation konservativer Intellektueller fragen müssen.


Edmund Burke war sicherlich lange ein wirkungsvoller Intellektueller für den Konservatismus, doch schon seit längerem kann er nicht mehr in seiner Gesamtheit als Ideengeber dienen. Doch Nachrücker - vor allem im deutschsprachigen Raum - gibt es wenige. Doch genau diese könnten helfen, für das 21. Jahrhundert neue Ideen und Vorschläge in eine Debatte einzubringen Personen, wie der genannte Andreas Rödder oder beispielsweise der Journalist Jan Fleischhauer thematisieren es, teils wissenschaftlich, teils prominenter, aber davon braucht es mehr.

Eine pragmatische Politik die Schlechtes verbessert und Gutes als Tradition anerkennt

Eine gute konservative Politik im 21. Jahrhundert sollte sich vor allem nach pragmatischen Prinzipien richten. Die Methode eines großen Teils der politischen Linken, die sich häufig danach richtet, alles Neue sei gut und alles Alte sei aus Prinzip schlecht, kann da nicht hilfreich sein. Ebenso kann das moderne Deutschland nicht wieder in die fünfziger oder sechziger Jahre zurückversetzt werden, wie es manche politische Vertreter von Rechtsaußen ab und zu gerne hätten. Fehlgeschlagene politische Entscheidungen können rückabgewickelt werden, mehr aber auch nicht. Alles andere würde dem Land Schaden zufügen. Das was nicht funktioniert muss selbstverständlich geändert werden, das was aber funktioniert muss umso mehr Bestand haben. Aber den -seit 3000 Jahren voranschreitenden - gesellschaftlichen Wandel zu ignorieren wird dem Konservatismus auch nicht gut tun. Eine intellektuelle Verstärkung wird auch die Akzeptanz des Konservatismus verstärken. Eine gelungene konservative Politik ist da erfolgt, wo das Erbe der Väter nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft darstellt, wo das Schlechte verbessert, aber das Gute Bestand hat und als Tradition anerkannt wird.

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