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Ezinne Ukoha Headshot

Ich war Teil einer religiösen Sex-Sekte - die Erlebnisse verfolgen mich auch heute noch

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KIRCHE
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In Wirklichkeit dauerte mein Erlebnis zwar etwas länger als fünf Minuten, doch es besiegelte definitiv mein Schicksal als ernüchterte Christin, die ein riesiges Problem damit hat, sich Männern Gottes anzuvertrauen, die sich unter ihren Roben der Macht verstecken, um ihre blökenden Schäfchen kontrollieren zu können.

Von den Horrorfilmen, unter denen ich bereits als Kind - das aufs Internat verbannt worden war - gelitten habe, bis hin zu den behelfsmäßigen Veranstaltungen, bei denen mir diejenigen, die im Bann des Heiligen Geistes standen und in einem Rausch des Wehklagens mit ihrem apokalyptischem Geschrei die Ohren betäubten - war ich in diesem Zirkus, der zum Wohle der Verlorenen und Bedürftigen veranstaltet wurde, in der Vergangenheit immer ganz vorne mit dabei.

Anfang der Neunzigerjahre verließ ich Nigeria, weil ich in dem Land, in dem ich geboren worden war, mein Glück finden wollte.

In meiner Heimatstadt Lagos, die damals noch die Hauptstadt Nigerias war, hingen zu der Zeit überall dramatische Reklametafeln, die die abgestumpften Einheimischen dazu aufforderten, sich auf den Kreuzzug ihres Lebens zu begeben.

One-Way-Ticket ins Paradies

Menschen zu einem so starken Glauben zu drängen, dass sie ihre ohnehin fast leeren Geldbeutel für ein One-Way-Ticket ins Paradies öffnen, war schon immer ein lukratives Geschäft.

Auch wenn bereits so viele Fälle bewiesen haben, dass wir lieber die Finger von Systemen lassen sollten, die auf eine systematisch geplante emotionale und körperliche Ausbeutung aufgebaut sind, gibt es noch immer massenhaft Menschen, die einen Anführer anbeten, der tausende Anhänger als selbsternannter Prediger anleitet.

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Trotz der Kaltschnäuzigkeit, die hinter verschlossenen Türen plötzlich ans Licht kommt und trotz der Aussagen von Opfern, die unsichtbare Narben tragen, die niemals wieder verheilen werden - der Geist will, was der Geist braucht - verbreitet sich die Botschaft Gottes wie eine Krankheit von Geldbeuteln über Schwänze bis hinauf auf die Kanzel von Scham und Schande.

Die Kirche war anders als ich sie aus meiner Kindheit kannte

Als ich nach meinem College-Abschluss nach New York zog, war ich jung und wollte unbedingt alles ausprobieren. Ich hatte langweilige Jobs und ich lernte, wie zu erwarten war, überall neue Leute kennen.

Eine meiner neuen Freundinnen lud mich ein, mit ihr in die Kirche zu gehen, und ich sagte zu. Sie war eine hübsche, interessante Frau, und sie schien ein ehrliches Interesse daran zu haben, mich näher kennenzulernen.

Die Kirche war anders als die Treffpunkte, die ich in meiner Kindheit und in meinen Jugendjahren besuchen musste. Die Umgebung hatte etwas erschreckend Verführerisches an sich.

Alle Mitglieder waren jung und attraktiv und sie verfügten allesamt über bestimmte Merkmale, die ihnen offensichtlich den Zutritt zu diesem exklusiven Kreis ermöglicht hatten.

Der "Mann des Volkes" war ziemlich charismatisch und er trug auch keines dieser riesigen Gewänder, die mit dem Gebot des Kreuzes bedruckt waren. Er war gut gekleidet, attraktiv und witzig.

Er sprach mit einer unaufdringlichen Autorität und an seinem Blick konnte man erkennen, dass er dazu in der Lage war, die Festung im Griff zu behalten, die er erschaffen hatte.

Ich durchschaute das Funktionsschema ganz automatisch

Als ich die anderen Mitglieder besser kennenlernte, fand ich heraus, wie die Kommandozentrale aufgebaut war. Ich durchschaute das Funktionsschema ganz automatisch, als ich das Zusammenspiel der Mitglieder beobachtete und mich auch selbst mit einbrachte, was daher rührte, dass ich zum einen meine Neugier befriedigen und zum anderen unbedingt etwaige Missstände aufdecken wollte.

Nachdem die Formalitäten geklärt worden waren, folgte die Mission, mich zu einem vollwertigen Mitglied zu machen. Dies geschah in Form eines Prozesses, den ich mit höchster Wachsamkeit über mich ergehen ließ.

Im Laufe des Prozesses wurde ich immer wieder spontan zu Veranstaltungen eingeladen und ich wurde in Aktivitäten eingebunden, bei denen ich mich von meiner besten Seite zeigen sollte, damit meine langfristige Eignung als vollwertiges Mitglied überprüft werden konnte.

Die letzte Prüfung bestand aus einem Treffen mit dem Kirchenoberhaupt, der stets von derselben Gruppe junger Frauen umgeben war - natürlich fand ich später heraus, dass er sie alle schon irgendwann einmal flachgelegt hatte.

Das Treffen verlief gut, was jedoch daran lag, dass ich mich sehr bemühte. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie ein stinknormaler, gutaussehender Mann es mit ein klein wenig Hilfe von oben geschafft hatte, zu etwas ganz Besonderem zu werden.

Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich nicht einfach nur eine pessimistische Schlampe war, weil ich der Meinung war, dass Religion in Wahrheit nur ein Machtspielchen zwischen den Göttern ist, die wir zu solchen erheben, und zwischen ihren Anhängern, die unbedingt daran glauben wollen, dass sie endlich die Antwort auf ihre endlose Suche nach wahrhaftiger Bestätigung gefunden haben.

Anhänger verlieren ihr Bedürfnis nach Individualität

Von David Koresh über Jim Jones bis hin zu Eddie Long gibt es eine recht lange Liste von Psychopathen, die das Gewicht ihrer eigenen Sünden nicht alleine tragen konnten und deshalb auf die Unterstützung von bereitwilligen Anhängern angewiesen waren, auf die sie diese Last abwälzen konnten - und zwar auf eine Art und Weise, die sie selbst von jeglicher Schuld oder Verantwortung entband.

Diese Prämisse wird konsistent durchgezogen. Du musst deine Anhänger davon überzeugen, dass ihre Abhängigkeit von dir sehr viel wichtiger ist als ihr Bedürfnis nach natürlicher Individualität.

Sexuelle Machtausübung ist ein unerlässliches Mittel für diesen Zweck, das durch bestimmte Textstellen legitimiert wird, die zu dieser Nötigung aufrufen.

Verletzte Seelen müssen ebenso wie zerbrochene Gegenstände mit äußerster Präzision und der Geduld eines Jägers, der den Fall seiner Beute mit einem ausgeprägten Durchhaltevermögen abwartet, wieder repariert werden.

Ich bin noch nie in eine Quelle der Desillusion geraten, die zu tief war, um mich selbst wieder daraus befreien zu können. Manchmal habe ich mir gewünscht, auch so verletzbar sein zu können, damit ich das Gefühl der Leichtigkeit erleben kann, das entsteht, wenn man emotional eingelullt wird.

Leider bewahren mich mein Starrsinn und mein ausgeprägter Wahrnehmungssinn, um den ich nicht gebeten habe, davor, mich jemals derart zu unterwerfen.

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Am meisten fasziniert mich die Willenskraft dieser Verbrecher

Es dauerte nicht lange, bis ich die Freunde, die ich gefunden hatte, wieder verlor, weil ich mich bewusst rar machte. Das Ende kam ohne Umschweife. Damals konnte man noch einfach abtauchen, ohne danach permanent Nachrichten geschickt zu bekommen oder in den sozialen Medien verfolgt zu werden.

Ich zog einen Schlussstrich unter diese Erfahrung, doch meine Erinnerungen holen mich noch immer ein, wenn ich unter einer Kanzel sitze und mich frage, ob der Mensch, dem ich gerade zuhöre, seine Predigt empfangen hat, während er sich beim Konsum seiner täglichen Porno-Dosis einen heruntergeholt hat.

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Oder ob er vorhat, nach der Messe in eine der Körperöffnungen eines frischgebackenen Mitglieds einzudringen, das wiederum verzweifelt darum bemüht ist, den Schlüssel zum Königreich zu erhalten.

Unser Machthunger ist ein Instinkt, der in dem Moment entsteht, wenn wir laut weinend über die Kälte den Mutterleib verlassen müssen. Und dieser Machthunger kann verschiedene Formen annehmen, die von unserem Charakter und unserer Bildung abhängen.

Fünf Minuten lang war ich Zeugin davon, wie sehr das Leben von Menschen auf den Kopf gestellt werden kann, die im Bann von offensichtlichen Gaunern stehen. Und was mich nach wie vor am meisten fasziniert, ist die Willenskraft dieser Verbrecher.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei Medium und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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