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Evie Prichard Headshot

Für die Leute bin ich die unhöfliche blöde Tussi - wie es ist, keine Gesichter erkennen zu können

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PRICHARD FAMILY
evie prichard
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Einmal, als ich ungefähr 14 Jahre alt war, verließ ich das Haus und stieß mit meinem Nachbarn zusammen. Er ist ein netter, sympathischer Mensch, er lächelte und wir liefen gemeinsam zur U-Bahn-Station und unterhielten uns über unsere Pläne für die Ferien.

Als sich unsere Wege dort trennten, fragte er nach meiner Nummer. Und plötzlich war es gar nicht mehr mein Nachbar, sondern nur irgendein älterer Typ mit Glatze, der mir jedoch versicherte, dass er regelmäßig seinen Rottweiler vor unserem Haus ausführte...

Meistens nutze ich meine Gesichtsblindheit, Prosopagnosie, um andere mit Geschichten wie dieser zum Lachen zu bringen. Geschichten von Verwechslungen, in denen ich mich immer aufgrund der Tatsache, dass ich andere Menschen nicht erkennen kann, in peinliche Situationen bringe und mich selbst zum Narren mache.

So kann ich meine Erkrankung am besten in eine Unterhaltung einbringen, wenn ich neue Leute kennenlerne. Niemand steht darauf, wenn jemand, den man kaum kennt, Geschichten erzählt, die zu sehr auf die Tränendrüse drücken. Diese Selbstschutzstrategie hat dazu geführt, dass ich lange nicht begriffen habe, was mir diese Erkrankung abverlangt, besonders, als ich noch jünger war.

Enge Freunde erkenne ich nach ungefähr 6 Monaten

Denn werft mal von weitem einen Blick auf die Geschichte. Die Menschen lachen, wenn ich die Story erzähle, aber es ist auch beängstigend. Wie viele andere 14-jährige Mädchen, die grade langsam zu einer Frau heranwachsen, machte mir die plötzliche Aufmerksamkeit, die ich jetzt von Männern bekam, Angst.

Man rief mir Dinge nach, wenn ich auf der Straße an Gruppen von Männern vorbeiging und ich erschauderte innerlich. Ältere Männer, die einfach so ein Gespräch mit mir begannen, versetzten mich in Panik. Auf einmal begehrte mich die Welt und gleichzeitig war sie ein Minenfeld. Natürlich war ich unsicher. Und dann spazierte ich ganz entspannt mit einem Typen durch die Nachbarschaft, der ein paar sehr gefährliche Hunde besitzt.

Meine Prosopagnosie ist nicht die Schlimmste, aber sie ist schon ziemlich übel. Die Ärzte, die mir als Kind die Diagnose stellten, platzierten mich in den unteren 0,01 Prozent der Bevölkerung, aber auch nur deshalb, weil die Skala nicht weiter runter reichte.

Ich kann Menschen erkennen, wenn ich sie eine Weile kenne. Enge Freunde erkenne ich nach ungefähr sechs Monaten, andere Freunde und Bekannte nach ein oder zwei Jahren. Ich habe noch Glück gehabt, andere Erkrankte erkennen nicht einmal ihre engste Familie.

Ich habe Mechanismen entwickelt, mit denen ich mich durch die Welt bewegen und mir Menschen merken kann, aber sie sind immer noch anfällig für Pannen. Ich schreibe Menschen bestimmte Eigenschaften zu und merke mir diese, so dass ich weiß, um wen es sich handelt, z.B. so: Der rothaarige Typ mit der quadratischen Nase, den ich auf der Party von X getroffen habe.

Aber es muss sich nur ein Eintrag auf der Liste ändern und ich bin aufgeschmissen. Manche Menschen, oft sind es die attraktiven ohne hervorstechende Merkmale, erkenne ich überhaupt nicht.

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Evie als Kind.

Ja, die Prosopagnosie beeinflusst mein Leben in großem Maße, und ich beginne grade erst, damit klar zu kommen. Der erste Vorfall, an den ich mich erinnere, ereignete sich, als ich mit ungefähr 8 Jahren die Schule wechselte. Natürlich erkannte ich niemanden, aber ich war mir der Tatsache bewusst, dass in meiner Klasse zwei kleine blondhaarige Jungs waren.

Einer war unheimlich nett zu mir, er schenkte mir an meinem ersten Tag eine Pokemonkarte (Evee, das passte zu meinem Namen). Der andre war unnahbar, er war der Sohn der Direktorin. Einem war ich dankbar, der andere machte mir Angst. Ich kann euch gar nicht beschreiben, was es mir für einen Stress bereitete, die beiden auseinanderzuhalten.

Auf der weiterführenden Schule wurde es noch schlimmer. Nicht zu wissen, wer deine Freunde sind, macht dich ganz schön einsam. Besonders, wenn du ein paranoider Teenager bist, der grade in die Pubertät kommt.

Zwischen starkem Selbstbewusstsein und großer Verlorenheit

Jeder macht sich als Jugendlicher darüber Sorgen, was andere wohl über einen denken könnten. Ich konnte nicht einmal auf frühere Erfahrungen zurückgreifen, die mir sagen konnten, wie Menschen so sind oder was sie über mich denken.

Nicht zu wissen, wen man auf dem Schulflur anlächeln oder mit wem man sich in der Pause zusammensetzen konnte, welche Klassenkameraden nett sind und wer dich einen hoffnungslosen Fall nennt, ließ mich ständig zwischen starkem Selbstbewusstsein und einer großen Verlorenheit hin und her schwanken.

Ich denke, dass mir diese Erfahrung auf gewisse Weise geholfen hat. Als Teenager nahm ich immer ein Buch mit, wohin ich auch ging. Ich fürchtete mich vor dem Moment, in dem ich nicht mehr wusste, mit wem ich reden konnte. Jeder sieht, dass du ausgegrenzt bist. Wenn man liest, sieht es wenigstens so aus, als wäre es gewollt. Heute brauche ich diese Stütze nicht mehr, aber ich liebe es auch heute noch zu lesen.

Mehr zum Thema: Ein Experte erklärt: Daran erkennen Eltern, wenn ihr Kind in der Schule gemobbt wird

Andererseits habe ich es auch meiner Prosopagnosie zu verdanken, dass ich als Erwachsene unter Menschen gelassener geworden bin. Wenn ich als Kind dazu gezwungen war, mit anderen zu sprechen, dann musste ich mich immer verstellen. Ich musste so tun, als seien wir Freunde, obwohl ich überhaupt nicht wusste, ob das nun stimmte oder nicht.

Ich glaube, als Teenager hat dieses bombastische Selbstbewusstsein auf viele aggressiv gewirkt, aber es hat mir den Weg zu dem Menschen geebnet, der ich heute bin. Heute komme ich noch oft in die gleichen Situationen: Ich spreche auf Partys mit Menschen und habe keine Ahnung, ob wir uns nicht schon einmal irgendwo begegnet sind.

Aber über die Jahre habe ich eine Art Freundlichkeit entwickelt, die sich auf verschiedene Weisen deuten lässt. Vielleicht kenne ich dich, vielleicht bin ich nur eine wahnsinnig freundlich Fremde. Womöglich werde ich selbst nie wissen, wie genau die Situation sich jetzt darstellt, aber immerhin haben wir eine schöne Zeit, also wo ist das Problem?

Für einen offenen Umgang mit derGesichtsblindheit

Auf der Uni wollte ich über meine Prosopagnosie die Oberhand gewinnen und sie kontrollieren. Als ich im zweiten Semester war, begann ich eine wöchentliche Kolumne für die Unizeitung zu schreiben, meistens spielte die Gesichtsblindheit dabei eine große Rolle.

Plötzlich wusste jeder Bescheid. Die Leute stellten sich mir jedes Mal erneut vor wenn wir uns trafen und so wusste ich gleich, ob wir uns schon einmal getroffen hatten. Es war das Paradies. Zum ersten Mal hat mich meine Gesichtsblindheit nicht ausgebremst.

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Und bis heute habe ich mich von der Krankheit nicht mehr ausbremsen lassen. Jetzt als Erwachsene gehe ich sehr offen und direkt mit der Prosopagnosie um und erzähle den Menschen davon, wenn ich das Gefühl habe, ich könnte sie vor den Kopf stoßen.

Ich versuche auch, so oft wie möglich online in Artikeln und Interviews wie diesen über die Krankheit zu berichten und sie bekannter zu machen. Ich habe keine Angst mehr davor, das "gesichtsblinde Mädchen" zu sein. Immerhin ist das besser, als immer als "die blöde Tussi, die mich immer ignoriert" zu gelten.


Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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