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Rastlos? Ein Zeit-Kommentar

26/08/2015 11:02 CEST | Aktualisiert 26/08/2016 11:12 CEST
Thinkstock

Ich habe keine Zeit - was heißt das eigentlich? Mein Tag hat doch immer 24 Stunden, genau wie der aller anderen Menschen auch. Wo ist sie denn hin, die Zeit? Wird sie von grauen Herren geklaut, wie es Michael Ende vor 42 Jahren in Momo schrieb? Stehlen sie meine Professoren, mein Smartphone oder die Bahn, die Verspätung hat?

Ob ich Zeit habe, muss ich zuerst meinen Kalender fragen. Meistens sagt er: „Tut mir leid, die Woche ist bis oben hin voll." Vieles, was da steht, sind schöne Programmpunkte, aber Lücken gibt es trotzdem keine. Spontan sein geht im Unialltag fast nie.

Dass ich in den letzten Semesterferien ein paar Wochen lang tatsächlich mal „nichts" zu tun hatte - weder Praktikum, noch Reisen, noch Hausarbeit - erschien vielen unbegreiflich: „Wie, du hast Zeit?" Fast vorwurfsvoll klang das Erstaunen über diese Tatsache. Das hat mich nachdenklich gestimmt. Ist es wirklich die Regel, keine Zeit zu haben?

Bedürfnis nach Entschleunigung

Manchmal kommt es mir so vor, als drehten sich die Welt und die Uhren immer schneller. Und als versuchten viele kleine Menschlein, sich irgendwo festzuhalten, um nicht vom Karussell zu fallen, mit Meditation, Smartphone-Kur oder Schweigeurlaub im Kloster „runterzukommen", ihr Leben zu entschleunigen.

Dieser Trend zeigt sich auch an Yoga-Zentren, die aus dem Boden schießen wie Pilze und an Achtsamkeits-Zeitschriften wie Flow und Emotion Slow, die nach dem ersten Jahr ihre Auflagen erhöhen. Das Bedürfnis nach Entschleunigung scheint riesig zu sein, was dafür spricht, dass viele Menschen das Gefühl haben, die Zeit und das Leben liefe ihnen davon.

Woran liegt es, dass wir immer weniger Zeit haben? Die Supermärkte haben länger auf, wir können vieles im Internet bestellen, es gibt verkaufsoffene Sonntage, die Fernsehsendung können wir dann nachschauen, wenn wir Zeit haben.

Psychische Belastung

Versuchen wir heute also einfach mehr in unser Leben reinzuquetschen als früher? Zwischen über 15.000 Studiengängen kann man in Deutschland wählen, dazu kommen Praktika und Sprachkurse, Volunteerprojekte auf der ganzen Welt, Couchsurfing, jeden Abend ein anderes Konzert, jeden Tag neue Musik auf Spotify, ständig neue Sportarten, Reizüberflutung auf Pinterest und Instagram.

Seiten, die vielleicht vor allem dazu da sind, uns zu zeigen, was es noch alles gibt. Wir haben mehr Möglichkeiten als je eine Generation vor uns, aber immer noch hat der Tag nur 24 Stunden.

Da kann man ja gar nicht anders, als überfordert zu sein. Das Überangebot an Möglichkeiten - ein Luxusproblem, aber trotzdem ein ernst zu nehmendes. Auf der Suche nach dem richtigen Weg stehen wir unter dem Druck, dass nicht nur wir selbst, sondern auch andere von uns erwarten, möglichst viele Möglichkeiten auszuschöpfen.

Der Erwartungs- und Zeitdruck kann zur psychischen Belastung werden, mit der man nicht mehr alleine klar kommt. Immer mehr Studierende suchen zum Beispiel Hilfe bei der psychotherapeutischen Beratungsstelle der Uni Mainz, die seit Jahren eine steigende Zahl an Studierenden berät.

Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu verfliegen. Das kommt jedem von uns so vor, belegen auch Studien. Noch schneller als jetzt schon? Man muss doch irgendwie bremsen können. Am besten nicht erst, wenn nur noch die Notbremse hilft.

Die Forschung fand einen Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Zeitwahrnehmung: Erleben wir wenig Neues und Spannendes, bleiben auch weniger Erinnerungen und so erscheint uns die Zeitspanne kürzer. Wir können die Zeit also ein wenig bremsen, indem wir wieder mehr erste Male erleben.

Wie man die Zeit auch messen mag - in Sekunden, Minuten, in getrunkenen Kaffees, geleisteter Arbeit oder besichtigten Städten pro Jahr - unsere Zeit ist unser Leben. Wenn wir sagen „Wir haben keine Zeit", heißt das dann, wir haben kein Leben?

Dieser Beitrag erschien zuerst in Campus Leben


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